David Simons "Homicide" Ein Buch wie ein Kokspaket

Drogen, Armut, Korruption: Mit der düsteren Cop-Saga "The Wire" wurde David Simon zum gefeierten TV-Serien-Erfinder. Begonnen hat seine Karriere mit einem Buch: "Homicide". Jetzt ist das Metropolen-Porträt, das auch ein Bericht vom Niedergang des US-Imperiums ist, endlich auf Deutsch erschienen.

Von

AP

David Simon macht seit fast 30 Jahren das Gleiche - und doch wird es nie öde. Er schreibt über eine Stadt in den USA. Erst als Zeitungsreporter, dann als Buchautor, schließlich als Drehbuchschreiber: Baltimore, 65 Kilometer nordwestlich der US-Hauptstadt. Eine Normalo-Stadt - seine Stadt. "Wir sind das andere Amerika, das Amerika, das im postindustriellen Zeitalter vergessen wurde", sagt Simon. Das bedeutet: Armut, Drogen, über 230 Morde im Jahr.

Am bekanntesten ist Simons Baltimore aus seiner TV-Serie " The Wire"; ein peinlich genau beobachtendes Epos, das die 600.000-Einwohner-Stadt über ihre Verbrechensbekämpfer porträtiert; jede der fünf Staffeln folgt den Kriminalpolizisten in ein anderes Problemgebiet, mal ist es der Drogenhandel, mal sind es politische Verflechtungen. Die Serie endete vor drei Jahren und gilt auch hierzulande den Liebhabern ambitionierter US-Serien als Juwel. Davor schrieb Simon "The Corner", eine Mini-Serie über eine Straßenecke in Baltimore, die er als Mikrokosmos des Drogenhandels inszeniert hat.

Angefangen hat all das aber 1991 mit einem Buch, aus dem der gesamte David-Simon-Kosmos entstand: " Homicide. Ein Jahr auf mörderischen Straßen"

Nun ist dieses Werk, das so dick und schwer ist wie ein frisch beschlagnahmtes Kokainpaket, erstmals auf Deutsch erschienen. Der Untertitel ist wörtlich zu nehmen: Simon, damals Reporter für die "Baltimore Sun", nahm eine Auszeit, heuerte mit Ende 20 als Praktikant bei der Mordkommission der Stadt an und folgte den Sergeants und Detectives und ihren Teams ein ganzes Jahr lang.

Und selbst wenn das Buch 20 Jahre alt ist, allein der Stand der technologischen Entwicklung Lichtjahre entfernt scheint: Der Blick auf diese US-Durchschnittsstadt, in der das soziale Gefüge verrutscht ist, ist umwerfend zeitlos; die Zustände haben sich in Finanzkrisenzeiten wohl verschärft, die Probleme sind die gleichen.

Es ist kein Kriminalroman, auch wenn es sich mitunter so liest, sondern eine fette Reportage, ein Stadtporträt als Tagebuch der Verbrechen. Die Protagonisten, die Drogenhändler, die Informanten und vor allem die Kommissare, sind unzählbar viele; die Liste mit den Namen der Polizisten am Anfang des Buchs allein ist eine Seite lang. Darunter Männer wie Tom Pellegrini, der sich nach oben durchgekämpft hat und seine erste große Ermittlung leitet - den Mord an einem kleinen Mädchen, den er sisyphos-artig verfolgt, während die anderen längst aufgegeben haben.

Niedergang, ohne Happy End

Man riecht in dem wuchtigen Werk den Schweiß nach einer 24-Stunden-Schicht, sieht den Schmutz in den Wohnungen, das geronnene Blut an der Einschussstelle. Wenn Simon Tatorte beschreibt, genau erzählt, wie ein Bein des Opfers angewinkelt ist, der Kopf zur Seite gewendet, die eine Sandale einige Meter entfernt liegt, wenn er die Dialoge von Verhören oder kollegialen Spötteleien wiedergibt, wenn er 15 Seiten lang die Arbeit der Rechtsmedizin aufdröselt, dann spürt man die wohltuende Ernsthaftigkeit, mit der er versucht, sich der Wahrheit zu nähern. Durch epische Breite.

Für Simon sind seine TV-Serien denn auch " soziologische Projekte", und man merkt ihnen an, dass er Journalist war. Seine Werke spiegeln den Zustand eines Imperiums. Sie zeigen, wie das Empire USA zerbröckelt, wie die Polizei an die Grenze ihrer Möglichkeiten gerät, wie Kommunalpolitik, Schulen und Medien nur auf ihr eigenes Wohl bedacht agieren, wie Drogen und Verbrechen den Alltag bestimmen, gesellschaftlicher Zusammenhalt verschwunden ist. So war auch "The Wire" aufgebaut. Am Ende entstand am Beispiel Baltimores ein Bild vom urbanen Amerika, ohne Happy End.

Simons Geschichten verließen Baltimore auch mal, aber es blieben Geschichten über den Zustand der USA, etwa im Siebenteiler " Generation Kill", für die er die ersten 40 Tage des US-Einmarschs in den Irak in eine fiktionale Form brachte. Oder in seiner jazztrunkenen Serie " Treme", einem überwältigenden Porträt eines Stadtviertels von New Orleans. Gerade wurde eine dritte Staffel bewilligt, es wirkt fast wie ein Gegenentwurf zu seinen sonstigen Arbeiten.

Die Geschichte zeigt die Stadt kurz nachdem sie vom Hurrikan "Katrina" größtenteils verwüstet wurde. Doch hier jauchzen die Saxofone, wippen die Kinder im Rhythmus mit der Jazzkapelle, die sich spontan zu einem Gig zusammenfindet. Das gegenseitige Vertrauen, das Miteinander, das in David Simons Baltimore-Geschichten fehlt, macht in "Treme" den Grundton aus: Es ist ein beschwingtes Amerika, das der Autor hier zeigt.

Dass David Simon weder Misanthrop noch Pessimist ist, ist schon in "Homicide" nicht zu überlesen. Wer den Kommissaren von einem Tatort zum nächsten folgt, mag auf den ersten Blick nur bemerken, dass sie ihre Aufklärungsquote im Blick haben, Verdächtige mit billigen Tricks vorführen, rassistische Sprüche machen.

Doch all das tritt zurück hinter ihren humanistischen Impuls: Einem Menschen wurde das Leben genommen - der Täter muss gefasst werden, unter allen Umständen. Der Gedanke, dass Drogen legalisiert werden müssten, um Beschaffungskriminalität zu minimieren, scheint vielen naheliegend. Dass ihr aufreibender Kampf für das Leben, für die Opfer so bedingungslos ist, stimmt hoffnungsvoll. Man wüsste gerne, ob das heute noch gilt. Simon müsste noch einmal ran. Zuzutrauen wäre es ihm, besessen wie er ist.



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coco-77 17.09.2011
1. it's just business
"The Wire" sollte eigentlich Pflichtprogramm an jeder Abgangsstufe unserer Schulen sein ! Notfalls als englisch für Fortgeschrittene ... ;) David Simon zeigt(spricht) all die Sachen die eigentlich keiner sehen will ^^ Dieser Baltimore Mikrokosmos läßt sich wunderbar auf jede zweite europäische Großstadt übertragen . Nie zuvor wurde die völlig verfehlte westliche "Drogenpolitik" besser auf Zelluloid gebrannt und als reine augenwischerei entlarvt . Das Buch "Homicide" werde ich mir definitiv besorgen da meine englisch Kenntnisse für einen Film noch ausreichend sind ,ein englisches Buch mir aber biss dato zu anstrengend war . lg
der lurch 17.09.2011
2. Titel essen Thema auf.
Mit einer Ausstrahlung von "The Wire" in einer vernünftig synchronisierten Fassung könnten deutsche Sender hierzulande mit einem Schlag das Bild Amerikas und dümmlicher amerikanischer Endlosserien á la CSI & Co. revidieren. Ich habe selten eine Fernsehserie mit derart sozialer Relevanz gesehen. Die beste Serie, die jemals gedreht wurde. Vielleicht traut sich ARTE mal daran, der Anfang mit "Breaking Bad" ist ja schon mal nicht schlecht.
john_adams 17.09.2011
3. The Wire - ein Meisterwerk
The Wire ist unübertroffen von seiner Wucht und Eindringlichkeit in der Schilderung der Zustände einerseits, und gleichzeitig scharfsinnig in der Analyse der Ursachen, die deutlich über eine platte Kapitalismuskritik hinausgeht. Leider ist The Wire aufgrund des Baltimore-Slangs schwierig zu verstehen, aber das scheint Amerikanern genauso zu gehen :) Gerade wenn man The Wire mit den deutschen politik-korrekten Tatort-Fogen vergleicht (nach deren Darstellung es Morde fast nur in der deutschen Oberschicht gibt...), fühlt man sich wie mitten in den Realität, und nicht wie in einem Comic mit klischeehaft überzeichneten Kommissaren. Das solche Serien nicht Prime-Time in den ÖR laufen, ist ein Unding. Wäre 100 mal günstiger als der Mist, der da sonst ständig produziert wird.
Helmut Körschgen 17.09.2011
4. ganz genau coco
gegen die art und weise wie "the wire", "generation kill", "the corner" oder auch "treme" (da hab ich allerdings erst ein paar folgen der ersten staffel gesehen) reale probleme und situationen fiktional umsetzt ist meines erachtens beispiellos...da kommen einem solche formate wie "CSI", "Law and Order" oder wie sie alle heißen wie kinderkram, märchen oder gar science fiction vor. eine unglaubliche charakterentwicklung, erzählstruktur und authetizität wird hier in meinen augen erreicht. offensichtlich nichts für jederman, gerade weil sie meiner meinung nach nur im original zu genießen sind, wobei das englisch teilweise sicherlich recht herausfordernd ist, aber in jedem fall absolut empfehlenswert! dementsprechend freue ich mich auf das buch!
Hercules Rockefeller, 17.09.2011
5. Das ist doch Quatsch
Zitat von Helmut Körschgengegen die art und weise wie "the wire", "generation kill", "the corner" oder auch "treme" (da hab ich allerdings erst ein paar folgen der ersten staffel gesehen) reale probleme und situationen fiktional umsetzt ist meines erachtens beispiellos...da kommen einem solche formate wie "CSI", "Law and Order" oder wie sie alle heißen wie kinderkram, märchen oder gar science fiction vor. eine unglaubliche charakterentwicklung, erzählstruktur und authetizität wird hier in meinen augen erreicht. offensichtlich nichts für jederman, gerade weil sie meiner meinung nach nur im original zu genießen sind, wobei das englisch teilweise sicherlich recht herausfordernd ist, aber in jedem fall absolut empfehlenswert! dementsprechend freue ich mich auf das buch!
Wenn Sie ernsthaft behaupten wollen, dass Sie den 80/90er Slang der Baltimorer Drogengangs verstehen, dann wüsste ich mal gerne, wann Sie dort tätig waren? Nicht das Englisch ist da herausfordernd, sondern der Slang. Das ist das, was auch für die Amerikaner schwierig zu verstehen war und ist, nicht das Englisch dazwischen, das versteht jeder und das ist ja auch nicht kompliziert.
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