DDR-Auflagenmillionärin Lyrikerin Eva Strittmatter gestorben

Sie war die Ehefrau eines berühmten Schriftstellers und schrieb ihre Gedichte lange Zeit nur heimlich. Als sie ihre Lyrik doch veröffentlichte, wurde sie zu einer der meistgelesenen Autorinnen der DDR. Nun ist Eva Strittmatter mit 80 Jahren in Berlin gestorben.

Eva Strittmatter 1997 in Berlin: Dichten als Auflehnung gegen die Existenz als Bauersfrau
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Eva Strittmatter 1997 in Berlin: Dichten als Auflehnung gegen die Existenz als Bauersfrau


Berlin/Hamburg - Die Dichterin Eva Strittmatter ist tot. Im Alter von 80 Jahren starb die Lyrikerin am Montag in Berlin. Das teilte der Verlag Das Neue Berlin der Nachrichtenagentur dpa mit. Neben Gedichten schrieb die Ehefrau des Schriftstellers Erwin Strittmatter (1912-1994, "Der Laden") auch Prosa für Erwachsene und Kinder. "Die Ausnahmepoetin vermochte den Reigen des Lebens in Verse zu kleiden, in denen die Menschen Halt finden", heißt es im Nachruf des Verlages.

"Mein erstes Gedicht habe ich an der Hand des Vaters gemacht", sagte die am 8. Februar 1930 geborene Eva Strittmatter in einem 2008 erschienen Gesprächsband mit Irmtraud Gutschke: "'Fräulein Tongtong hat ein Pongpong, geht sie weg, liegt er im Dreck.'" Der Vater habe daraufhin bewundernd gesagt: "Hör mal, die kann schon dichten." Doch der Weg dahin, als Dichterin öffentlich erkannt zu werden, war noch lang. An der Seite ihres Ehemannes, des bereits berühmten Schriftstellers Erwin, lebte sie abgeschieden auf dem Schulzenhof, in der Nähe des brandenburgischen Neuruppin, ihrer Geburtsstadt. Sie kümmerte sich um seine Korrespondenz, ihre vier Söhne, um zeitweilig 26 Pferde - doch gegen das Schicksal einer Bauersfrau auf Lebenszeit, wie sie sich ihr Mann vorstellte, rebellierte die 18 Jahre jüngere Eva heimlich mit ihren Gedichten.

Die studierte Germanistin und Lektorin ließ sich erst Mitte der sechziger Jahre von Freunden zur Veröffentlichung ihrer Werke überreden. Ihr erster Gedichtband von 1973 hieß "Ich mach ein Lied aus Stille" - berühmt wurden die Zeilen aus dem titelgebenden Gedicht: "Ich mach ein Lied aus Stille./ ich mach ein Lied aus Licht./ So geh ich in den Winter./ Und so vergeh ich nicht."

Dem "Akt der Selbstbefreiung" folgten elf weitere Bände mit gleichermaßen poetischen Titeln wie "Mondschnee liegt auf den Wiesen" (1975), "Heliotrop" (1983), "Unterm wechselnden Licht" (1990) oder "Der Winter nach der schlimmen Liebe" (2005). Gedichte aus vier Jahrzehnten versammelte ihr letzter, 2009 veröffentlichter Band "Wildbirnenbaum". 1996 erklärte sie in einem Gespräch mit Klaus Trende: "Mit den Jahren verstand ich, was die Konstante meines Lebens ist: das Verhältnis zur Natur, die Rührung über ihre Erscheinungen."

Dichten hieß für Eva Strittmatter lebenslange schonungslose Selbstbefragung, ohne den Leser dabei draußen zu lassen. Die schlichte Ehrlichkeit, mit der sie über Verletzungen, Hoffnungen und Ängste, Glück, Liebe und Freundschaft, Krankheit und Tod spricht, geht unter die Haut. Wundersam lebendig und einfach schön sind ihre Naturbeschreibungen, die nach "Wind und Regen schmecken", wie Schriftstellerfreund Hermann Kant lobte.

Im Osten Deutschlands erreichten Strittmatters Gedichtbände Auflagen von mehr als zwei Millionen Exemplaren. Die fast klassische Einfachheit ihrer Sprache wurde auch im Westen gelobt. Sie stehe in der Tradition etwa des frühen Heine oder einer Droste-Hülshoff, hieß es.

Der Kritiker Elmar Krekeler lobte Eva Strittmatter anlässlich ihres 80. Geburtstags im Februar 2010 für ihre "Gedichte bar jeder Ideologie". In der DDR war sie allerdings Mitglied des Redaktions-Beirats der Zeitschrift "NDL", der Verbandszeitschrift des DDR-Schriftstellerverbandes. Der "Berliner Zeitung" erzählte sie 1997: "Ich kriegte vor Jahren von Frau Ministerin Merkel einen Brief, die CDU brauche ein neues Programm, und sie bitte mich doch ganz herzlich, an diesem Programm mitzuarbeiten. Was habe ich mit der CDU zu tun. Ich habe nicht geantwortet, wie immer in solchen Fällen, wie auch schon zu DDR-Zeiten. Das kümmert mich alles überhaupt nicht."

Seit dem Tod ihres Mannes, der 1994 81-jährig starb, war Eva Strittmatter auch die Verwalterin seines Werks und ordnete den Nachlass. Als Historiker 2008 Erwin Strittmatters Zugehörigkeit zu einem SS-Regiment aufdeckten, sagte sie, dies sei ihr unbekannt gewesen. Einblicke in die Schreibwerkstatt und die persönlichen Beziehungen des Schriftstellerehepaares geben die von ihr veröffentlichten "Briefe aus Schulzenhof" in drei Bänden. Schulzenhof in Dollgow im Land Brandenburg, wohin sich die Strittmatters Anfang der fünfziger Jahre aus Berlin auf ihr bäuerliches Grundstück zurückzogen, blieb nach dem Tod des Lebensgefährten ihr Zuhause.

Ihr letzter Gedichtband "Wildbirnenbaum" erschien 2009 im Aufbau Verlag. Strittmatter sei seit längerer Zeit krank gewesen. Schon an der Feier zum ihrem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr habe sie aus diesem Grund nicht teilnehmen können, teilte der Verlag mit. In "Wildbirnenbaum" findet sich ein bis dato unveröffentlicht gebliebenes Gedicht aus dem Jahre 1972 namens "Epitaph". Dort heißt es: "Wie eine Larve werfe ich/ Einmal alle meine Zweifel ab./ Dann will ich Ruhm. Und sei es auch/ Spät und an meinem toten Grab." So lange musste sie nicht warten.

feb/dpa



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