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Debütroman "Das Fremde Meer": Literarischer Zehnkampf

Von Maren Keller

Debütroman "Das fremde Meer": Variationen von Jan und Marie Fotos
Tobias Bohm

Katharina Hartwells brillant konstruierter Debütroman "Das Fremde Meer" spielt eine Liebesgeschichte in zehn verschiedenen Variationen und Genres durch.

Dass Katharina Hartwell schreiben kann, lernt man schon auf den ersten Seiten ihres Debütromans "Das Fremde Meer" - wie klug sie eine Dramaturgie aufbaut, lernt man spätestens auf den letzten, traurigen Seiten ihres Romans. Und dazwischen - ja, dazwischen lernt man, wie viele Möglichkeiten die Literatur bereithält, um etwas zu sagen, und auf wie viele Arten man das gleiche Motiv erzählen kann: Eine junge Frau will einen jungen Mann retten. Katharina Hartwell hat aus diesem Motiv einen episodenhaften Roman gemacht, der diese Geschichte in zehn verschiedenen Genres und Variationen durchspielt.

Da gibt es die Prinzessin Miranda, deren Geschichte natürlich mit dem berühmten "Es war einmal" beginnt, und die die Rolle des Ritters Miran annimmt, um einen Prinzen aus dem gläsernen Sarg im Dornenturm des Winterwalds zu retten. Denn wer sollte es sonst tun? Die anderen Prinzessinnen spielten lieber Harfe, die Prinzen wollten lieber Prinzessinnen retten. "Um Prinzen in der Not, das hatte Prinzessin Miranda richtig erkannt, war es schlecht bestellt in dieser Welt."

Flucht aus der Anstalt

Da gibt es das berühmte Fallbeispiel Augustine aus dem 19. Jahrhundert, die Hysterie-Vorzeigepatientin in der wichtigsten psychiatrischen Anstalt Europas - der Salpêtrière. Sie gefällt sich in der Rolle des Studienobjekts, bis ein neuer Patient eingeliefert wird. "Er sieht dich an, etwas stellt sich scharf im Schwarz der Pupille oder im helleren Ring drum herum. Wo genau im Auge passiert das Erkennen, das Erschrecken, die Angst, die Freude? Du weißt es nicht, weißt nur: In den, vielleicht auch zwischen den Kreisen verrutscht etwas, justiert sich, ordnet sich neu. Er hat dich erkannt." Von diesem magischen Moment an will Augustine mit Jacques aus der Klinik fliehen.

Da gibt es Moira, die Heldin aus der dystopischen Urban-fantasy-Welt. Sie lebt in der Wechselstadt und in einer Zeit, in der die Menschen damit begonnen haben, Objekte mit Hilfe der Quantenphysik von einem Ort an einen anderen zu teleportieren. Zuerst ein Auto während einer Fernsehshow, dann Häuser, die sie Mobilien nannten. Irgendwann hat sich die Technik verselbständigt, zunächst haben nur einzelne Wohnungen ungeplant den Ort gewechselt, dann waren es Häuser, zuletzt ein Straßenzug, nun ist ein Viertel in Gefahr, aber jeder weiß, dass die Wechselstadt nicht mehr gerettet werden kann. Die Menschen verschwinden zwar mit den Objekten - aber sie tauchen nie mehr auf. Als Moira in einem leeren Viertel auf Beutezug geht, findet sie Jonas. "Es fühlt sich an, wie wenn - wie was? Jonas kann sich nicht erinnern. Vielleicht: wie wenn man auf jemanden gewartet hat. Und ihn wiedersieht. Vielleicht: wie wenn man jemanden etwas gefragt hat. Und die richtige Antwort erhält."

Zehnmalige Belegung

Jede dieser Erzählungen könnte für sich stehen. Jede dieser Episoden hat ihren ganz eigenen Ton. Und Katharina Hartwell erzählt sie alle so gut, dass sie damit auf jeden Fall einen neuen Weltrekord im literarischen Zehnkampf aufgestellt haben dürfte. Aber in ihrem Zusammenspiel passiert etwas fast Magisches. Die wiederkehrenden Motive, Personen und Spieglungen legen sich übereinander, verdichten sich. Es ist ein bisschen wie mit den Mobilien aus Moiras Episode: "Früher oder später wird sich ein Viertel in das nächste stapeln. Häuser in Häuser. Straßen in Straßen. Dann gibt es nur noch meilenweit verlassenes Umland und im Zentrum zehn Viertel, die ineinanderliegen. Doppelte Belegung nennen sie das, wenn mehrere Häuser oder Straßen sich einen Platz teilen." Nur eben, dass es in diesem Roman um zehnmalige Belegung geht.

Letztlich sind alle Frauen und alle Männer Spiegelungen von Marie und Jan, die sich eines Tages treffen. Das heißt, genau genommen ist es Jan, der Marie trifft - und zwar mit Schwung, als er aus einem stecken gebliebenen Paternoster springt und Marie mit sich zu Boden reißt. Damit beginnt eine Liebesgeschichte, die so groß und schön ist und so traurig endet, dass man sie wirklich mit allen Mitteln und Genres der Literatur zu retten versuchen muss.


Katharina Hartwell: Das Fremde Meer. Berlin Verlag, Berlin; 576 Seiten; 22,99 Euro.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. optional
uchawi 22.07.2013
Mal wieder in dieser Kolumne: Eine wunderbare Besprechung, die Lust auf mehr macht – und einem zugleich den Spaß am Buch nimmt, weil sie unbedingt das "traurige Ende" thematisieren muss. Das passiert leider in letzter Zeit bei Buch- und Filmbesprechungen regelmäßig. Wann haben Kulturkritiker verlernt, dass man das Ende (und entscheidende Handlungsinhalte) nicht vorher verrät?
2. Hört sich Alles etwas verträumt und
mischpot 22.07.2013
blümchenhaft an.
3. Eine Buchbesprechung.....
Mellybo-at-SPON 22.07.2013
....in welcher das Ende auch nur ansatzweise verraten wird? Was für ein Bärendienst für die Autorin und den Verlag....sehr unglücklich!
4. Schade,
batmanpendragon 22.07.2013
hätte mir glatt sofort dsa Buch gekauft, wenn das Ende nicht angedeutet worden wäre. Erinnert mich sehr an aktuelle "Enterprise" Kinokritk on SPon, wo die Riesenüberraschung ohne Vorwarnubg rausgehauen wurde. Ein deutliches "Vorsicht Spoiler" oder ähnliches benutzen andere Medien doch auch.
5. Liebe Maren Keller,
im westen 22.07.2013
Sie gehören also zu den Kritikern, die meinen, den Ausgang eines Buches verraten zu müssen. Langsam nimmt das Überhand. Ich werde nichts mehr lesen, das mit Ihrem Namen in Verbindung steht. Hoffentlich machen andere Leser das genauso.
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