Debütroman "So ist das": Herr Dr. Kopfig war sehr hässlich

Von Maren Keller

Autor Stephan Groetzner: Ungewöhnlicher Weg, eine Geschichte zu erzählen Zur Großansicht
Droschl Verlag

Autor Stephan Groetzner: Ungewöhnlicher Weg, eine Geschichte zu erzählen

Schuhe, die ihre Träger neun Zentimeter größer machen, Frauen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, und eine kleine Philosophie über einen Stuhl - Stephan Groetzner hat in "So ist das" mit Witz und Wagemut über die Liebe geschrieben.

Wie soll man nur beschreiben, welche Art von Literatur der Schriftsteller Stephan Groetzner verfasst? Stellen Sie sich einen erwachsenen Mann vor, der auf dem Weg ins Zentrum von Gehwegplatte zu Gehwegplatte hüpft und sich selbst verbietet, die Fugen zu berühren - so albern, so leichtfüßig, so streng mit sich selbst, solch rätselhaften, selbstgestellten Regeln folgend, so ungewöhnlich ist Stephan Groetzners Weg, eine Geschichte zu erzählen. Vor einem Jahr überraschte, verwirrte und eroberte Groetzner die Literaturwelt mit seinem eigenwilligen Prosaband "Die Kuh in meinem Kopf", womit er für den Debütantenpreis der Lit.Cologne nominiert wurde. In diesem Frühjahr ist nun sein erster Roman "So ist das" erschienen. Wobei das Wort "Roman" schon wieder viel zu ernsthaft und zu konventionell klingt für diesen Text.

"So ist das" erzählt von Herren, verwechselten Damen, Katzen und den Unfällen, die sich im Leben ereignen. Jedes Kapitel besteht dabei nur aus ein paar Sätzen. Nach jedem Satz bricht die Zeile um. Und das ganze Kunstwerk klingt dann beispielsweise so:

"Der Herr Dr. Kopfig fiel immer auf den Schädel.
Nie auf die Füße.
Das kam so.
Der Herr Dr. Kopfig war nämlich sehr klein.
Sehr klein und sehr hässlich.
Drum trug er stets einen Anzug und eine auffällige Krawatte, die stracks nach unten wies auf seine auffälligen Schuhe.
Die Schuhe sahen aus wie ganz normale Schuhe, aber sie bargen ein Geheimnis, das ihren Träger um neun Zentimeter größer machte."

Die Schuhe des Dr. Kopfig sind nicht das einzig geheimnisvolle in dieser Geschichte. Denn Dr. Kopfig arbeitet in einem Institut, in das eines Tages zwei junge Frauen gerufen werden, um die Zeiger der Uhren mit Leuchtfarbe zu bestreichen, nachdem während eines Stromausfalles niemand mehr wusste, wie spät es war. Die Frauen heißen Maria und Clara, und weil sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen, verwechselt sie Dr. Kopfig und nennt Clara Maria und verliebt sich in Clara.

Wo sich Albernheit und Weisheit zum Verwechseln ähnlich sehen

Es ist zugegebenermaßen schwer, der weiteren Geschichte zu folgen, denn es taucht eine dritte Frau im Mühlteich auf, die Sarah heißt, aber ebenso gut Clara oder Maria sein könnte. Es gibt Träume von gelben Büchern und einem Hauptmann, der sich selbst den guten König nennt. Wenn man es trotzdem wagt, der Geschichte zu folgen, muss man von Satz zu Satz hüpfen, ohne auf die Sinn-Lücken dazwischen zu treten. Bis man in jenen Sprachraum gelangt, in dem sich Albernheit und Weisheit so ähnlich sehen wie Clara und Maria:

"Wir betraten ein Zimmer.
Da stand ein Stuhl.
Da ist ein Stuhl, sagte Kopfig.
Und, fragte ich.
Und?
Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen: Da ist ein Stuhl.
Nichts, meinte Kopfig, ein Stuhl ist eben ein Stuhl. Ich stellte lediglich die Tatsache seines Vorhandenseins fest.
Dann glauben Sie also, sagte ich, dass sein Nichtvorhandensein ebenso möglich wäre?
Möglich, sagte Kopfig, ja, möglich wäre das schon: dass man ein Zimmer betritt, in dem kein Stuhl vorhanden ist.
Und Sie hätten dann möglicherweise gesagt, folgerte ich: Da ist kein Stuhl.
Nein, sagte Kopfig, das ist unwahrscheinlich. Ich hätte die Möglichkeit des Nichtvorhandenseins eines solchen gar nicht erst in Erwägung gezogen.
Warum nicht, fragte ich.
Ich weiß nicht, sagte Kopfig, das ist eben so. Vielleicht ist ein Stuhl auch nicht so wichtig, ganz gleichgültig, ob er nun vorhanden ist oder nicht.
Da sagte ich: Hier ist kein Grammophon."

In diesem dünnen Büchlein wimmelt es von Philosophien dieser Art, dazu kommen Wortwitze und Wortspielereien. Genau genommen, ist das ganze Buch ein Wimmelbuch für Sprachverliebte. Es ist großartig, wenn sich Literatur so etwas traut, und es ist großartig, wenn sich ein Verlag traut, solche Literatur zu verlegen. Aber gerade weil es so viele Leute gibt, die dieses Buch mutmaßlich weglegen werden, hat man das Gefühl, es nur noch mehr Leuten ans Herz legen zu müssen. "So ist das" gehört zu den Perlen unter den Buch-Neuerscheinungen, die besser versteckt sind als Ostereier im Garten.


Stephan Groetzner: So ist das. Droschl Verlag, Graz; 168 Seiten; 19 Euro.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. All style, no substance
joschitura 01.04.2013
Ja, nett. Aber Literatur? Manche werden das wohl zurecht als "dünnes Büchlein" eingestufte Werk schon garnicht in die Hand nehmen und folglich auch nicht "mutmaßlich weglegen" können. Aber der Rezension, die sich nicht entblödet, juristische Unwörter wie "mutmaßlich" zu verwenden, merkt man an, daß dieses Büchlein zum sprachlichen Nachalbern anregt. Immerhin etwas.
2. Schöne Rezension...
Sandkorn2010 01.04.2013
... die Lust macht auf das Buch! Man möchte noch hinzufügen - es ist großartig, wenn ein Rezensent sich so was traut, besonders in einem Blatt wie diesem!
3. Wer sieht sich nicht ähnlich?
renzodohm 01.04.2013
Dieses schöne Beispiel sollte ermutigen, das leider als veraltet geltende Wort "einander" wiederzubeleben. Denn die genannten Frauen sahen nicht sich ähnlich (das tut jede Frau), sondern einander.
4. Literatur? Für wen?
pejoachim 01.04.2013
Literatur, die laut Rezensent nicht mehr verständlich ist, für wen ist die da? Geht unsere "Kunst" nicht den falschen Weg, wenn für eine selbsternannte Elite Wortspiele erfunden werden, die selbst diese Elite nicht wirklich interessieren und die sie nur braucht, um sich von der Masse, das bin in dem Fall ich, abzuheben?
5. Hingeschludert
joschitura 01.04.2013
Zitat von renzodohmDieses schöne Beispiel sollte ermutigen, das leider als veraltet geltende Wort "einander" wiederzubeleben. Denn die genannten Frauen sahen nicht sich ähnlich (das tut jede Frau), sondern einander.
Bin ich froh, daß es auch noch andere Leute gibt, denen die sprachlichen Schludereien hier in SPON (und immer wieder auch anderswo) auffallen. Im STERN stand gestern zu Christopher Walkens 70.Geburtstag zu lesen, man habe ihm " die Etikette >skurril
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