Porträt eines zwölfjährigen Trinkers Stille Rebellion

Ein Kind, das säuft, eine traumatisierte Lehrerin - und ein Vater, der Hass im Internet sät. Delphine de Vigan stellt in ihrem Roman "Loyalitäten" die Gesellschaft auf die Probe.

Jugendlicher mit geöffneter Bierflasche
picture alliance/ Tobias Hase

Jugendlicher mit geöffneter Bierflasche

Von Jana Felgenhauer


Der zwölfjährige Théo Lubin ist ein Scheidungskind wie viele. Wöchentlich pendelt er "beladen wie ein Muli" zwischen seinen Eltern hin und her, die seit Jahren keinen Kontakt mehr haben. Der Vater, arbeitslos und depressiv, verwahrlost zunehmend, die Mutter hält sich nicht mit Verachtung zurück. Nach einer Woche beim Vater lässt sie auch ihren Sohn spüren, dass er wieder im Feindesland war. Die emotionale Kälte wird für Théo unerträglich.

Sein Leid ist sichtbar: Er ist blass, dünn, wirkt müde. Die Schulkrankenschwester beschreibt ihn als "anfälligen Schüler". Was keiner ahnt: Théo trinkt. Zusammen mit seinem besten Freund Mathis versteckt er sich in den Pausen in einem Treppenverschlag. Sie kippen Wodka und Rum, mehr und immer mehr. Den Alkohol besorgen sie über ältere Schüler oder kaufen ihn am Kiosk. Niemand stellt Fragen.

Als eine Lehrerin Théo, der wieder kein Sportzeug dabeihat, in einer pinkfarbenen Barbie-Jogginghose durch die Turnhalle rennen lässt, fasst er einen Entschluss.

Delphine de Vigan
DPA

Delphine de Vigan

Nach ihrem Psychothriller "Nach einer wahren Geschichte" kehrt die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan zu ihrem Hauptthema zurück: das Kindheitstrauma. Persönliche Themen wie ihre Magersucht verarbeitete sie bereits in ihrem Roman "Tage ohne Hunger", den Suizid eines Elternteils in "Das Lächeln meiner Mutter".

In "Loyalitäten" erzählt die Autorin, die selbst Scheidungskind war, nun von einem Jungen, der sich wegschießt, weil er die kaputte Welt um ihn herum nicht mehr erträgt. "Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig. Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, dass so etwas vorkommt." Er hätte auch ein Kiffer sein können oder einen Meth-Junkie und doch entschied sich de Vigan für ein vermeintlich harmloses Rauschmittel, das so verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist wie kein anderes. Das hat Wucht.

Doppelleben als Internet-Troll

Der Stil von Delphine de Vigan ist subtil und atemlos und gibt dem Leser damit das mulmige Gefühl, dass etwas Unfassbares geschehen wird. Die unterschiedlichen Perspektiven, die sie einnimmt, von Théo, Mathis, dessen Mutter Cécile und Lehrerin Hélène, sind so präzise dargelegt, als könne sie sich als winzige Spionin in die Köpfe der unterschiedlichsten Menschen abseilen.

Es sind die Jugendlichen, die als Opfer ihrer Umgebung in stiller Rebellion saufen. Dagegen die Eltern und Lehrer, die entweder bereits abgestumpft sind oder verzweifelt versuchen, Unrat aus ihren Seelen ausmisten - wie Lehrerin Hélène, die als Kind selbst Gewalt erfahren hat. "Als sei das Erwachsenenleben dafür da, die Wunden unserer Kindheit zu heilen", schreibt Vigan und schafft ein Szenario, in dem Gleichgültigkeit, Alkoholismus und Depressionen das Ergebnis von Traumata sind, die immer wieder an die Oberfläche kriechen. Gleichzeitig zeigt "Loyalitäten" eine Gesellschaft, die als großes Ganzes nicht mehr funktioniert, weil schon in den Familien der Zusammenhalt zerbröckelt.

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Delphine de Vigan:
Loyalitäten

Aus dem Französischen von Doris Heinemann

Dumont, 176 Seiten, 20 Euro

Ein weiterer Loyalitätskonflikt ist der von Mathis Mutter Céline. Die findet beim Putzen heraus, dass ihr Mann seit Jahren ein Doppelleben führt - als Troll im Netz. Jeden Abend zieht er sich in sein Arbeitszimmer zurück, um rassistische, homophobe und frauenfeindliche Kommentare ins Internet zu pusten. Céline, die sich ihrem Ehemann jahrzehntelang unterwarf und dabei sich selbst verlor, kommt ins Schwanken. "Die Zeit der Unschuld ist vorbei", sagt sie.

Für Théo gilt das längst. Seine Kindheit verlor ihre Unbeschwertheit, als er zwischen Mutter und Vater geriet und seitdem nicht mehr weiß, zu wem er stehen soll. Auch Mathis wird auf die Probe gestellt: Bleibt er seinem Freund und den gemeinsamen Saufgelagen treu oder soll er ihn verraten, ihn vor sich selbst schützen? Und wann wird endlich jemand von den Erwachsenen Verantwortung übernehmen?

Delphine de Vigan ist ein sehr guter, beunruhigender Roman gelungen, der uns daran erinnert, genauer hinzusehen.

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