Pop-Roman "Schottendisco" Fuck Thatcher, let's dance!

Bettler auf dem Arbeitsmarkt, Könige der Tanzfläche: In "Schottendisco" erzählt David F. Ross authentisch und komisch, wie Hipster Anfang der Achtzigerjahre Party und Protest verbanden.

Northern-Soul-Tänzer
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Northern-Soul-Tänzer


"Wer sich an die Achtziger erinnert, hat sie nicht miterlebt", lautet ein inzwischen etwas angestaubter Spruch des österreichischen Pop-Exzentrikers Falco. Aber: Wer vieles vergessen hat oder damals einfach zu jung beziehungsweise noch gar nicht geboren war, der findet in "Schottendisco", dem Romandebüt von David F. Ross, eine unverhohlen nostalgieselige Zeitreise ins Jahr 1982.

In dieser längst mythisch verklärten Zeit glaubte man noch an die erlösende Macht von Popmusik. Die Do-it-yourself-Haltung von Punk verband sich mit Hedonismus und Ironie, mit linkem Bewusstsein und Theorieseligkeit. Man verschwendete seine Jugend und sonnte sich im Bewusstsein des eigenen guten Geschmacks. Man tanzte zu Gang of Four, Scritti Politti, Heaven 17, Soft Cell. Und man vergaß für ein paar Stunden die Verwüstungen, die der Sturm namens Neoliberalismus hinterließ.

Bobby und Joey, die Teenagerhelden des Buches "Schottendisco", das im Original übrigens "Last Days of Disco" heißt und keine Ähnlichkeiten zu Kaminers "Russendisko" aufweist, ahnen naturgemäß nichts davon, dass ihre Gegenwart von zukünftigen Generationen verklärt werden wird. Sie gehören zu den Verlierern des Thatcherismus - in den ersten Jahren der Amtszeit der Eisernen Lady explodierte die Arbeitslosenzahl in Großbritannien von 1,2 auf über drei Millionen.

"Keine Sau in unserm Alter hat irgendeine Chance auf einen normalen Job. Alle kassieren entweder Stütze oder hängen in irgendeiner nutzlosen Maßnahme rum", fasst Joey die Misere zusammen. Kein Job, keine Hoffnung, keine Kohle. Und wenn doch mal ein paar Pfund übrig sind, dann werden die für Singles und Alben auf den Kopf gehauen. Ganz nach dem Motto "Wir trugen unser Geld in die Plattenläden - die einzige Art, sich zu wehren" aus dem alten Family-5-Song "Tagein, Tagaus".

David F. Ross
Alan McCredie

David F. Ross

Joey, der Punk, liebt The Clash und The Specials, Bobby, der Mod, verehrt Paul Weller und Northern Soul. Was liegt also näher, als die Plattensammlungen zusammenzulegen und ein gemeinsames DJ-Team zu bilden? Besser als rumzusitzen und darauf zu warten, dass doch mal was passiert in Kilmarnock, einer langweiligen westschottischen Kleinstadt - die Tristesse einer Jugend ohne Perspektive beschreibt der 52-jährige Ross, der seit den späten Siebzigern in Kilmarnock lebt, zwar ohne Groll, aber schonungslos.

Bittersüße Liebeserklärung an die Macht der Musik

Joey und Bobby nennen sich Heatwave, nach dem Soul-Klassiker, den The Jam gern coverten. Die beiden haben zwar keinen Plan, aber hehre Ideale: "Wenn Heatwave ins Laufen kommt, wird jedenfalls kein Mainstream-Mist gespielt. Das muss Regel Nummer eins sein", erklärt Joey. Und Bobby ergänzt: "Kein Chris de Burgh. Keine Goombay Dance Band. Keine scheiß Flock of Seagulls."

Bald bekommen die beiden, auch aufgrund von Dumpingpreisen, erste Aufträge, auf Partys aufzulegen. Und wie sie technischen Katastrophen, der kleinkriminellen Konkurrenz und den Geschmacksverirrungen angetrunkener Gäste trotzen, das schildert Ross mit großem Gespür für Slapstick und Situationskomik, aber jederzeit voller Sympathie für seine liebenswerten Loser.

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Aber 1982 war nicht nur ein ausgezeichnetes Popjahr, sondern auch die Zeit, in der Thatcher ihre außenpolitischen Muskeln spielen ließ. Und so landet Bobbys Bruder Gary, der sich - Stichwort: Perspektivlosigkeit - freiwillig zum Militärdienst gemeldet hatte, im Handumdrehen auf einem Kriegsschiff Richtung Falkland-Inseln.

Die Geschichte von Gary, der in einem Gefecht verloren geht und für tot erklärt wird, setzt innerhalb des ansonsten bei aller Kritik an den herrschenden Verhältnissen jederzeit knallbunten Romans einen düsteren Akzent. Diese Nebenhandlung wirkt allerdings etwas aufgesetzt - am Ende wird es sogar ziemlich kitschig - und gehört zu den wenigen Schwachpunkten eines ansonsten makellosen Romandebüts.

Derben Humor, krasse Sozialkritik und größtmögliche Authentizität so abzumischen, dass etwas maximal Unterhaltsames dabei herauskommt, diese Kunst beherrscht niemand besser als die Briten. "Schottendisco", David F. Ross' bittersüße Liebeserklärung an die Macht der Musik und die Kraft der Jugend, steht in dieser Tradition und kann sich über weite Strecken mit Filmen wie "Ganz oder gar nicht" oder den Büchern von Irvine Welsh messen.


Lesetour: Hamburg: Montag, 19.9, 21.00 Uhr, Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69a; Berlin: Dienstag, 20.9., 20.00 Uhr, Ramones Museum Berlin, Krausnickstraße 23; Köln: Mittwoch, 21.9., 21.00 Uhr, King Georg Klubbar, Sudermanstraße 2.

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