Irgendwo in Norddeutschland Weltuntergang

Ein neuer spannender Autor: Mit seinem Roman "Das Lied vom Ende" glückt dem jungen Hamburger Schriftsteller Christoph Jehlicka ein starkes Debüt.

Norddeutsche Kleinstadt
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Und plötzlich sind Begriffe wie Ehe, Freundschaft und Zukunft Makulatur. Worte, die nichts mehr zu bedeuten scheinen. Denn seit einer namens Heiko Jendrisek erweiterten Suizid verübt hat, indem er Frau und Kinder und anschließend sich selbst getötet hat, stehen die Bürger der norddeutschen Kleinstadt in Christoph Jehlickas Debütroman unter Schock.

Wohin das Auge blickt, irren Kollateralgeschädigte durchs Bild, die sich in einem vom Schicksal jäh erzeugten Transit ohne Ziel wiederfinden. Irgendwer ist sogleich mit einer halbgaren Erklärung für das Unfassbare bei der Hand, "Hat was damit zu, wenn sich die Person nur noch über ihre Familie identifiziert. Wenn das gemeinsame Glück dann zerbricht, ist das der absolute Weltuntergang für die." Und jeder Einzelne von ihnen ist auf seine Weise um die rasche Rückkehr in die alte Normalität bemüht. "Denn wir müssen immerhin noch den Rest unseres Lebens hier verbringen." Doch es bleiben zumeist eher klägliche Versuche.

Wie Sonden in zerwühlte Seelen

Am Beispiel des Ehepaares Schult und ihrer beiden Söhne Niko und Ben, die jeder auf seine Weise mit den Jendriseks verbunden waren, macht Christoph Jehlicka die unmittelbaren Auswirkungen eines solchen Weltuntergangs deutlich. Er tut es, indem er seine knappen, scharf geschnittenen Sätze wie Sonden in deren zerwühlte Seelen senkt.

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Christoph Jehlicka:
Das Lied vom Ende

Open House; 256 Seiten; gebunden; 22,00 Euro

Was er dabei zutage fördert, sind die Stör- und Stottergeräusche jäh aus dem Takt geratener Herzen. Sie liefern den Soundtrack zu seinem Generationenroman, der nicht zuletzt durch seinen gekonnten Mix aus lakonischer Schreibe und messerscharfer Psychologie besticht. Zudem ist er getaktet von einem souveränen Wechsel von Anteilnahme und Mitleidlosigkeit. Das zusammengenommen verleiht dem Ganzen eine vibrierende Dringlichkeit. Darin erinnert Jehlickas Buch an die Romane und Erzählungen des Amerikaners Richard Yates, der regelmäßig die fatalen Wechselwirkungen von Schuld und Verdrängung thematisierte.

Die Moleküle einatmen

So drängt das, was lange erfolgreich unter der Decke einer scheinbaren Wohlanständigkeit gehalten werden konnte, auch hier nach und nach an die Oberfläche: Frank Schults einstige Affäre mit Jendriseks Frau Mara. Der daraus resultierende emotionale Schlingerkurs seiner Frau Ursula, die ohne eine Stilnox zu schlucken nachts kein Auge mehr zumacht. Und auch das, was der Tod von Jendriseks Tochter Sara, in die Ben verliebt war, in dessen Seele anrichtet. "Er möchte sich auf Saras Teppich knien und die Moleküle einatmen, die sie mit ihren nackten Füßen berührt hat. Er will sich in ihr Bett legen, in ihre Decken hüllen, darin warten, schlafen. So lange, bis er bei ihr sein kann, bis sie sich wieder sehen. Irgendwo."

Christoph Jehlicka
Leo Krumbacher

Christoph Jehlicka

Nur Niko, sein älterer, dauerkiffender Bruder, macht mit seinem öden Kleinstadttrott weiter, als sei für ihn ohnehin nie Rettung in Sicht gewesen. Über seine Mutter, die längst von einem Frank-fernen Leben träumt, heißt es einmal: "Warum sagt einem niemand, wie undankbar es ist, verheiratet zu sein, Kinder zu haben? Früher, als die Jungs noch klein waren, war es anstrengend und eintönig. Dann, als sie von Franks Affäre erfuhr, war es schmerzhaft und erniedrigend. Und jetzt?"

Christoph Jehlicka, 1983 geboren, hat in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert und ist bereits als feinfühliger Übersetzer der beiden auf Deutsch erschienenen Storysammlungen der Amerikanerin Elizabeth Ellen aufgefallen.

Chronist menschlicher Verwerfungen

Nun erweist er sich als souveräner Chronist aufgefächerter menschlicher Verwerfungen. Seine Sprache ist zupackend und direkt - hier ist ein neuer spannender Autor zu entdecken! Denn indem er multiperspektivisch die Seelenlagen seiner Charaktere vor uns ausbreitet, entsteht der Eindruck einer sich immer schneller drehenden Kleinstadtbühne, auf der vieles zur Aufführung kommt, was zum Drama menschlichen Seins gehört: Angefangen bei der banalen Sehnsucht, manchmal alles hinter sich lassen zu wollen: "Sie haben mich gefragt, was ich will" sagt Niko einmal stellvertretend. "Ich weiß nur, was ich nicht mehr will. Das alles hier. Dieses Kaff. Diese Leute. Ich muss hier weg." Nur wohin?

Die im Haus der Schults eine Zeitlang außer Kraft gesetzte Schwerkraft der Verhältnisse greift am Ende wieder - und das gesprengte Familienkonstrukt fügt sich halbwegs zurück in die alte Form. Dass jeder Einzelne von ihnen aber im Zuge der geschilderten Ereignisse ein Anderer geworden ist - und einen verdammt hohen Preis bezahlt hat, daran lässt der Roman keine Zweifel.

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