David-Lynch-Biografie Der Mann, der lacht

Der Künstler David Lynch ist nicht weniger rätselhaft als sein Werk. Der ersten autorisierten Biografie gelingt es zwar nicht, ihn als Person zu entschlüsseln. Viel zu entdecken gibt es trotzdem.

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Als David Lynch kürzlich in einem Interview Donald Trump in Aussicht stellte, er könnte als "einer der größten Präsidenten in die Geschichte eingehen, weil er alles zersprengt hat", war ein heftiger Shitstorm die Folge. Und man wusste auch nach der Richtigstellung des Regisseurs wieder einmal nicht, woran genau man war.

"Ihre Seele wird singen", prophezeite der Filmemacher dem POTUS. Nicht zu sagen, ob hier ein Ironiker am Werk ist oder jemand, der zwar in seiner eigenen Logik, aber doch ohne Brechung spricht. Der amerikanische Kritiker Owen Gleiberman jedenfalls diagnostizierte einen irritierend-widersprüchlichen Konservatismus bei Lynch, der viel zu tun hätte mit einem nostalgischen Blick auf die Eisenhower-Ära.

Nach wie vor ist der Klärungsbedarf, was Leben und Werk David Lynchs angeht, offenbar groß. Und in solchen Fällen soll traditionellerweise die Künstlerbiografie helfen: Man sucht in Lebenserinnerungen nach Antworten auf die Frage, mit wem man es hier eigentlich zu tun hat. Auch auf die Gefahr hin, das Faszinosum durch Psychologisierung kaputt zu erklären. Auf den gut 700 Seiten von "Traumwelten", der ersten autorisierten Lynch-Biografie, wird man in dieser Hinsicht nicht fündig, zum Glück. Dafür gibt es andere Dinge zu entdecken.

Das Konstruktionsprinzip des Textes erinnert an den Audiokommentar zu einem Film. Lynchs Biografin Kristine McKenna schreibt je ein Kapitel, für das sie gefühlt jeden Menschen interviewt hat, der in der entsprechenden Zeit mehr als fünf Sätze mit Lynch gesprochen hat.

Dann schreibt Lynch einen Kommentar zu diesem Kapitel, korrigiert, erweitert und gewichtet anders. Und das tut er in betont einfachem Duktus, so als wäre ein singulärer künstlerischer Werdegang wie seiner etwas ganz Naheliegendes - ob es um das filmische Werk oder die von Maharishi Mahesh Yogi entwickelte Transzendentale Meditation geht, der Lynch seit Anfang der Siebzigerjahre anhängt. Auch hier verrät der Tonfall nicht, ob Lynch ironisch schreibt oder seinen Lesern nur gerne einfache Wahrheiten mit auf den Weg gibt. "Wer benötigt zehn Stunden für Make-up?" Wer hätte es gedacht: "Jemand, der äußerst kritisch mit seinem Aussehen ist."

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David Lynch: Der Horror der Idylle

Die Kapitel über die Kindheit und Jugend sind die eindrücklichsten. Lynch erinnert sich an eine behütete und zugleich freie Zeit. Immer wieder aber scheinen Störbilder im Paradies auf. Etwa, als das Familienoberhaupt auf Ungezieferjagd geht: "Mein Vater nahm einen Baseballschläger und schlug auf die Klamotten ein, bis die kleine blutige Maus herausfiel." Die vorgeblich makellose Welt der Fünfziger, unter deren Oberfläche die Gewalt in Wartestellung pulsiert, wird später in "Blue Velvet" als Setting wieder auftauchen.

Abgesehen vom filmisch immer wieder aufgenommenen Motiv der Idylle, in die ein Grauen brachial und faszinierend zugleich einbricht, wird man auch in "Traumwelten" kaum Ansätze zu möglichen Werkdeutungen finden. Stattdessen wird Lynchs Leben als eine Geschichte von Produktionsbedingungen und Arbeitskonstellationen erzählt. Wir erfahren, mit wem er welches Atelier in welchem seiner Häuser gebaut hat und mit welchen Geldgebern es welche Probleme gab.

Das klingt erst einmal unspektakulär, ist aber, bei allen gelegentlichen Redundanzen, sehr aufschlussreich, sobald man realisiert, dass sich in dem Text eine Erzählung einer künstlerischen Autonomwerdung verbirgt. David Lynchs Möglichkeiten, die eigenen Ideen weitgehend ohne Rücksicht auf irgendwen zu realisieren, wurden im Lauf der Jahre immer größer (wohl auch, weil die Budgets zuletzt immer schmaler wurden).

In "Traumwelten" kommen auch die Lebensgefährtinnen und Ehefrauen - Peggy Lentz, Mary Fisk, Isabella Rossellini, Mary Sweeney und Emily Stofle - zu Wort, die mit der jeweiligen Werkphase verbunden waren. Und nach dem Ende dieser Phase teils abrupt zurückgelassen wurden. Emily Stofle richtet ihrem Mann ein eigenes Haus auf dem Lynch-Anwesen ein, damit er seine Ruhe hat. Das Werk kommt immer zuerst, noch vor der eigenen Familie.

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David Lynch/Kristine McKenna:
Traumwelten

Ein Leben

Aus dem Amerikanischen von Robert Brack, Daniel Müller, Wulf Dorn, Stephan Glietsch

Heyne Verlag; 768 Seite; 25 Euro

Am Ende von "Traumwelten" wünscht David Lynch uns, dass wir nicht mehr werden leiden müssen. Weit ist es in den Augen dieses erstaunlichen Menschen nicht mehr bis dahin. Alles sei vorbereitet, die Techniken, die Maharishi Mahesh Yogi "zum Vorteil der Welt neu belebt hat", lägen alle vor. Merke: "Wahrer Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die Abwesenheit von Negativität. Alle gewinnen."

Während man diese Sätze liest, ziehen die Filmbilder am inneren Auge vorüber: die pulsierenden Eingeweide des deformierten Babys aus "Eraserhead"; der Schrotflintenkopfschuss in "Wild at Heart"; die Vergewaltigung in "Blue Velvet".

"Ich weiß nicht, warum", erinnert sich Isabella Rossellini an den Regisseur während des Drehs der Szene, "aber er lachte". So irritierend das ist: Man muss sich David Lynch wohl als einen glücklichen Menschen vorstellen. Auch wenn man angesichts dessen, was er uns in seinen Filmen von der Welt zeigt, nicht so recht weiß, worüber er sich so freut.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
monoman 04.07.2018
1.
Bei Lynch weiss man ja tatsächlich nie, woran man ist. Einerseits können seine Werke einen total beeindrucken, andererseits greift man sich manchmal an den Kopf und kann das gesehene auch nicht mehr als Ironie oder dergleichen auffassen. Als ich das erste Mal davon hörte, dass Lynch Anhänger der transzendentalen Meditation nach dem Yogi der Beatles ist, war das für mich nicht weit davon entfernt, als hätte er sich als Scientologe geoutet, ok, nicht ganz so schlimm. Am Ende werden jedenfalls einige Meisterwerke übrigbleiben und ein weiteres Mal ein Abschied von der Vorstellung, dass Künstler in irgendeiner Form bessere Menschen sind.
chuckal 04.07.2018
2. Künstler
Lynch ist ein wahrer Künstler und hat eine klare Vorstellung von dem, was er von seinen Schauspielern erwartet, ohne das Ergebnis konkret zu können. Er öffnet einen Prozeß, eine ganz eigene Kommunikation zwischen den Mimen, dem Team , ihm selbst und dem Thema was zu spielen ist. Greift das alles in einander und wird zu etwas Neuem, was er noch nicht vorhersehen konnte, lacht er vor Freude darüber, dass die Szene gelingt. Er lacht nicht über eine Vergewaltigung. Wer seine Bemerkungen über Trump und seine Anrede an ihn gelesen hat, kann doch nicht ernsthaft glauben er sei für Trump! So verblendet kann man doch nicht sein.
Charlie Whiting 05.07.2018
3. Kino
muss nicht immer einfach sein. Gut, dass es Filmemacher gibt die neue Wege beschreiten. Allerdings ist Verwirrung nur als Selbstzweck auch nicht so toll. Der schlimmste dieser Art (den ich gesehen habe) ist allerdings von jmd anderem (Vanilla Sky). Über Mullholland Drive denke ich manchmal jetzt noch nach und weiss nicht ob das gut oder schlecht ist. Es werden ja überhaupt keine Auflösungen geboten. Trotzdem wirkt er.
Aberlour A ' Bunadh 05.07.2018
4. Lynch is all over the map
Vielleicht wäre es besser gewesen, das Trump-Zitat in den Gesamtzusammenhang zu stellen: Also nochmal: He is undecided about Donald Trump. "He could go down as one of the greatest presidents in history because he has disrupted the thing so much. No one is able to counter this guy in an intelligent way." While Trump may not be doing a good job himself, Lynch thinks, he is opening up a space where other outsiders might. "Our so-called leaders can’t take the country forward, can’t get anything done. Like children, they are. Trump has shown all this." (https://www.theguardian.com/film/2018/jun/23/david-lynch-gotta-be-selfish-twin-peaks). Gemeinhin gilt Lynch in der politischen Ausrichtung als "Libertarian" in der amerikanischen Bedeutung des Wortes. Was sich allerdings nicht in seinen Filmen zeigt. Die sind und waren immer ein beliebtes Analyseobjekt für Abschlussarbeiten von Filmstudenten. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob es überhaupt sinnvoll ist, Lynch-Filme zu analysieren, d.h. Sinn zu suchen, wo es keinen Sinn gibt. Er dreht einfach drauf los, weil ihn irgendeine Imagination fasziniert - und sei es nur ein perfekt gemähter Vorstadtrasen - allerdings weiß er wohl bei Beginn seiner Filme selber nicht, wohin das alles führen soll. Zum Glück konnte ihn Hauptdarsteller John Hurt bei The Elephant Man überreden, den Hauptprotagonisten zunächst nur maskiert zu zeigen. Der Dramaturgie wegen.
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