Von Oskar Piegsa
Mit Fremden sollte man sich weder über Religion noch über Politik unterhalten - so lehrt es die amerikanische Small-Talk-Etikette. Hätte David Graeber sich daran gehalten, wäre er wohl nie in die Versuchung gekommen, das Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" zu verfassen.
Doch Graeber ist Occupy-Vordenker und Anarchist, er gibt nicht viel auf Etikette. Und so erzählt er der jungen, gebildeten und gut gekleideten Frau, die ihm auf einer Gartenparty vorgestellt wird, von Gewalt, Mangelernährung und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Der IWF sei "in der Hochfinanz das Äquivalent zu den Jungs, die kommen und einem die Beine brechen", wenn man seine Schulden nicht zurückzahle, erklärt Graeber. Daher die Mangelernährung in Entwicklungsländern: Der IWF zwänge die Regierungen dazu, die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln zu streichen, um stattdessen die Staatsschulden mit Zins und Zinseszins an reiche Industrienationen zurückzuzahlen.
"Schulden muss man doch zurückzahlen!", unterbricht die Frau Graebers Ausführungen. Der ist überwältigt von so viel Ignoranz. Später spannt ein betrunkener Banker Graeber die Gesprächspartnerin aus, doch da ist der Abend für ihn ohnehin schon gelaufen.
Die Aussage "Schulden muss man zurückzahlen", so Graeber in seinem Buch, verwechsle Ökonomie mit Moral. Nüchtern und ökonomisch betrachtet gingen Kreditgeber das Risiko ein, von ihrem Geld nie wieder etwas zu sehen - das sei Teil ihres Geschäftsmodells und einer der Gründe, warum sie Zinsen erheben. Zu fordern, Schulden seien in jedem Fall zu begleichen, diese Vermischung von Moral und Ökonomie lehnt Graeber strikt ab - gerade weil er sich nach einer moralischeren Ökonomie sehnt.
Nicht mal als Tellerwäscher gefragt
Um seine Haltung zu erklären, holt David Graeber weit aus. In seinem Buch schreibt er über eher abstrakte Schuld, die Menschen aller Kulturen moralisch verpflichtet, die aber niemals zurückgezahlt werden kann: gegenüber den Eltern (die uns das Leben gaben), den Vorfahren (die uns Sprache und Kultur gaben), oder dem Kosmos (ohne den wir nichts wären).
Außerdem schreibt er über konkrete und zählbare Schulden, die etwa beim Handel entstehen und nach seiner Theorie zur Erfindung des Münzgelds führten. Münzen seien anonyme Schuldscheine, für die der Staat bürge. Und das, obwohl ihr Wert - spätestens seit Abkopplung des Dollar vom Gold im Jahr 1971 - den permanenten Aushandlungsprozessen zwischen Gläubigern und Schuldnern, Reichen und Armen unterliege. Ökonomische Schulden seien immer auch ein Herrschaftsmittel, zeigt Graeber. Wer von Gerechtigkeit spreche, müsse von Schulden sprechen.
Die deutsche Übersetzung seines Buches erscheint pünktlich zu einem Zeitpunkt, an dem die europäische Spar- und Schuldenpolitik ernsthaft gefährdet scheint. Obwohl "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" deshalb mehr Aufmerksamkeit erfährt als vergleichbare Kulturgeschichten, interessiert David Graeber sich eher für das antike Mesopotamien als für den Stand der Europäischen Union, eher für Sklavenmärkte und Schuldkerker als für Haushaltskonsolidierung und Bailouts.
Ein pragmatischeres Krisenbuch hat Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann geschrieben: "Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen". Im Februar hatte Krugman das Buch nicht einmal fertig, drei Monate später liegt es bereits auf Deutsch vor: Der Ökonom hat es eilig, die Lage ist schließlich brenzlig. "Jeder Monat, den die Krise länger dauert, schadet unserer Gesellschaft weiter", schreibt er. "Wenn es Maßnahmen gibt, mit denen sich die wirtschaftliche Erholung dramatisch beschleunigen lässt - und es gibt sie -, dann sollten wir diese ergreifen."
Krugman sorgt sich vor allem um das Heer der Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten, mehr als 13 Millionen sind es derzeit. Dass deren Lage drastisch ist, erschließt sich schnell: Viele haben mit ihrem Arbeitsplatz die Krankenversicherung verloren, das Arbeitslosengeld ist zeitlich begrenzt. Und der Niedriglohnsektor böte keinen Ausweg, so Krugman: McDonald's etwa habe im April vergangenen Jahres 50.000 neue Stellen ausgeschrieben, auf die sich rund eine Million Menschen beworben hätten. Wer soll daran glauben, eines Tages Millionär zu werden, wenn er nicht mal als Tellerwäscher gefragt ist?
Frei von Ideologie
Um den größeren Schaden zerstörter Leben abzuwenden, fordert Krugman, jenen Sozialstaat wieder aufzubauen, der in den USA nach der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre entstanden ist und später Stück für Stück demontiert wurde. Dass der Staat heute in einer ähnlichen Krise stecke wie vor 80 Jahren, sei eher ein Grund zur Hoffnung als zur Verzweiflung, schreibt Krugman. Man kenne immerhin den Ausweg: "Staatliche Investitionen beendeten die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, und etwas Ähnliches ist auch heute wieder dringend erforderlich."
Dieser Satz klingt bei Krugman zwar selbstverständlich, wird aber von konservativen Amerikanern vehement angefochten. Das nährt die Befürchtung, Krugmans Buch werde bei seinen Lesern je nach deren politischer Überzeugung zwar heftiges Nicken und Kopfschütteln auslösen - aber keine Lösung der Krise ermöglichen.
Der Radikale David Graeber wirkt paradoxerweise versöhnlicher als Retro-Reformer Paul Krugman. In seinem zweiten, ebenfalls dieser Tage auf Deutsch erscheinenden Buch "Inside Occupy" versucht Graeber zwar zu erklären, warum die Vereinigten Staaten weder demokratisch sind, noch jemals demokratisch waren - jedenfalls nicht, bevor es der Occupy-Wallstreet-Bewegung gelang, "einem pseudodemokratischen Machtsystem ein Bild wirklicher Demokratie gegenüber zu stellen". Der Stil seines "Schulden"-Buches ist aber weit weniger polemisch. Abseits einzelner Provokationen (etwa jener, alle Formen altruistischen Handelns pauschal als "Kommunismus" zu bezeichnen) sind seine Herführungen erfrischend fern vom politischen Tagesgeschäft und angenehm frei von Ideologie.
Deshalb ist "Schulden" die sicherste Investition unter den neuen Krisenbüchern, auch wenn Historiker und Philosophen mit dem Buch ihre Probleme haben dürften. Denn Graeber schreibt eher essayistisch als akademisch: Er springt immer wieder ein halbes Jahrtausend vor und zurück, ganz so, als könne man von bruchlosen Kontinuitäten über so lange Zeiträume ausgehen. Er ignoriert in seiner Kritik der Lehren des Adam Smith dessen moralphilosophische Texte. Und er bleibt vage, etwa wenn er erst überzeugend darlegt, dass die Versklavung den sozialen Tod bedeutet - und kurz darauf Lohnarbeit mit Sklaverei vergleicht.
Aber es wäre vermessen zu erwarten, eine 5000-jährige Geschichte auf kaum mehr als 400 Textseiten könne mehr, als "Schulden" kann: in das Thema einführen und neue Gedanken zu einer scheinbar ausweglosen Situation anregen. Schließlich geht es hier ja auch erst mal darum, auf der nächsten Gartenparty die richtigen Argumente zu finden. Und sich nie wieder von berauschten Bankern ausbooten zu lassen.
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