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Pseudonym für Veröffentlichung: Nennt mich Yi-Fen Chou

Der Amerikaner Michael Derrick Hudson fand unter seinem eigentlichen Namen keinen Verlag für sein Gedicht. Dann wählte er einen chinesischen. Jetzt protestiert die asiatische Community: ein bedenklicher Fall von Yellowfacing?

In manchen Zusammenhängen könnte es nützlich sein, zu einer Minderheit zu gehören, wird sich der weiße Amerikaner Michael Derrick Hudson gedacht haben. Er ist jetzt zu literarische Ehren auf dem Ticket des asiatischen Namens Yi-Fen Chou gekommen - und hat in den USA mit der künstlerischen Uralt-Praxis der Veröffentlichung unter Pseudonym gleichermaßen in der Literaturszene und in der asiatischen Community für Unmut gesorgt.

Nachdem Michael Derrick Hudson unter eigenem Namen lange Zeit keinen Verlag für die Veröffentlichung eines Gedichts fand, wählte er das chinesische Pseudonym Yi-Fen Chou und hatte damit auch Erfolg: Sein Gedicht "'The Bees, the Flowers, Jesus, Ancient Tigers, Poseidon, Adam and Eve" ist derzeit in der Anthologie "The Best American Poetry 2015" zu finden.

Vor der ersten Veröffentlichung bei einem Verlag sei es unter seinem eigenem Namen Michael Derrick Hudson jedoch 40 Mal abgelehnt worden, erklärte der Dichter nun auf seiner Facebookseite - "wenn es tatsächlich eines der besten amerikanischen Gedichte im Jahr 2015 ist, brauchte es ganz schön viel Aufwand, um es zu veröffentlichen".

Wegen seines Vorgehens steht Hudson nun aber im Kreuzfeuer der Kritik. Schriftstellerkollege Jeong Min etwa monierte, dass sich hier jemand eine fremde Kultur aneigne, um persönlichen Erfolg zu haben - "für asienstämmige Amerikaner ist der Namenswechsel eine Strategie, um in einem rassistischen und nativistischen Amerika zu überleben". Der Blog "Angry Asian Man" bezichtigte Hudson gar des "Yellowfacings", auch der Vorwurf des "Gedicht-Kolonialismus" fiel. Und der Herausgeber der Anthologie gab durchaus zu, dass er auf das Gedicht erst wegen des Pseudonyms aufmerksam geworden war - "es nachträglich zu entfernen, wäre unehrlich gewesen".

Dabei handelte Hudson zunächst einmal in schönster literarischer Tradition: Schriftsteller schreiben seit jeher auch unter anderem Namen. Kurt Tucholsky etwa setzte vor seine Artikel entweder den Namen Ignaz Wrobel oder Peter Panter. Er bespielte etliche Textsorten, war Kritiker, Satiriker, Romancier und politischer Kommentator - eine fruchtbare handwerkliche Schizophrenie, die der legendäre Publizist mit unterschiedlichen Monikern beizukommen suchte.

Und die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling, im Vergleich zu Tucholsky eher ein literarisches One-Trick-Pony, veröffentlichte nach ihrer Magier-Saga im Jahr 2013 erstmals einen Krimi und wählte mit dem Autorennamen Robert Gailbrath auch gleich noch ein anderes Geschlecht.

Mit Gender-spezifischen Überlegungen hing das wohl nicht zusammen, und es ist auch nicht bekannt, ob ein männlicher Krimi-Autor mehr Bücher verkauft als ein weiblicher. Im Falle von Gailbrath/Rowling war es so, dass "Der Ruf des Kuckucks" sich nach der Pseudonym-Offenlegung weitaus besser verkaufte als vorher. Am Ende war es wohl von allem etwas für die Britin: ein PR-Stunt, eine Spielerei mit der eigenen Identität und der vorübergehende Eintritt in einen neuen künstlerischen Freiraum.

Mit alle dem hat das Pseudonymmanöver des amerikanischen Autors Michael Derrick Hudson nichts zu tun. Im Nachhinein war sein Vorgehen keine gute Idee, wird sich Hudson jedoch mittlerweile denken. Weil er jetzt den Schlamassel hat, wird er künftig wohl eher nicht mehr als Yi-Fen Chou in Erscheinung treten.

Dabei sind Hudson zumindest zwei Dinge unabsichtlich gelungen: die berechtigte Empfindlichkeit von Minderheiten einmal mehr zu zeigen - und die Mechanismen verlegerischer Entscheidungen.

tha

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