Roman einer Organtransplantation: Im Bett mit dem Tod

Von Thomas Andre

David Wagner: Große, berührende Literatur Zur Großansicht
Susanne Schleyer/ Rowohlt

David Wagner: Große, berührende Literatur

David Wagner leidet an einer lebensbedrohlichen Krankheit, schließlich muss er sich einer Lebertransplantation unterziehen. In seinem Buch "Leben" zieht der Schriftsteller Bilanz - es gilt als einer der Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse.

"Wachs doch nach, liebe Leber", schreibt der Patient. Seine Leber ist zu zwei Dritteln zerstört, er ist sterbenskrank und wartet auf ein Spenderorgan. Er wurde in die Notaufnahme eingeliefert, weil die Krampfadern in der Speiseröhre geplatzt waren. Ein Blutrückstau, weil die Leber nicht mehr richtig arbeitet.

Der Patient spuckt Blut. In der exakten Sprache der Medizin: "Indikation: Anamnestisch bekannte gastrointestinale Blutung. Anamnestisch bekannte Varizenerkrankung." Demgegenüber die Sprache des Erzählers, zwar kühl im Ton, aber jeder Satz wie eine existentialistische Bombe: "Ich weiß, wird diese Blutung nicht schnell gestoppt, bin ich bald tot." Oder: "Selbst zu Friedenszeiten ist Leben im Rückblick bloß Überleben - ein Wunder, dass all die Menschen rings um einen herum noch da sind, beinah wären sie alle schon gestorben."

Im Jahr 2000 wurde David Wagner bekannt mit seinem Debütroman "Meine nachtblaue Hose", einer in Bonn und Berlin spielenden Liebesgeschichte. In seinem neuen Buch "Leben", einer Mischung aus fiktiver Erzählung und autobiografischem Bericht, geht es um Existenzielleres: Was denkt ein Todkranker? Wie lebt es sich mit der Furcht, vielleicht bald tot zu sein? Was hält einen am Leben, wenn der Körper eigentlich nicht mehr kann? Und: Wie stinklangweilig ist es im Krankenhaus?

Lachen der Tochter

Wie die Hauptfigur seines für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buches, leidet Wagner seit seiner Kindheit an Autoimmunhepatitis. Der Schriftsteller lebt inzwischen mit einer neuen Leber. Seinem Buch "Leben" hat er den Satz vorangestellt: "Alles war genauso und doch ganz anders."

Er protokolliert den Verlauf einer Krankheit, die den Patienten langsam von innen zu vergiften droht, seine Rettung durch eine Organtransplantation und seine Gedanken - jahrelang hat er mit dem Tod bereits gelebt, plötzlich ist er konkret mit ihm konfrontiert. Seit einem Vierteljahrhundert schluckt er Medikamente, aber er hat, bis zur Einlieferung ins Hospital, ein größtenteils normales Leben. Danach weiß er, dass er mit seiner Leber nicht weiterleben kann. Plötzlich der Anruf: "Wir haben ein passendes Spenderorgan für Sie."

Wieder muss er ins Krankenhaus, danach in die Reha. Er fällt in eine Depression. Dann übermannt ihn Überlebenseuphorie. Schließlich die Angst, dass der Körper die fremde Leber abstößt. Und was wird, sollte der Körper das Organ annehmen? Würde er durch die veränderte Biochemie zu einem anderen? Und wer war der Mensch, dem er sein Leben verdankt?

Bei seinen Mitpatienten hat er einen guten Stand mit seiner Krankengeschichte, sie ist die Währung in einem Krankenhaus. Was für den Erzähler aber zählt, was die dunklen Gedanken vertreibt, ist sein Kind: "Die Tochter wacht manchmal so auf, sie lacht und freut sich, dass sie da ist." Sie ist das Gegenstück zu all den Toten, die das Buch bevölkern: die Mutter, die Freundin, der Großvater, die Krankenhausbewohner. Hier hören wir den typischen Wagner-Sound, ein fernes, melancholisches Puckern aus der Vergangenheit, in der Verluste summiert werden, aber auch die Glücksmomente einer reichen Existenz: "Sich selbst erzählen zu hören heißt, noch zu leben." So geht es in "Leben" auch um eine Selbstrettung durch Reden und Schreiben.

So entsteht große, berührende Literatur. Und ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn im Lachen eines kleinen Mädchens haben kann.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Dave Eggers "Ein Hologramm für den König", Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne", Lisa Kränzlers "Nachhinein", Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen", Georges Simenon, ausgewählte Romane in 50 Bänden, Wsewolod Petrows "Die Manon Lescaut von Turdej" und Tony Judts "Nachdenken über das 20. Jahrhundert".

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Büschen wenig!
Helotie 22.02.2013
Vollsaftig ist der Roman "Noch lebe ich! - Der Krebsroman für Männer". Lesevergnügen muß es sein. Literatur über ein Individualthema, gelobt und gepusht, regt mein Mißtrauen an. Aber danke für den Tip.
2. Braucht man nicht
karlsiegfried 22.02.2013
Oder doch oder wie oder was?
3. Leber
emma 22.02.2013
Braucht man vielleicht doch, wenn man sich in der aktuellen Organspende-Diskussion über eine neue Sichtweise dem Thema nähern will. Wir haben in den letzten Monaten reichlich Wissenschaftliches, Dokumentarisches, Enthüllendes, Verlogenes und Entsetzliches darüber konsumiert - warum jetzt nicht einen Roman zum Thema...?!
4. Neue Sichtweise zur Organspendediskussion?
karlsiegfried 22.02.2013
zu Beitrag 3. Leber - Der Mensch ist weder eine Maschine noch ein Auto, bei denen nach Belieben Teile entnommen oder ausgetauscht werden können, sollten, dürfen. Wenn bei mir ein Körperteil ausgetauscht werden soll sage ich 'Nein Danke'. Das tue ich dem Spender, meinem Körper und meiner Seele nicht an.
5. karlsiegfried, wer oder was?
sunnycinderella 22.02.2013
Natürlich ist der Mensch keine Maschine, aber denken Sie doch an Tausende von Menschen, die nach Organversagen NICHT oder NUR SCHLECHT mit einer maschinellen Ersatztherapie wie z. B. Dialyse klarkommen, ganz zu schweigen von den Tausenden, für die es keine maschinelle Ersatztherapie gibt!
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