Zanna Sloniowska über Identität "Europa macht die Ukrainerinnen selbstbewusst"

Bist du pro Putin? Oder blickst du nach Westen? Solche Fragen stellen sich heute in Lemberg. In der traditionell multikulturellen Stadt spielt "Das Licht der Frauen", der Roman von Zanna Sloniowska.

Zanna Sloniowska
Rafal Komorowski

Zanna Sloniowska

Ein Interview von Katharina Koerth


Zur Person
  • Magda Skrzeczkowska
    Zanna Sloniowska, Jahrgang 1978, ist in der Ukraine aufgewachsen und lebt inzwischen als Autorin und Übersetzerin in Krakau. Ihr Roman "Das Licht der Frauen" verbindet die Lebenswege von vier Frauen aus vier Generationen einer Familie mit der multi-nationalen Geschichte der Stadt Lemberg, heute Lwiw.

SPIEGEL ONLINE: "Das Licht der Frauen" beginnt mit dem Tod der Opernsängerin Marianna, der Mutter Ihrer Protagonistin. Sie wird 1988 bei Protesten von einem Scharfschützen erschossen. Was waren das für Demonstrationen?

Sloniowska: Die Menschen haben damals für eine von der Sowjetunion unabhängige Ukraine protestiert. Als junges Mädchen habe ich diese Proteste selbst erlebt. Marianna und den tödlichen Schuss auf sie habe ich allerdings erfunden - in Wahrheit gab es zwar Gewalt, aber keine Toten.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie diesen Ausgangspunkt für Ihren Roman gewählt?

Sloniowska : Ich beschreibe die Proteste, weil kaum jemand von ihnen weiß. Damals haben alle auf die Solidarnosc-Bewegung in Polen geschaut, aber auch in der Ukraine gab es den Drang nach Freiheit. Als ich "Das Licht der Frauen" im Jahr 2014 dann zu Ende geschrieben hatte, habe ich im Fernsehen gesehen, wie die Toten vom Maidan in ukrainische Flaggen gehüllt auf den Platz getragen wurden. Es war genau wie in meinem Buch. Das hat mich schockiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Schicksale der vier Frauen in Ihrem Roman sind eng mit der Entwicklung von Lemberg verknüpft. Was ist so besonders an der Stadt?

Sloniowska : Die Region hat 600 Jahre zu Polen gehört, aber die Stadt ist auch für die ukrainische Geschichte unglaublich wichtig. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten auch Juden und Armenier dort, mit der Sowjetunion kamen Russen. In Lemberg sind die Grenzen zwischen Nationalitäten und Kulturen porös. Deshalb kann jeder aus dem Angebot an Kulturen seine eigene Lebensweise erschaffen.

Stadtansicht von Lemberg
DPA

Stadtansicht von Lemberg

SPIEGEL ONLINE: Das Lemberg zu Beginn des 20. Jahrhundert wird häufig als Vorbild für das Zusammenleben europäischer Völker idealisiert. Wie sehen Sie das?

Sloniowska : Diese Frage hat mich auch beschäftigt, deshalb habe ich vor meinem Roman ein multimediales Projekt gestartet: Ich habe alte Lemberger verschiedener Bevölkerungsgruppen über ihr Leben vor dem Zweiten Weltkrieg befragt. Ich wollte wissen, ob es wirklich so idyllisch war, wie es zum Beispiel die polnische Geschichtsschreibung sagt. Die Polen haben die Stadt im Zweiten Weltkrieg verloren, deshalb bleibt Lemberg für sie ein Sehnsuchtsort.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie herausgefunden?

Sloniowska: Es gab zwei Tendenzen: Eine ist das fast idyllische Zusammenleben der verschiedenen Völker - alle sind offen und tolerant und versuchen, die anderen zu verstehen. Die andere Tendenz - deren stimmen meist lauter sind - ist die zu Nationalismen und Hass. Beides existiert nebeneinander. Ich denke, das gilt für alle Grenzregionen.

SPIEGEL ONLINE: Was bestimmt, ob ein Mensch den anderen Kulturen offen oder nationalistisch entgegentritt?

Sloniowska : Vor allem die Persönlichkeit ist entscheidend - der Mensch wählt, was er sein will. In Grenzregionen können Mitglieder einer Familie ganz unterschiedliche Entscheidungen über ihre Zugehörigkeit treffen. Die Urgroßmutter in "Das Licht der Frauen" identifiziert sich als sowjetische Russin, ihre Tochter fühlt sich polnisch und deren Tochter wiederum, die getötete Marianna, sieht sich vor allem als Ukrainerin. Die Identität meiner Protagonistin, Mariannas Tochter, ist lokal: Sie sieht sich als Lembergerin. Diese Entscheidung für eine Identität muss auch heute noch getroffen werden, nun ist die Frage: Bist du pro Putin? Oder für eine unabhängige, pro-europäische Ukraine?

SPIEGEL ONLINE: Die Lemberger gelten heute als pro-ukrainisch und nationalistisch.

Sloniowska : Das sehe ich nicht so. Nach 2014 kamen sehr viele ostukrainische Flüchtlinge in die Stadt, für viele Westukrainer war das die erste Begegnung mit Ostukrainern überhaupt. Da sind auch Stereotype und Vorurteile aufeinandergetroffen, es gab Konflikte. Letztendlich sehen wir aber die gleiche Entwicklung wie im Lemberg vor dem Zweiten Weltkrieg: Die einen werden nationalistischer, die anderen toleranter.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für sie, ukrainisch zu sein?

Sloniowska: Ich bin gebürtige Ukrainerin mit polnischen und russischen Wurzeln und habe die Geburt der unabhängigen Ukraine miterlebt. Für mich ist Ukrainisch-Sein eine bürgerliche Identität: Es gibt jüdische Ukrainer oder armenische Ukrainer. Inzwischen wohne ich in Polen und fühle mich der polnischen Kultur verbunden. Ich trage also mehrere Identitäten und Kulturen in mir.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Das Licht der Frauen" auf Polnisch geschrieben. Wie wurde das aufgenommen?

Sloniowska: Einerseits habe ich viel Zuspruch erfahren und auch den wichtigsten polnischen Preis für Debütanten gewonnen. Andererseits wurde mir vorgeworfen, mein Polnisch sei nicht "rein" genug. Ich wurde gefragt, wie ich es wagen könnte, auf Polnisch zu schreiben. Mein Polnisch ist durchmischt mit ukrainischen Volksliedern und russischer Literatur. Ich bin die erste Ausländerin, die auf Polnisch ein Buch geschrieben hat. Das war neu für die Polen.

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Zanna Sloniowska:
Das Licht der Frauen

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

Kampa; 272 Seiten; gebunden; 22,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch beginnt Ihre Protagonistin eine Affäre mit dem ehemaligen Liebhaber ihrer getöteten Mutter Marianna, Mikolaj. Der ist der einzige Mann in "Das Licht der Frauen". Alle anderen Männer sterben jung oder gehen früh weg. Warum ist das so?

Sloniowska : Das Fehlen der Männer habe ich während des Schreibens nicht realisiert. Das hat sich so entwickelt, weil ich als Mädchen in einer Welt voll starker Frauen aufgewachsen bin. Die Männer waren meistens körperlich oder mental abwesend, sie waren getötet worden, waren depressiv oder haben zu viel getrunken. Deshalb sind die Frauen stark geworden; sie mussten die Entscheidungen treffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das heute?

Sloniowska : Viele Ukrainerinnen gehen zum Arbeiten nach Italien und schicken das Geld nach Hause. Der Mann gibt es dann oft für Alkohol aus. Obwohl diese Frauen häufig vom Land stammen und traditionell erzogen sind, ernähren sie die Familie. Wenn sie dann für einige Jahre in Europa gearbeitet haben, kommen viele von ihnen verändert zurück. Ich erkenne das schon daran, wie sie gehen und wie sie sich kleiden. Europa macht diese Frauen selbstbewusst und unabhängig - dadurch entwickelt sich auch die Gesellschaft weiter.

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