"Deadwood"-Autor Pete Dexter: "Das Fernsehen hat meine Geschichte gestohlen"

Sein Roman "Deadwood" revolutionierte vor 25 Jahren das Western-Genre, jetzt ist er endlich auf Deutsch erschienen. Im Interview erzählt der US-Schriftsteller, wie der Sender HBO ihm den Stoff für eine erfolgreiche TV-Serie geklaut hat und erklärt, warum Hollywood wie der Wilde Westen ist.

"Deadwood"-Autor Peter Dexter: Gesetzlose Goldgräber Fotos
Corbis

SPIEGEL ONLINE: In den USA gilt ihr Western-Roman "Deadwood" als Klassiker. Die "Washington Post" kürte ihn zum "wahrscheinlich besten Western, der je geschrieben wurde", die "New York Times" stimmte ein mit dem Urteil "unberechenbar und zum Brüllen komisch". Selbst das Hipster-Blatt "Vice" rät seinen Lesern, ihr Buch "unbedingt zu lesen!" Sind Westerngeschichten nicht höchstens noch als Filme oder Fernsehserien interessant?

Pete Dexter: Das mag man außerhalb der USA so sehen. Selbst bei uns sind ambitionierte Westernromane die Ausnahme, aber sie sind nicht so exotisch, wie es in Deutschland vielleicht scheint. Es gibt einige angesehne Westernautoren in den USA, etwa Larry McMurtry oder Elmore Leonard. Außerdem sind bestimmte Westernromane, wie beispielsweise meiner, alles andere als konventionell und altmodisch.

SPIEGEL ONLINE: "Deadwood" ist ihr einziger Westernroman. Wie kamen Sie dazu?

Pete Dexter: Weil ich aus der Gegend von Deadwood komme, kannte ich die Geschichte. Ich glaube, dass diese Stadt Ende des 19. Jahrhunderts zwei Jahre lang einer der aufregendsten Orte auf der Welt war. Einige der berühmtesten Menschen des sogenannten Wilden Westens waren dort unterwegs: Wild Bill Hickok, Calamity Jane oder General Custer. Deadwood war eine illegale Stadt, es gab Drogen, Prostitution, einen gewaltigen Goldrausch und keine Gesetze. Mord war dort an der Tagesordung und wurde kaum geahndet. Als ich darüber nachdachte, eine Geschichte darüber zu schreiben, konnte ich gar nicht glauben, dass das keiner vor mir getan hatte. Mein Roman schrieb sich wie von selbst.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie für "Deadwood" recherchiert?

Pete Dexter: Ich bin dreimal für jeweils zwei Wochen nach Deadwood gefahren, denn Details sind wichtig. Wenn ich schreibe, dass ein bestimmter Fußmarsch zwanzig Minuten dauert, dann sollte das stimmen. Aber ich wollte eine Geschichte erzählen und kein Sachbuch schreiben. Mir ging es darum, eine bestimmte Stimmung einzufangen, die der Zeit gerecht wird. Ich habe in der örtlichen Bücherei viel Zeit verbracht und mich durch uralte Zeitungsjahrgänge gelesen. Außerdem bekommt man ein besseres Gefühl für den Ort, den man beschreibt, wenn man da war und lauscht, wie die Menschen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Geschichte spielt 1876. Hat sich die Sprache seitdem nicht stark verändert?

Pete Dexter: Erstaunlicherweise kaum. Jemand, dessen Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern in Deadwood lebten, hat immer noch den Sound seiner Ahnen. Ich behaupte sogar, dass ein Mann in diesem Jahrtausend in Deadwood so spricht wie seine Vorfahren 1876. Besonders in der Provinz bleibt die Sprache über Generationen konstant. Natürlich haben sich Vokabeln geändert, aber der Sound ist geblieben.

SPIEGEL ONLINE: In "Deadwood" geht es mitunter brutal zu. Sie kombinieren Drastisches mit Humor, so wie bei dem Kopfgeldjäger, der einen abgeschnittenen Indianerkopf nicht los wird. Was verbindet Humor und Gewalt?

Dexter : Beides sind zutiefst menschliche Regungen. Die Geschichte vom Kopfgeldjäger ist zum Beispiel authentisch. Ich entdeckte sie in einer alten Zeitung - mit allen grotesken Details.

SPIEGEL ONLINE: Ging es damals tatsächlich so gesetzlos zu oder übertreiben Sie in Ihrer Darstellung?

Pete Dexter: Nein, das kommt schon hin, historisch. Vor allem Leute, die Rang und Namen hatten, konnten in Städten wie Deadwood so ziemlich tun und lassen, was sie wollten. Gewalt gehörte zum alltäglichen Umgang.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch eine besondere Beziehung zu Gewalt. Vor dreißig Jahren, als Sie noch als Journalist arbeiteten, waren Sie in eine drastische Schlägerei verwickelt, in der Sie schwer verletzt wurden. Veränderte das Ihre Sichtweise auf Gewalt?

Pete Dexter: Ich war in einer Bar von Gästen verprügelt worden, die sich über eine Geschichte von mir geärgert hatten. Ich lief nicht zur Polizei, sondern holte einen Freund, der ein berühmter Boxer war. Und ging zurück in die Bar.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten Rache?

Pete Dexter: Ich wollte den Typen eine Lektion erteilen. Sie waren zu viert, sie hatten mir eine Flasche über den Kopf gezogen und einige Zähne ausgeschlagen. Ich wollte ihnen beweisen, wie stumpf sowas ist, indem ich es ihnen auch antat. Alles lief gut, bis zum dem Moment, als dreißig ihrer Kumpels mit Baseballschlägern reinkamen und auf uns los gingen. Sie können sich vorstellen, wie die uns zurichteten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Rückehr bereut?

Pete Dexter: Bedingt! Ich habe meine Lektion bis heute wohl nicht gelernt. Bereut habe ich nur den Anblick, den ich meiner Frau und meiner zweijährigen Tochter bot. Außerdem verletzte sich mein Freund, der Boxer Randall Cobb, so sehr, dass seine Karriere Schaden nahm. Ein Knochen seines rechten Arms war zertrümmert. Was für einen rechtshändigen Boxer nicht gut ist. Er verlor Millionen an bereits ausgehandelten Preisgeldern, es war schlimm. Eine sehr teure Nacht, wenn Sie so wollen. Ich habe sehr bereut, Randall da reingezogen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben auch lange geboxt. Warum zieht dieser gefährliche Sport so viele Künstler an - von Norman Mailer bis Bob Dylan?

Pete Dexter: Weil er eine aufregende Herausforderung für den Geist ist. Ein guter Kampf erfordert volle Konzentration und eine Strategie. Jeder interessante Schlagabtausch wird von Intellekt und präzisen Reaktionen bestimmt. Ich war ein leidenschaftlicher Boxer und musste viel einstecken. Aber ich konnte nie etwas mit Leuten wie Norman Mailer anfangen, die sich nur aus Imagegründen für diesen Sport begeisterten. Jeder mittelprächtige Provinzboxer hätte Mailer mit geschlossenen Augen aus dem Ring gefegt.

SPIEGEL ONLINE: In den USA lief eine erfolgreiche TV Serie namens "Deadwood", auf die Sie nicht gut zu sprechen sind. Was ist passiert?

Pete Dexter: Die Produzenten haben meine Buchidee gestohlen! Die TV-Serie von HBO kam einige Jahre nach meinem Roman. Sie trug denselben Namen und erzählte eine ähnliche Geschichte. Natürlich ist der Stoff historisch, aber das, was ich hinzudichtete, übernahmen sie. Zum Beispiel die Figur des Charley Utter, der historisch eher unbedeutend ist, aber in meinem Roman eine wichtige Rolle spielt - der tat das plötzlich auch in der TV Serie! Und das ist nicht alles: Alle Charakterzüge, die ich Charley Utter angedichtet habe, hatte er auch in der Serie.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht geklagt?

Pete Dexter: Weil meine Anwälte mir abrieten. Die sagten, so ein Prozess würde sich Jahre hinziehen und mich ein Vermögen kosten - und dass die Erfolgsaussichten sowieso gering seien. Einen Konzern wie HBO zu verklagen, ist fast aussichtslos. Dass die damit durchkommen, ist schon frustierend.

SPIEGEL ONLINE: Das Recht des Stärkeren. Wie im Wilden Westen.

Pete Dexter: Genau. Noch frustrierender fand ich allerdings, wie sehr der Produzent der Serie für seine originelle Idee beklatscht wurde. Selbst im "New Yorker" stand eine Hymne auf ihn. Es war lustig, weil er überall erzählte, was er alles zum Thema gelesen hatte - nur meinen Roman namens "Deadwood" erwähnte er nie. Was für ein Zufall! Ich habe dem Autoren des "New Yorker" mein Buch geschickt. Der las es, rief mich an und entschuldigte sich für seine schlechte Recherche.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja kein Unbekannter. Für Ihren Roman "Paris Trout" gewannen Sie 1988 den National Book Award. Ist man danach im Kulturbetrieb nicht berühmt?

Pete Dexter: Dieser Preis war für mich eine große Sache, meine Verkäufe zogen massiv an und meine nächsten Verträge waren besser dotiert - aber in Hollywood scheren solche Ehrungen niemanden.

SPIEGEL ONLINE: Aber so schlimm kann es auch nicht sein in Hollywood. Sie haben immer wieder Drehbücher für Kinofilme wie "Mullholland Falls" oder "Michael" geschrieben. Warum?

Pete Dexter: Weil ich will, dass meine Tochter gut versorgt ist. Aber das ist brutal harte Arbeit. Neulich entschied ein Studiochef ein halbes Jahr nach Abgabe meines Textes, dass ihm mein Skript nicht passt, also wollte er nicht zahlen. Das hat dann zwar mein Agent geklärt, aber letztlich ist Hollywood auch wie der Wilde Westen. Das macht mein Buch über Deadwood wohl immer noch aktuell.

Das Interview führte Christoph Dallach

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