Krimi-Groteske Das KZ, die Kinderstube Österreichs

Vier Kleinganoven schulen ihre Brutalität im KZ, nach dem Krieg teilen die Gangster Wien unter sich auf: David Schalkos so feinsinniger wie harter Roman "Schwere Knochen" ist ein Sittengemälde des Landes.

Wien in der Nachkriegszeit
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Wien in der Nachkriegszeit

Von Britta Schmeis


Der Ferdinand war ein Sechs-Kilo-Ungetüm, das sich die Mutter einst aus dem Unterleib gepresst hat. "Notwehr-Krutzler" wird er genannt, weil er elf Mal wegen tödlicher Notwehr freigesprochen wird. Wie viele Morde er in seinem gar nicht so langen Leben insgesamt auf dem Gewissen hat, lässt sich nicht sagen. Das KZ hat der Kleinkriminelle aus Wien überlebt, hat sich dort schnell zu Höherem empfohlen, um nach dem Krieg die Wiener Unterwelt zu beherrschen - mit Stil und einer eigenen Handschrift, denn nur so verschafft man sich Respekt im Milieu und bei der Polizei.

Der Notwehr-Krutzler, das ist der Protagonist von David Schalkos viertem Roman, einer Kriminalgeschichte, die in ihrer Grausamkeit an Mario Puzos Mafia-Saga "Der Pate" erinnert, in der kargen Nüchternheit des Wiens der Vorkriegszeit an Robert Seethalers "Trafikant" und ihrer Beschreibung des KZ-Alltags an so manche Arte-Dokumentation. Und doch sind Schalkos "Schwere Knochen" ganz, ganz anders - in der Sprache, der Geschichte, in der Empathie zu all den verrohten Figuren.

Es geht in diesem Epos - immerhin 570 Seiten mit entsprechenden Längen - um vier Kleinganoven, die im KZ zu Kapitalverbrechern werden. Vor dem Krieg haben Krutzler, Praschak (der bullige Fleischersohn), Sikora (der Sohn einer Hure und spätere Herzensbrecher) und Wesseley (der Bleiche) die "Erdberger Spedition" gegründet. Deren Spezialität ist es, Wohnungen in Windeseile auszuräumen, "evakuieren" nennen sie das.

Dummerweise nehmen sie sich am 15. März 1938, als die Wiener den Anschluss Österreichs an das Dritte Reich bejubeln, die Wohnung eines Nazi-Bonzen vor, was sie umgehend ins KZ befördert. Dort steigen die vier ungleichen Freunde schnell zu Kapos auf, den Handlangern der KZ-Aufseher. Sie schulen ihre Brutalität, knüpfen Seilschaften für die Zeit nach dem Krieg, entwickeln ihre Gier, dort "war genau genommen das spätere Österreich entstanden", wie es an einer Stelle im Roman heißt.

Brutales in Humor verpackt

Es ist dieses KZ-Kapitel, das nicht nur die vier Männer prägt, sondern auch den Ton für die restlichen knapp 500 Seiten vorgibt. David Schalko gelingt es mit einer eigenwilligen Sprache, die wie eine leicht betrunkene Stimme daherwienert, das Brutale in Humor zu verpacken, es seltsam lakonisch ins Groteske zu verschieben - vielleicht weil es das ist, vielleicht weil es die Grausamkeit erträglicher macht. Schalko schafft eine Erzählstimme, die selber nicht so genau weiß, was passiert, die immer wieder munkelt und Ausblicke in die Zukunft gibt und sich doch aus allem heraushält.

Im Nachkriegs-Wien teilen die Vier die Stadt wie die Alliierten unter sich auf. Krutzler, der Chef von allem, manifestiert seine Macht mit dumpfer Brutalität und bloßer Körpergröße. Doch die Zeiten ändern sich. Ein neuer Polizeichef kommt, der statt mit der Erdberger Spedition mit den Jugoslawen zusammenarbeitet, jedem der vier wird mindestens eine Frau zu Verhängnis, von denen übrigens keine einzige gut wegkommt.

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David Schalko:
Schwere Knochen

Kiepenheuer & Witsch, 576 Seiten, 24 Euro

Schalko hat nicht nur Prosa und Lyrik veröffentlicht, sondern auch experimentelle Fernsehformate ("Das Wunder von Wien") erfunden und gefeierte Serien ("Altes Geld") erdacht. Er führt seine Geschichte durch zahlreiche Zeitwenden, fantasiert und dokumentiert (einen wie Krutzler hat es tatsächlich einmal gegeben), immer entlang der Historie Österreichs, jenes Landes, das nach dem Krieg aus den rot-weiß-roten Fahnen einfach die Hakenkreuze herausgetrennt hatte: "Und schon war Österreich fertig." Und das sich später "endlich als erstes Nazi-Opfer titulieren durfte". Es ist die Geschichte eines Landes, das sich mit seiner Vergangenheitsbewältigung schwergetan hat - oder es sich zunächst besonders leicht machte.

Skurrile Tiere

Es ist aber auch die Geschichte einer Empathielosigkeit, die spätestens nach Ende des Ersten Weltkriegs einsetzte und weit bis in die Sechzigerjahre anhielt. Von Menschen, die in grausamer Vernachlässigung verrohten, keine Emotionen untereinander aufbauten. Von einer Gesellschaft, "die Menschen zu Tieren macht, um sie zu jagen, und umgekehrt die Tiere zu Menschen, um sie zu lieben."

Eine ganze Reihe skurriler Exemplare lässt Schalko auftreten: Da ist die zur Prostituierten abgerichtete Äffin Honzo, die eines Tages in einer Spelunke zur Waffe greift und wild um sich schießt, ein gelber Papagei, der selbst ausgestopft noch über eine Kneipe wacht und ein Brillenkaiman, der liebevoll in einer ganzen Wohnung gehalten wird, um dann seinen Besitzer zu zerfleischen.

Schalkos Kriminalroman ist eine großartige Groteske, vergnüglich und zynisch, beklemmend und erhellend, und sehr, sehr anders.

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Seite 1
syracusa 17.05.2018
1. Danke
Danke, Frau Schmeis. Wenn je eine Buchbesprechung Lust auf's Lesen gemacht hat, dann diese.
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