Dasa Drndics letzter Roman Konversation mit Toten

In ihrem zweiten Roman "Belladonna" stimmt die kürzlich 72-jährig verstorbene Kroatin Dasa Drndic eine Totenklage auf das vergangene Jahrhundert an. Sie schuf damit ein Stück Weltliteratur.

Bosnischer Bürgerkrieg (1993 in Vitez)
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Bosnischer Bürgerkrieg (1993 in Vitez)


Ein Mann sitzt hinter heruntergelassenen Rollläden in seiner Wohnung, irgendwo an der kroatischen Adria, und erinnert sich. Sein Name: Andreas Ban. Sein Traum: Ein letzter Triumphzug der Erinnerung, damit die Schreckensbilder niemals aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden mögen. Und aus den Köpfen ihrer Verursacher.

Alles, was Ban von seinem alten Leben als Psychoanalytiker und Schriftsteller geblieben ist, sind seine Erinnerungen: wild und ungezügelt irrlichtern sie durch sein erregtes Bewusstsein. Bilder und Sequenzen, die er vor uns ausbreitet wie alte, in Menschenblut getränkte Schlachtpläne europäischer Kriege.

"Wer begreift schon, was wirkliche Einsamkeit ist?" entfährt es Ban darüber einmal. Er schmeckt, riecht und kostet sie mit jedem ihm noch verbleibenden Atemzug. Denn zu allem Überfluss hat sich in seiner Brust ein todbringendes Karzinom eingenistet, das ihn langsam von innen heraus auffrisst.

Doch längst betrachtet Ban selbst den eigenen Körper nur noch wie eine sterbende, dem Untergang geweihte Landschaft. Ban - ein Ethnologe des Todes, der sich daran macht, "Kontrollpunkte zu finden", Fixpunkte der Erinnerung. Auf seiner Suche nach ihnen begleiten wir ihn.

Ban, in Belgrad aufgewachsen, schrieb Texte und blickte anderen professionell in die vom Krieg verheerten Seelen. Nun ordnet er die große anarchische Vergangenheit. Doch seit der Krebs ihn quält, lärmt es in seinem Kopf: Eine Art apokalyptischer, alles durcheinanderbringender Chor gibt keine Ruhe - zusammengefügt aus den Stimmen all derer, die einst von den blutigen Kriegen gefressen wurden. Und so stimmt er irgendwann in ihre große Klage mit ein, besingt und beklagt die Opfer des Faschismus, all die sinnlos Gefallenen mit.

Weltliteratur made in Croatia

Ersonnen hat dieses spukhafte Szenario die kürzlich im Alter von 72 Jahren im kroatischen Rijeka verstorbene Dichterin Dasa Drndic im Rahmen ihres zweiten Romans "Belladonna". Im Februar ist das Buch wenig beachtet auf Deutsch erschienen - nun, nach ihrem Tod, ist es unversehens zu ihrem literarischen Testament geworden: Weltliteratur made in Croatia.

Autorin Dasa Drndic
DPA

Autorin Dasa Drndic

Genauer betrachtet erscheint das Buch in seiner kolossalen Wucht und Wut und Traurigkeit wie eine kroatische Antwort auf die Werke der 2011 in der Schweiz verstorbenen Ágota Kristóf - namentlich auf deren Kurzromane "Das große Heft" und "Die dritte Lüge".

Denn ebenso wie die gebürtige Ungarin wirbelt Dasa Drndic die Schrecken des vergangenen Jahrhunderts noch einmal lichterloh vor uns auf: Die blutigen Kriege und das millionenfache Sterben - den Untergang und den Verlust ihrer Heimat Ex-Jugoslawien.

Wo Agota Kristóf aber die Kriegsschrecken in knapp gefügten Einzelschicksalsgeschichten zu bannen suchte, da collagiert Dasa Drndic erzählerische Passagen mit Zeitzeugenberichten und verbürgten Fakten zu einem riesigen, Angst einflößenden Untergangsfresko, das wie selbstverständlich den Geist ihres ersten, 2015 auf Deutsch erschienenen Buches "Sonnenschein" aufnimmt.

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Dasa Drndic:
Belladonna

Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert und Blanka Stipetic

Hoffmann und Campe; 395 Seiten; 24 Euro

Denn schon in diesem Buch, das die Geschichte einer Frau erzählte, die sich in einen Treblinka-Schlächter verliebt, ein Kind von ihm bekommt - und es kurz darauf scheinbar für immer verliert, hieß es über die sich manisch erinnernde Chronistin: "Sie hört Stimmen, die es nicht gibt. Die Stimmen sind tot. Trotzdem spricht sie mit den toten Stimmen." Konversation mit Toten über alle Seins- und Todesgrenzen hinweg - inszeniert als Schreckensspuk.

Drndic's Roman "Sonnenschein", in welchem das 62 Jahre währende Warten der Mutter auf die Rückkehr ihres Kindes den Erzählrahmen bildet, markierte den finsteren Auftakt ihrer faszinierenden Suada über eine Vergangenheit, die nie zuende ist, die nicht zur Ruhe kommen kann und darf.

Chaotisches Patchwork der Bilder, Stimmen, Fakten

In "Belladonna" findet er nun seine vollkommene Entsprechung in Form eines hochkomplexen Hybrid-Romans, der jeden Versuch einer inhaltlichen Zusammenfassung unter einem Berg zusammengetragener Beweise für das Scheitern und Versagen des Menschen an sich unter sich begräbt. Zudem finden sich eingewoben in Bans hochgestimmtes Untergangs-Parlando, das als poetischer Tinnitus durch das Buch sirrt, immer wieder seitenlange Todeslisten und Verlöschens-Protokolle - konterkariert durch erschütternde Lebensläufe von Tätern und Opfern.

Das Resultat ist ein scheinbar chaotisches Patchwork der Bilder, Stimmen, Fakten und Fiktionen. Denn so, wie es offenbar keine Logik im Leben und im Sterben gibt, so scheint es sie nach Dasa Drndic's Verständnis auch im Erzählen nicht zu geben.

"Ohne Erinnerung verlieren wir unsere Identität", hat die Kroatin in einem ihrer letzten Interviews mahnend gesagt. Ihre unvergleichliche Parabel belegt dies eindrucksvoll.

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silberkoenigin 28.06.2018
1. Das Leben geht weiter..
Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod seit ich bei einem Medium war. Es war eine unglaublich schöne Erfahrung. Ich nenn sie jetzt mal Schutzengelein K weil ich hier keine Namen nennen darf. Sie hat mir Namen genannt, Dinge und Ereignisse beschrieben, die niemand außer mir wissen konnte - ohne Fragen zu stellen. Die Botschaften waren sehr hilfreich. Darum sollte jeder der trauert so etwas mal erleben. Überhaupt sollte man dem Schönen im Leben viel mehr Beachtung schenken.
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