Donald Antrims "Das smaragdene Licht in der Luft" Die besten Jahre, was für eine Tristesse

Jonathan Franzen ist schon Fan: Der Amerikaner Donald Antrim porträtiert in seinen Kurzgeschichten meisterhaft den zermürbenden Lifestyle nicht mehr ganz junger Großstädter.

Von Thomas Andre

Donald Antrim: Menschen, die ihre psychische Labilität mit Chemie oder mindestens Alkohol kurieren wollen
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Donald Antrim: Menschen, die ihre psychische Labilität mit Chemie oder mindestens Alkohol kurieren wollen


Er checkt die Floristin ab, lässt sich davontragen von seinen maskulinen Impulsen, denen auch das Lithium nichts anhaben kann. Dabei will er einen Blumenstrauß kaufen, um seine Frau Kate zurückzugewinnen. Dann hat er nicht genug Geld dabei, um den Blumenstrauß zu bezahlen. Er steht wie ein Depp in diesem Laden, während die Verkäuferin mit Kate telefoniert - die maximale Demütigung. Als Kates Kreditkarte nicht funktioniert, geht Jim. Ohne zu bezahlen.

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Er geht in das Restaurant, in dem Kate auf ihn wartet. Mit Elliott, dem Mann, der sein Freund ist und mit dem Kate gerade eine Affäre hat. Und mit Susan, Elliotts Frau, mit der Jim wiederum eine Affäre hatte. "Sie hatten einander im Laufe so vieler Jahre so oft betrogen, dass Täuschungen zwischen ihnen zu etwas Alltäglichem, praktisch zum festen Bestandteil ihres Repertoires geworden waren", so fängt die Erzählung über Jim und seine Komplett-Unpässlichkeit an. Er trägt Wunden davon, die Libertinage vernichtet ihn. Am Ende hat er einen Nervenzusammenbruch und wird eingeliefert. Was für ein erschütternder Abgesang auf die hedonistische, urbane Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts, verdichtet in einer Kurzgeschichte!

Jim ist der am meisten Verlorene unter all den mehr oder minder Verlorenen, die einem in Donald Antrims gefeiertem Storyband "Das smaragdene Licht in der Luft" begegnen. Manche sind nur milde deplatziert in ihrem eigenen Leben, andere haben so ein Grundsatzding am Laufen, das sie davon abhält, eine geordnete, lebensbejahende Existenz zu führen. In Antrims Storys trifft man durchgehend auf Menschen, die ihre psychische Labilität mit Chemie oder mindestens Alkohol kurieren wollen. Antrim, geboren 1958, lebt in Brooklyn - aber der Ort dürfte so gut wie viele andere sein, wenn es um das Auffinden des freigeistig-melancholischen Milieus geht, wo die Menschen große Egos, aber keine Kinder haben.

Familien trifft man nicht an; wie auch, wo die Liebesbeziehungen keine andere Funktion haben, als Leid hervorzurufen. Die Middle-Ager in Antrims schwarzgalliger Gegenwarts-Revue sind defizitäre Gestalten: Mal ächzen sie unter den Schäden, die sie sich zugezogen haben, mal sind die Wunden, die das Leben geschlagen hat, kaum mehr als eine Reizbarkeit, die sich zwischen Aperitif und Abendessen einstellt.

Antrims Storys sind in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten im "New Yorker" erschienen. Die älteste, "Ein Schauspieler bereitet sich vor", berichtet von einer kiffenden Theatergruppe, die Shakespeares "Sommernachtstraum" in ein Sex-Happening ummodelt. Der Ton jener Anarcho-Erzählung ist ein anderer als in den folgenden, in denen helle Hoffnungssplitter nicht darüber hinwegtäuschen, dass Antrim an einem sehr dunklen Brett zimmert.

So ist das titelgebende "Das smaragdene Licht in der Luft", in dem das Verlassenwerden in einen verunglückten Trip und einen Erkenntnisprozess mündet, noch das hoffnungsvollste Stück des Bandes. Der depressive Kunstlehrer auf Abwegen, der die Bilder seiner Künstler-Exfreundin auf die Müllkippe bringen will und sich verfährt, ist ein idealtypischer Repräsentant des Menschengeschlechts: Die Hindernisstrecke, die er im Unwetter zu bewältigen hat, mag ihn denken lassen, er sei der einzige vom Schicksal Getriezte. Aber dann trifft er in der Wildnis auf einen Menschen, der an einer wirklichen Krankheit zu Tode leidet.

In "Trost", jener wahrscheinlich noch nicht einmal ironisch betitelten Ballade von Jennifer und Christopher, geht es um Liebesbeziehungen, die so flüchtig sind, dass sie auch hinsichtlich des Ortes nur als Interims-Veranstaltung ins Werk gesetzt werden können. Häuser von Freunden hüten, Sex haben, trinken, aber außerhalb dieses Arrangements nie zueinander finden: Antrims Figuren sind erbarmungswürdig und lächerlich, nah und fern zugleich.

Die weitgehend unaufdringliche Metaphorik und das genretypisch Gedrängte in der Beschreibung machen den Kern von Antrims Prosa aus. Die Handlung hat in seinen Storys jeweils einen Unterbau, der vom Besonderen auf das Allgemeine schließen lässt. Wenn dies gelingt wie bei Donald Antrim, dann hat man es mit einer guten Kurzgeschichte zu tun.

Bei Rowohlt erscheinen jetzt neben "Das smaragdene Licht in der Luft" mit "Wählt Mr. Robinson für eine bessere Welt" und "Der Wahrheitsfinder" zwei der vier Romane Antrims in einer neuen Taschenbuch-Ausgabe. Es gilt einen psychologisch klugen und sprachlich versierten Autor zu entdecken, der auch in seiner amerikanischen Heimat eine übersichtliche Leserschaft hat. Autoren-Kollegen wie Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen preisen ihn. Sie wissen, warum.

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herrschwarz 16.12.2015
1. Dank an Ben Marcus'
Dank an Ben Marcus, der mich auf Donald Antrims Erzählung "Another Manhattan" in seiner Anthologie "New American Stories" aufmerksam gemacht hat. Auch wer nicht so gut Englisch kann, sollte zu dieser Anthologie greifen, sich von Marcus' Vorwort berauschen lassen und so angefixt in Antrims und andere Erzählungen einsteigen. Kickt!
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