Jahrhundertbuch "Kongo": Zerrspiegel der Weltgeschichte

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Ausgebeutet von Diktatoren, ausgeblutet durch Kriege und Kolonialherrschaft: Die Geschichte des Kongo ist die exemplarische Katastrophe Afrikas. In seinem Riesenwerk "Kongo" erzählt David Van Reybrouck davon ebenso lebendig wie von Muhammad Alis berühmtem Boxkampf im Dschungel.

Jahrhundertbuch "Kongo": Ausgebeutet und ausgeblutet Fotos
AP

Als Patrice Lumumba im Januar 1961 bei Nacht von den eigenen Landsleuten verschleppt wird, zwingt man ihn, seine eigene Rede zur Unabhängigkeitserklärung zu essen. Der Vorkämpfer der Loslösung von Belgien, nach der schlecht vorbereiteten Unabhängigkeit kurzzeitig Premierminister des Kongo, wird gefoltert und schließlich am Rande der Savanne vor einer frisch ausgehobenen Grube mit Maschinengewehrsalven niedergemäht. Verraten hatte ihn ein Vertrauter: Joseph-Désiré Mobutu.

David Van Reybroucks Buch "Kongo" umspannt mehr als ein Jahrhundert in der Geschichte dieses Riesenlandes - sein Projekt hätte scheitern können, als ein ebenso größenwahnsinniges wie allzu simpel gedachtes Vorhaben. Eben, weil es um den Kongo geht, um die Demokratische Republik Kongo, wie das Land offiziell heißt. Um Zaire, wie es unter Mobutu hieß; um eine Kolonie, die der belgische König über Jahre hinweg wie seinen Privatbesitz geführt und ausgebeutet hat. Um ein Land, das Politiker und Krieger hervorgebracht hat, deren Namen allein ausreichen, um eine Epoche afrikanischer Geschichte mit dem Abglanz postkolonialen Niedergangs zu beleuchten: Lumumba, Inbegriff des mit heißblütiger Rhetorik geführten Unabhängigkeitskampfs; Mobutu, Inbegriff durchgedrehter Despotie; Kabila, Inbegriff des Warlords. Innerhalb einer Generation wurde das Land in die Moderne geworfen. Seine Entwicklung zeigt, dass es mehr als ein Menschenalter dauert, bis eine Gesellschaft mit deren Extremen umgehen kann. Oft wirkt die Geschichte des Kongo wie ein Zerrspiegel der Weltgeschichte.

Van Reybrouck genügen wenige Absätze um den Zusammenhang zwischen einzelnen Hauptpersonen der kongolesischen Geschichte und den historischen Phasen, für die sie stehen, zu illustrieren. Der 30-Jährige Mobutu brachte es im überstürzt abgewickelten Unabhängigkeitsprozess binnen kurzer Zeit vom Journalisten zu Lumumbas Sekretär und sogar zum Stabschef der Armee. Im ganzen Kongo gab es damals lediglich 16 Menschen mit Universitätsabschluss. Karrieren verliefen rasant. Ebenso rasant verhedderte sich der politisch unerfahrene Lumumba nach der Unabhängigkeitserklärung seines Landes in den Fallstricken des Kalten Krieges. Als er sich in seiner Verzweiflung über die drohende Unregierbarkeit des jungen Staates mit den Sowjets einließ, gab US-Präsident Dwight D. Eisenhower persönlich den Befehl, ihn zu liquidieren.

Operettendiktator mit Faible für Jungfrauen

Mobutu dagegen beherrschte das Spiel mit den Claims perfekt. Nachdem er im November 1965 durch einen Militärputsch endgültig die Macht an sich gerissen hatte, konnte er sich über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinaus als treuer Verbündeter des Westens halten - und kokettierte doch mit guten Beziehungen zu Führern des Ostblocks. Mobutu gab dem Land einen neuen Namen, Zaire. Der allerdings beruhte auf der Fehlinformation, hier handele es sich um ein altafrikanisches Wort. Zaire war ein Schreibfehler portugiesischer Expeditionsteilnehmer.

Mobutu schaffte die christlichen Vornamen ab, sich selbst inszenierte er als Operettendiktator mit Leopardenkappe, weit verstreutem Immobilienbesitz und einem Faible für Jungfrauen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht veranstaltete er 1974 den als Rumble in the Jungle berühmt gewordenen Boxkampf zwischen George Foreman und Muhammad Ali.

Er schrieb an der Geschichte seiner eigenen Größe und der seines Reichs und trieb dabei doch nur Arbeitslosigkeit und Inflation in die Höhe - als 1996 aus Ruanda der Bürgerkrieg zwischen Hutus und Tutsi über die kongolesischen Grenzen getragen wurde, war der Kongo noch instabiler als 1961. Nun entriss ein Milizenführer Mobutu die Macht: Laurent-Désiré Kabila. Als der 2001, fast auf den Tag genau vierzig Jahre nach Lumumba ermordet wurde, folgte sein Sohn Joseph. Er beherrscht den Kongo bis heute.

Die Geschichte des Landes ist so reich an Verbrechen wie der kongolesische Boden es an Rohstoffen ist. David Van Reybrouck beschränkt sich nicht darauf, die Katastrophen aufzuzählen, die sich entwickelt haben, seit der Amerikaner Henry Morton Stanley in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Regionen des heutigen Kongo durchreist und so auf ihre koloniale Erschließung vorbereitet hatte. Der Kongo ist in diesem Buch, anders als bei Joseph Conrad, kein "Herz der Finsternis". Man erfährt bei Van Reybrouck auch von kaum bekannten Religionen wie dem Kimbanguismus, vom Konkurrenzkampf der Brauereien und der Rolle, die Popmusik dabei spielt. Van Reybrouck schreibt ohne Larmoyanz, er geht sparsam mit Schuldzuweisungen und Opfermythen um. Eines aber hat Van Reybrouck zufolge sehr wohl seine Ursache in den von der belgischen Kolonialmacht verschärften Abgrenzungen: Die bis heute andauernden Konflikte zwischen den einzelnen Stämmen.

Atombombe aus den Minen des Kongo

Der Autor ist kein völlig unbefangener Beobachter: Er ist selbst Belgier. Sein Vater hat im Kongo als Ingenieur gearbeitet. Van Reybrouck verschleiert seine indirekte Betroffenheit nicht. Geboren 1971, ist er Teil einer Reportergeneration, die gelernt hat, "ich" zu sagen. Von Beginn an - der Autor hatte das erstaunliche Glück, einen weit über 100-jährigen Zeitzeugen aufzutun, der sich noch an das späte 19. Jahrhundert zu erinnern glaubte - ist seine Geschichte des Kongo auch eine Geschichte seiner eigenen Recherche im Kongo. Das wirkt in einigen Momenten wie Markus Lanz' Grönlandreportagen im Fernsehen, in denen der ZDF-Mann das Wörtchen "ich" allzu großzügig über seine Off-Texte streut. In den starken Passagen von "Kongo" aber, so, wenn Van Reybrouck unter vermutlich beträchtlicher Gefahr, einen Rebellenführer im ugandischen Grenzland trifft, entwickeln sich gerade durch die Ich-Perspektive eindrückliche Reportagesequenzen. Pathos oder Heroisierung seiner eigenen Rolle liegen dem Autor dabei fern.

Wie Geert Maks 2005 erschienenes "In Europa" oder Barbara Tuchmans Jahrhundertwerk "Der ferne Spiegel" ist "Kongo" der seltene Fall eines historischen Sachbuchs, das lebendig erzählte Geschichten mit der Analyse von Geschichte verbindet - dabei niemals ins unnötig Anekdotenhafte, Gefällige abrutscht, sondern Information und Überblick auf mitreißende Art darbietet.

David Van Reybroucks Werk umfasst mit Anmerkungen und Fußnoten fast 800 Seiten. Und doch nimmt einen die Lektüre gefangen - gerade, weil es hier um eine der exemplarischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geht, die sich immer wieder überschneidet mit den anderen großen historischen Linien unserer Epoche. Das Uran für die Atombombe, die auf Hiroshima fiel, kam aus den Minen des Kongo.

Zuletzt keimt Hoffnung auf. David Van Reybrouck folgt einer Gruppe von Kongolesen ins chinesische Guangzhou. Voller Elan importieren sie als Ein-Mann-Unternehmer Waren in ihre Heimat und stehen so exemplarisch für die wachsende Bindung des Kongo an China. Zurück auf dem Flughafen von Kinshasa stechen ihm zwei junge Afrikanerinnen mit platinblonden Perücken ins Auge. Er spricht sie nicht an, sondern entlässt sie, in den letzten Sätzen seines Buchs, ins Ungewisse. Wer wagt nach der Lektüre zu hoffen, dass auf die beiden eine bessere Zukunft wartet, als auf die Generationen vor ihnen?

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: David Vanns "Die Unermesslichkeit", Bram Stokers "Dracula", Marc Deckerts "Kometenjäger", F.C. Delius "Als die Bücher noch geholfen haben"und Hélène Grémillons "Das Geheimnis der Liebe".

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Hans-Gerd Brummel 26.04.2012
Die eigentliche Katastrophe oder besser Tragödie des Kongo wird in dieser Buchbesprechung leider nur sehr dezent erwähnt. Unter dem belgischen König Leopold II verloren schätzungsweise 10 Millionen Einwohner des Kongo, den er tatsächlich als Privatbesitz ausbeutete, ihr Leben. Es existieren Fotos von ganzen Dorfgemeinschaften, denen die Hand abgehackt wurde, um Patronen für die Jagd "zweckzuentfremden". Näheres z.B. unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._(Belgien). Das ist die eigentliche Tragödie des Kongo, die in dem Artikel breit behandelte Folgezeit ist nur die logische Konsequenz aus der kolonialen Anfangskatastrophe.
2.
Hans-Gerd Brummel 26.04.2012
Den Briten Sir Henry Morton Stanley als "Amerikaner" auszuweisen, zeigt doch sehr stark die Schwächen dieser Buchbesprechung (oder gar des Buches ?). Das passt nicht zu einem "Jahrhundertwerk". Leopold II, König der Belgier, hier noch nicht einmal namentlich erwähnt, einer der schlimmsten Menschenschlächter, war übrigens gebürtiger Deutscher ...
3.
ceylon06 27.04.2012
schönes Buch, "liest sich wie ein Zug". Aber es gibt einfach zu viele Fehler. Der Schriftsteller war ungenau mit seinen Zeugen. für Hans-Gerd Brummel: Politik Leopopld II war eine Katastrophe mit vielen Toten und Elend, aber wie bekommt man die Zahl 10 Millionen ? Nach pflichtgemäßer Prüfung zählt eineinhalb Million Opfer (immer noch zu viel) weil in dieser Zeit dort lebte nicht einmal 10 Millionen Menschen auf der ganzen Fläche.
4.
ceylon06 27.04.2012
schönes Buch, "liest sich wie ein Zug". Aber es gibt einfach zu viele Fehler. Der Schriftsteller war ungenau mit seinen Zeugen. für Hans-Gerd Brummel: Politik Leopopld II war eine Katastrophe mit vielen Toten und Elend, aber wie bekommt man die Zahl 10 Millionen ? Nach pflichtgemäßer Prüfung zählt eineinhalb Million Opfer (immer noch zu viel) weil in dieser Zeit dort lebte nicht einmal 10 Millionen Menschen auf der ganzen Fläche.
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