Neuer Pessl-Roman Dieser Horror hat keine Marotten nötig

Sieben Jahre nach dem Bestseller "Die alltägliche Physik des Unglücks" hat Marisha Pessl einen Thriller über die Faszination des Films geschrieben. Kann sie damit ihrer Wunderkind-Vergangenheit gerecht werden?

S. Fischer

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Beginnen wir mit dem Mann, zu dem am Ende alles führt: Stanislas Cordova. Einem Horrorfilmregisseur, der die abgrundtief bösesten, schauderhaftesten, bewusstseinserweiternden Filme dreht, die die Welt je gesehen hat.

Stanislas Cordova ist das unheimliche Herzstück eines Romans, der ebenso heißt wie ein Film des Nouvelle-Vague-Regisseurs François Truffaut: "Die amerikanische Nacht". Dieser Titel bezeichnet auch ein filmisches Verfahren, bei dem mit technischen Tricks eine Nachtszene am Tage gedreht wird, der amerikanische Originaltitel wiederum lautet "Night Film" -, und spätestens damit ist klar: Es geht um das Kino. Dieser Cordova ist vielleicht auch deshalb so geisterhaft präsent, weil er eigentlich immer abwesend ist. Nicht nur im Roman. Er gibt keine Interviews, es existieren nur wenige Fotos, seine Filme laufen nicht in Multiplex-Kinos, sondern werden bei illegalen und geheimen Treffen gezeigt.

Wer einmal einen dieser Filme gesehen hat, dessen Leben ist nicht mehr dasselbe: "Vielleicht hat Ihr Nachbar einen seiner Filme in einer alten Kiste auf dem Dachboden gefunden und seitdem nie wieder allein einen dunklen Raum betreten. Oder Ihr Freund hat eine illegale Kopie von 'In der Nacht sind alle Vögel schwarz' im Internet gefunden und sich, nachdem er den Film gesehen hat, geweigert, darüber zu sprechen, als sei es eine entsetzliche Tortur gewesen, die er nur knapp überlebt hat", heißt es im Roman.

Cordova hat die Macht Leben zu verändern - und auch zu zerstören: Nachdem der investigative Reporter Scott McGrath seinen öffentlich geäußerten Verdacht nicht belegen konnte, Cordova mache irgendetwas Schreckliches mit Kindern, verlor er Reputation, Job und Frau und hat seitdem so viele private Probleme, dass jeder "Tatort"-Kommissar im Vergleich zu ihm wie ein sorgloser Sonnenschein wirkt. Kein Wunder, dass er immer noch davon besessen ist zu beweisen, dass Cordova Teil einer düsteren Geschichte sein muss. Die Chance dazu scheint gekommen, als die Leiche von Cordovas Tochter gefunden wird, und alle Welt sich fragt: Wer oder was trieb die junge Frau in den Selbstmord?

Eine Katze namens Spanner

Das Buch folgt dem Reporter McGrath 800 Seiten lang bei seiner Recherche zu dieser Frage. Fast jede Szene führt zu einem anderen Ort und einer anderen Figur - in einen Klavierladen, in dem Cordovas Tochter manchmal übte, in einen Laden für Magie, in die Psychiatrie, zu gealterten Schauspielern, die noch Jahre später fasziniert und/oder traumatisiert von ihrer Begegnung mit Cordova berichten. Und immer wieder auch zu einer Figur, die zur inoffiziellen Lieblingsfigur taugt: einem Professor für Filmwissenschaften, der so besessen von Cordovas Filmen ist, dass er seine Katzen nach wiederkehrenden Merkmalen benannt hat: "Einäugiger Pontiac", "Spanner", "Boris", "Murad".

Ergänzt wird die Geschichte von Faksimiles: abgetippten Telefongesprächen, dem Polizeibericht, Diskussionen aus den geheimen Cordova-Fan-Foren, Zeitungsartikeln.

Die Geschichte dieses Romans entwickelt einen außergewöhnlichen Sog, der nicht auf dieses Spiel angewiesen ist, dafür wäre sie selbst stark genug gewesen. Seite für Seite schleichen sich mehr Elemente des Horror ein, bis es nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass alles nur Teil eines Cordova-Films ist. Und unklar ist, ob der Ich-Erzähler nur besessen oder schon paranoid ist. Die Figur des Cordova ist brillant genug, dass sich allein schon dafür die Lektüre lohnt. Und dass sie einen über nervige Marotten wie die Häufung kursiv gedruckter Wörter hinweg sehen lässt, die auch durch die typografische Aufwertung nicht bedeutsamer werden.

Es gibt im Leben genug Inspiration für solche Figuren - Stanley Kubrick zum Beispiel. Aber auch in der Literatur. So hat Theodore Roszak einen nicht ganz unähnlichen Roman namens "Schattenlichter" geschrieben. "Die Welt" vermutet deshalb: "Es könnte sein, dass Pessl sich für 'Die amerikanische Nacht' etwas üppiger aus einer fremden Quelle bedient hat, als zulässig." Marisha Pessl selbst sagt, Roszaks Roman nicht zu kennen.

Die Autorin mit den nervigen Beinamen

Und damit sind wir bei der Frau, von der alles ausgeht: Marisha Pessl. Ihr Debüt erschien 2006 unter dem Titel "Die alltägliche Physik des Unglücks" und bescherte Pessl nicht nur einen außergewöhnlich hohen Vorschuss, sondern auch eine außergewöhnlich hohe Anzahl an nervenden Beinamen: Fräuleinwunder, Literaturwunderfräulein, Wunderkind, Götterkind, Die junge Beauty, American Nervensäge. Denn damals war Pessl nicht einmal dreißig Jahre alt, und keine Rezension erschien, ohne auf ihr Aussehen (gut) und ihre Lebensumstände (schick) zu verweisen.

Daran hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert, auch wenn Pessl inzwischen 37 ist. Und auch sonst ist einiges wie damals: Sind es in ihrem neuen Werk Zitate aus der Welt des Films, spielte Pessl damals mit echten und erfundenen Literatur-Zitaten. Denn ihre Hauptfigur war eine belesene Musterschülerin, die über den Mord an einer Lehrerin und ihren Vater und alles Mögliche andere schrieb. Das Buch wurde tatsächlich ein Bestseller und in dreißig Sprachen übersetzt. Und auch Pessls neuer Roman wird sein Publikum finden. 2016 soll er dann verfilmt werden, zwar leider nicht von Stanislas Cordova, aber immerhin von Rupert Wyatt, dem Regisseur von "Planet der Affen: Prevolution".


Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht. Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; 800 Seiten; 22,99 Euro.



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