Debütroman "Tage der Flut" Alles wird unter Wasser stehen

Der Niederländer Frans Pollux lässt in seinem Roman die Welt versinken. Dafür tauchen darin auf: ein Freiheitskämpfer mit Hundemaske, ein Sammler zweiter Sätze, ein phlegmatischer Steuerbeamter - und die Frage, welchen Preis das Wirtschaftswachstum hat.

Autor Frans Pollux: Weltende-Verschwörungsroman über die böse Wirtschaft?
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Autor Frans Pollux: Weltende-Verschwörungsroman über die böse Wirtschaft?

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Es ist ja so: Es kann vielleicht gar keine gute Geschichte über eine große Flut geben, in der nicht irgendwann Tiere auf einem Boot auftauchen. Und weil Frans Pollux' Roman "Tage der Flut" eine gute Geschichte über eine große Flut ist, ist es auf Seite 339 endlich so weit.

Das Boot gehört einem Mann im Taucheranzug, liegt gegenüber eines Möbelladens und an Bord befinden sich: "ein großer, fetter Hund, ein bärtiger Löwe, ein Disney-Elefant mit enormen Zitzen, eine blaue Maus (oder Ratte), ein ständig grinsender, auffällig kleiner Stier und ein noch kleinerer undefinierbarer Vogel".

Außerdem natürlich Syris, die Hauptfigur dieses Romans. Und weil Pollux' Geschichte über die große Flut nicht nur gut, sondern auch politisch ist, zieht sich der große, fette Hund ein paar Seiten später die Hundemaske ab und entpuppt sich erstens als Arbeitskollege von Syris und zweitens als Mitglied einer Zelle von Freiheitskämpfern, die die Herrschaft der Liberalen Marktwirtschaft beenden wollen. Die Tiere wollen den Umsturz, bevor es zu spät ist: "'Europa ist krank, Syris.' Die Tiere nickten synchron. 'Und wir wollen es wieder gesund machen.'"

Wo sind die Codenamen der Rebellen?

Syris dagegen fürchtet nichts mehr als Veränderungen, er ist ein phlegmatischer Steuerangestellter, ein treu ergebener Diener des Systems, der Sätze sagt wie: "Je freier der Markt, desto mehr will ich; je mehr ich will, desto mehr habe ich; je mehr ich habe, desto größer mein Glück." Auf dem Boot ist er nur gelandet, weil sich nach dem Tod seiner Frau herausgestellt hat, dass auch sie eine Untergrundkämpferin war. Noch dazu die einzige Untergrundkämpferin, die den Kontakt zwischen den einzelnen Widerstandszellen herstellen konnte. Nun, nach ihrem Tod, weiß nur Syris, wo sich die Liste mit den Codenamen der Rebellen befindet, ohne die der todbringende Plan zur Wirtschaftswachstumssteigerung der Marktherrscher nicht aufzuhalten sein wird.

Ein Weltende-Verschwörungsroman über die böse Wirtschaft - das klingt erstmal, als habe Pollux es sich ziemlich einfach gemacht. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Zum einen ist das Buch klug konstruiert. Es besteht aus Episoden, Erinnerungen und Berichten, die ein Erzähler versuchsweise geordnet hat: "Wer die Fragmente anders anordnen möchte, bastelt sich seine eigene Geschichte. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenngleich der Ausgang sich dadurch nicht ändern wird." Denn am Ende der Geschichte wird überall Wasser sein.

Zum anderen lässt Pollux großartig unsympathische Figuren auftauchen, mit denen man sich so lange herumärgert, bis man feststellen muss, dass man sie zwischen den Seiten doch liebgewonnen haben muss.

Seltene Literatur-Leidenschaft

Syris selbst ist dabei der größte Unsympath von allen, so dass es erst recht kein Trost ist, dass auch er von seinen Mitmenschen genervt ist. Auf der Geburtstagsfeier einer Kollegin flüchtet sich Syris solange halbherzig von Gespräch zu Gespräch, bis er es doch einen kleinen Augenblick länger bei einem kleinen Mann aushält, der ausdauernd von einer seltenen Literatur-Leidenschaft schwärmt. Er sammelt zweite Sätze und sagt: "Wenn man davon ausgeht, dass der erste Satz vor allem im Überwältigen überwältigend sein muss, wird der gute zweite Satz das Wesentliche beherbergen."

Natürlich ist Syris anderer Meinung, so weit es ihm nicht eh egal ist. Er sagt: "Meiner Meinung nach braucht nur der erste Satz brillant zu sein, gerade weil er nun einmal der erste ist. Die restlichen Sätze zu bewerten, ist sinnlos und außerdem ziemlich zeitraubend."

Frans Pollux sagt, schon in der Schule habe er den ersten Satz des Romans gewusst, den er eines Tages schreiben würde. Dann wurde Pollux älter und Journalist und Musiker, und irgendwann schwappte die Wirtschaftskrise über die Welt. Inzwischen ist Pollux 35 und hat seinen Debütroman geschrieben, der mit dem Satz von damals beginnt. Dieser Satz geht so: "Das Wasser war überall."

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