Rückkehr in die Provinz Fremdes Leben, fremde Frauen

Die Heimkehr als Chance: Jan Böttcher erzählt in "Das Kaff" vom Großstadtsnob, der zwischen Bolzplatz und Baustelle der heimatlichen Provinz das Abenteuer sucht.

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Eines der schönsten Bücher über die deutsche Provinz ist ein 1964 vom großen Carl Amery herausgegebener Essayband mit dem Titel "Die Provinz - Kritik einer Lebensform". Die dort versammelten Texte sind manchmal ernsthaft, manchmal amüsant, aber immer blitzgescheit. Martin Gregor-Dellin etwa schreibt über "eine deutsche Mittelstadt, an einem mittleren Fluss gelegen, umgeben von mittleren Hügeln" und berichtet später von den Spuren, die die Geschichte hinterließ, von "ein paar Gedenktafeln an fein renovierten Häusern".

Über 50 Jahre ist das her, und liest man nun Jan Böttchers "Das Kaff", wird einem rasch auffallen: Passt alles immer noch, sogar verblüffend gut. Der Fluss ist bei Böttcher die Ull, sie kommt von Süden in die Stadt, eine "lange silberne Schnur", die die Badenden schiebt und reißt. Hügelig ist es ebenfalls, und im Hof eines Altstadthauses, an der Remise, "informiert eine Plexiglasplatte darüber, dass hier seit dem 17. Jahrhundert eine Ratsherrenfamilie residiert."

Der junge Architekt Michael Schürtz hat dieser Stadt vor Jahren den Rücken zugewandt und sich in Berlin angesiedelt. Nun ist er also zurückgekehrt: Er hat von der Investorengruppe Christ Meckel Ahrens die Bauleitung für eine Anlage von Eigentumswohnungen anvertraut bekommen.

Hang zum Kontrollverlust

Er zieht in das Haus seines früheren Schulfreunds Greg, schläft trotz der heißen Junisonne auf dem Dachboden und verliert rasch jede Distanz zum lokalen Geschehen - bis auf die zu den Geschwistern, vor allem zu seinem Bruder Nuss, den er schon aus ästhetischen Gründen geringschätzt: "Und dann hat er am Ende eines dieser Glanzdächer draufgegossen, eine dunkelrote Glasur. Er hat ein völlig verheerendes Himbeerbonbonhaus gemacht", schreibt er einmal über dessen Eigenheimbau.

Jan Böttcher
Timm Kölln / Aufbau Verlag

Jan Böttcher

Er richtet es sich im "Kaff" schneller ein, als man es als Leser erwartet. Bald trainiert er die C-Jugend, "super Jungs", wie ihm versichert wird. Und ebenso bald beginnt er eine Liaison mit einer Spielermutter, sie wohnt in dem von ihm betreuten Neubauprojekt. Zwischenzeitlich umtänzelt er die Fallstricke seiner nicht zu unterschätzenden Baustellenverantwortung.

Der Großstadt-Zampano ("Schwarzes Oberhemd, Levi's, meine Budapester von Forzieri"), besitzt dabei einen Hang zum Kontrollverlust - einmal stellt er seinem eigenen Auftraggeber unauffällig ein Bein: "Eine Sekunde ist in eine andere Sekunde übergegangen und schon tropft Blut - auf die Papiere, auf die Treppe, aufs Hemd." Das Schöne: Der Idiot, der Zyniker, der Lügner, der er zunächst zu sein scheint, ist er trotzdem nicht. Das ist nur eine Rolle, gelernt in Berlin, deren Textzeilen und Handlungsweisen er hier auf dem Land schnell vergisst.

Böttcher widmet sich nicht zum ersten Mal der deutschen Provinz, zu nennen ist hier vor allem der wunderbare Gymnasialroman "Das Lied vom Tun und Lassen" (2011). Und er geht nicht das erste Mal so nah an deren Bewohner, dass es - ach, nein: nicht, dass es wehtut. Eigentlich ist es doch ein riesengroßer Glücksfall, wie akkurat er nicht nur die Szenerie, sondern auch seine Protagonisten zeichnet, bis in die Nebenrollen.

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Jan Böttcher:
Das Kaff

Aufbau Verlag; 269 Seiten; 20,00 Euro

Die Deppenjugendlichen im Fluss, die dem wesentlich älteren Schürtz gleich am Anfang des Buches vorlaut Prügel androhen. Die Fußballeltern, die zwar wollen, dass ihre Kinder vorankommen im Sport, den aber nie als Schutzraum für Kameraderie und damit verbundene Albernheiten sehen. Der alte Mann, der im Flüchtlingsheim den Kindern so verbissen das Singen beibringen möchte. Sogar die Unsympathen stattet er stets so aus, dass nicht alles verloren scheint. Dass man erkennt: Im Kern ist da was Gutes.

Nur in der zweiten Hälfte macht es Böttcher einem nicht ganz einfach. Denn auch, wenn er als Konstrukteur geschickt agiert, mehren sich da die Bruchstellen. Das Unterfangen, den präzisen, aber trotzdem komödiantischen Gegenwartsbericht zwischen Bolzplatz und Baustelle mit der Vergangenheit zu verweben, geht erst nach einer Weile auf, die eingestreuten Hinweise auf die Bruchstellen von Schürtz' Biografie wirken eher wie Stolpersteine, die Relevanz des unerhörten Ereignisses, das sogar am Totenbett des alten Platzwartes noch einmal angeschnitten wird, quasi im letzten Atemzug, mag sich dem Leser nicht recht erschließen.

"An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann"; lässt Böttcher einmal seinen Protagonisten sagen. Als Autor folgt er scheinbar dessen Maxime, fängt die Erinnerung immer erst im allerletzten Moment ein.

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insgesamt 2 Beiträge
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Onzlow 07.03.2018
1. Budapester von Forzieri
Hat mich neugierig gemacht. Habe aber keine Budapester bei Forzieri gefunden. Die haben vielleicht ein paar Oxfordschuhe im Angebot.
kumi-ori 08.03.2018
2.
Zitat von OnzlowHat mich neugierig gemacht. Habe aber keine Budapester bei Forzieri gefunden. Die haben vielleicht ein paar Oxfordschuhe im Angebot.
Sehr interessant. Aber an was für Schuhen erkennt man dann den Provinzler?
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