Cronenberg als Autor Erst das Interview, dann die Sexspiele

Eine Welt ohne Gewissheiten, bewohnt von Menschen, die Gefühle nur im Ausnahmezustand wahrnehmen: So stellt sich der große Horrorfilmregisseur David Cronenberg die nahe Zukunft vor - in seinem verstörenden Romandebüt "Verzehrt".

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Don DeLillos "Cosmopolis", J.G. Ballards "Crash", William S. Burroughs' "Naked Lunch": Als Regisseur hat sich David Cronenberg an die großen, eigentlich nicht verfilmbaren Werke der Weltliteratur gewagt. Jetzt, mit 71 Jahren, gibt er sein Debüt als Schriftsteller, und es ist eine Rückkehr geworden.

Eine Rückkehr zu den Themen und Thesen seiner frühen und mittleren Phase, zum body horror, zur Dialektik von Wachstum und Wucherung. Eine Rückkehr in eine Welt, in der Gedanken Köpfe zum Platzen bringen, Mensch und Maschine zu "neuem Fleisch" verschmelzen, Schreibmaschinen zu Käfern mutieren. Eine Welt, in der nichts wahr, aber alles möglich zu sein scheint.

Cronenberg hat mit "Verzehrt" aber nicht etwa ein retrospektives "Best of" der frühen Jahre kompiliert, sondern einen Hybrid aus Kriminalroman und Science Fiction komponiert, der aufzeigt, wie sich unsere Welt und unsere Wahrnehmung radikal verändern - und wie sich das gegenseitig bedingt.

Aus Journalismus wird in naher Zukunft "Parajournalismus": eine Art new journalism fürs übertechnisierte 21. Jahrhundert. Heißt: Mit der Wahrheit nimmt man es nicht so genau, Hauptsache, man hat die neueste Version von iOS installiert.

Techno-Nomaden und ihr körperloses Leben

Zu dieser Spezies von selbsternannten Reportern zählen Naomi und Nathan, deren journalistisches Rüstzeug allein aus ihrer Ausrüstung besteht. Sie träumen von großen Lesestücken im "New Yorker", bringen ihre Storys aber nur auf dubiosen Websites unter.

Als moderne Techno-Nomaden sind sie meist an verschiedenen Ecken der Welt auf der Jagd nach der nächsten Sensation, verbunden über iPhone, Macbook und Co. - ein "körperloses Leben", wie Nathan einmal feststellt. Ein Intermezzo in einem Amsterdamer Flughafenhotel (technischer Sex, gefolgt von einem sexualisiertem Technik-Update) wird das einzige physische Aufeinandertreffen der beiden im gesamten Roman bleiben.

Auch wenn ihr gemeinsames Leben vor allem im virtuellen Raum stattfindet, beruflich interessieren sich Naomi und Nathan vor allem für extreme Formen von Körperlichkeit: Krankheit (Nathan) und Tod (Naomi) sind ihre Themen, ihre Herangehensweise ist dabei so distanzlos, dass beide immer wieder Affären mit ihren Interviewpartnern beginnen.

In Nathans Fall eine Krebspatientin, deren Körper bereits von der Krankheit deformiert wurde und die sich in Ungarn einer bizarren alternativen Behandlung unterzieht, durchgeführt von einem vorgeblichen Arzt, der nebenbei einen schwunghaften Organhandel (und ein Restaurant!) betreibt.

Naomi wiederum wird sich auf gefährliche Sexspiele mit Aristide Arosteguy einlassen. Der französische Theoretiker soll seine Frau Célestine umgebracht und Teile ihres Körpers gegessen haben. Auf der Flucht vor der Polizei findet er Unterschlupf in Tokio, wo Naomi ihn schließlich aufspürt. Doch schläft Naomi tatsächlich mit einem Mörder, oder wird sie nur manipuliert? Und falls ja, zu welchem Zweck? Stimmen vielleicht sogar die Gerüchte, dass Célestine noch lebt und in Nordkorea untergetaucht ist?

Konsum als letzte Bastion vor dem Tod

In der Welt von "Verzehrt" existieren keine Gewissheiten, keine letzten Wahrheiten. Nur Versionen, Aufzeichnungen, deren Authentizität nicht belegbar ist. Smartphones, Notebooks, Hörgeräte, 3-D-Drucker: Es sind die Geräte selbst, die nicht nur unsere Wahrnehmung verändern, sondern sogar unsere Körper, die schmerzhaft lernen müssen, sich den neuen technologischen Gegebenheiten anzupassen. Die Realität hat sich in ein virtuelles Spiegelkabinett verwandelt, und die darin leben sind Verlorene, Getriebene, die nur noch in Extremsituationen überhaupt etwas spüren.

Eine Welt des Konsumismus, wie es das Philosophenpaar Aristide und Célestine Arosteguy sieht, deren zentrale Thesen sich um den Konsum als finale Form des Begehrens und letzte Bastion vor dem Tod drehen. Für die Unendlichkeit des Begehrens, für den unstillbaren physischen und psychischen Hunger seiner Protagonisten findet Cronenberg tief beeindruckende Bilder. Doch keines ist so verstörend wie das von der jungen Frau, die sich selbst immer wieder kleine Stücke aus ihrem Fleisch schneidet und diese anschließend rituell verspeist.

So grotesk und erschreckend vieles in "Verzehrt" daherkommt, so kühl und distanziert bleibt Cronenbergs Sprache. Der Erzähler wirkt wie ein Wissenschaftler, der neugierig, aber ungerührt eine Versuchsanordnung überwacht. Eine Technik, die Cronenberg bereits in seinen Filmen, bei denen der Inhalt stets die Form dominiert, perfektioniert hat und die er sich bei dem englischen Schriftsteller J.G. Ballard abgeschaut hat.

Wie der 2009 verstorbene Ballard ist auch Cronenberg Chronist des sozialen und technologischen Wandels. Er hat keine Dystopie geschrieben, keine thesenhafte Zukunftsvision entworfen wie zuletzt Dave Eggers mit "Der Circle". "Verzehrt" ist die gleichermaßen halluzinatorische wie hellsichtige Bestandsaufnahme einer sich unaufhaltsam und rasant verändernden Realität - und unserer Hilflosigkeit bei dem Versuch, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.

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insgesamt 3 Beiträge
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twister-at 07.10.2014
1. Die Entdeckung des Lebens
Die Idee, dass sich ein Mensch Stücke aus dem Leib schneidet und diese rituell verspeist, ist sicherlich verstörend, sie ist auch als ein "ich bin wichtig, ich mag mich selbst am liebsten" zu verstehen, aber sie erinnert auch an das, was oftmals ja auch zu Selbstverletzungen führt - abgesehen von denen, die aus Kontrollgründen oder Selbstaggression heraus geschehen, sind viele schlichtweg auch ein Versuch, sich noch lebendig zu fühlen.
menton 07.10.2014
2. ok, aber...
... taugt das Buch nun was oder nicht? Ist es spannend, lustig, anrührend? Wie ist die Sprache? Nach Lektüre dieses Artikels weiss man zwar, worüber Cronenberg schreibt, aber die interessierende Frage, ob man es sich kaufen sollte, kann man sich nicht beantworten. Auch eine negative Kritik kann einen manchmal dazu bringen, das Buch zu lesen, wenn man mit den Prämissen des Rezensenten nicht übereinstimmt. Hier aber enthält sich der Autor der Rezension jeglicher Wertung. Was soll man damit anfangen?
uksubs 07.10.2014
3. menton
kann ich da recht geben, wenngleich ich meine, zwischen den zeilen eine anerkennung für das buch zu finden.
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