Mexikanische Familiengeschichte Das Am-Arsch-der-Welt-Amerika

Zwischen Drogenkartellen und Schul-Mobbing: In seinem Debütroman erzählt Nachwuchstalent Antonio Ruiz-Camacho, wie eine mexikanische Großfamilie nach einem Mord flieht - im neuen Leben kommt keiner richtig an.

Fotoinstallation des Künstlers "JR" an der US-mexikanischen Grenze
DPA

Fotoinstallation des Künstlers "JR" an der US-mexikanischen Grenze


An einem Abend kommt Grandpa José Victoriano einfach nicht mehr nach Hause. Wenig später finden seine Verwandten ein Paket mit Leichenteilen im Briefkasten. Was genau passiert ist, weiß keiner. José ist ein wohlhabender Geschäftsmann, Patriarch einer mexikanischen Großfamilie. Ein paar Zeugen wollen beobachtet haben, wie er ein letztes Mal in ein Taxi stieg. Als er verschwindet, fliehen die Angehörigen aus Angst. Die meisten von ihnen ins Ausland, in die USA und Spanien.

In seinem Debütroman "Denn sie sterben jung" zeigt der mexikanischer Autor Antonio Ruiz-Camacho, wie eine Familie plötzlich auseinanderbricht: sechs Kinder. Sieben Enkelkinder. Zehn Hausangestellte. Ein Teil zieht nach Kalifornien. Ein anderer nach North Carolina, nach New York, manche Spuren verlieren sich komplett. Keine der Figuren kommt so richtig im neuen Leben an.

Ihr Schicksal zeichnet Ruiz-Camacho in acht Episoden nach, mit wechselnden Perspektiven. Es sind Geschichten von Fremdheit und Isolation. Enkel Bernardo wird in seiner neuen Schulklasse in Kalifornien gemobbt. Tochter Laura lässt sich mit ihrer Familie in Texas nieder, vereinsamt. Ihr Mann arbeitet immer noch in Mexiko. "Haltlos durch das Am-Arsch-der-Welt-Amerika treibend" versucht sie, die Vergangenheit zu vergessen.

Bedrückend fühlbare Beengtheit

Und die ist bei Ruiz-Camacho mehr als düster: In den Erinnerungen ist von Drogenkartellen und Verbrecherbanden die Rede, die im Untergrund von Mexico-Stadt wüten. Frauen werden im Taxi zusammengeschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt. Für Enkeltochter Fernanda ist das anfangs noch cool. Mit ihren Freunden zieht sie mit 19 Jahren durch die gefährlichen Viertel der Stadt. Klar, da gibt es fürchterliche Geschichten. Aber: "Ich begreife, dass so was wohl Bestandteil des realen Lebens in der Stadt ist, und das gibt mir das Gefühl, erwachsen zu sein und wild und unabhängig." Als das Verbrechen Bestandteil ihres eigenen Lebens wird, verliert Fernanda ihre Unabhängigkeit. Die Stadt hat ihr "den Rücken zugedreht".

Autor Ruiz-Camacho
Joel Salcido/ C.H.BECK

Autor Ruiz-Camacho

Diese räumliche Beengtheit der Figuren lässt Ruiz-Camacho durch den losen Aufbau des Romans bedrückend nachfühlen. Zwischen den Episoden bestehen kaum Verbindungen. Die Geschichten stehen wie Fragmente im Raum. Die Handlungen überlappen sich so gut wie nie.

Auch der Sprachduktus ändert sich zwischen den Episoden extrem, passt sich an die Perspektiven der Figuren an. Der Schuljunge Bernardo etwa hört von "bösen Leute, die uns alles wegnehmen wollen". Zwei Geschwister träumen vom Fliegen: von "Tschau-Mexiko-mit-all-deinem-Scheißdreck-Flügeln".

Authentisch und unmittelbar

Durch den übergangslosen Wechsel zwischen den Episoden scheint auch der Roman manchmal zerstückelt. Ein Handlungsbogen fehlt. Über allem liegt stattdessen ein verbindender Schatten - von einem, der nicht anwesend ist: José ist nicht greifbar. Sein Verschwinden dringt an die Figuren in ihrer Isolation nur in Andeutungen. Über sein Schicksal herrscht innerhalb der Familie so etwas wie ein unausgesprochenes Redeverbot. Trotzdem taucht José immer wieder in Fantasien der Figuren auf. Grandpa beim Falafel-Essen. Grandpa mit blutigen Lippen. Grandpa mit einem Messer im Rücken. Es ist ein Blick "verzerrt von Wasser, Erinnerungen und Fantasie".

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Antonio Ruiz-Camacho:
Denn sie sterben jung

Übersetzung von Johann Christoph Maass

C.H. Beck; 205 Sweiten; 19,95 Euro

Mit seinem Debütroman hat Antonio Ruiz-Camachos in den USA für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Tageszeitung "San Francisco Chronicle" empfahl den Originaltitel ("Barefoot Dogs") als Buchtipp des Jahres. Zwar fehlt an manchen Stellen noch der Schliff, die Handlung lässt sich durch das Konzept des Romans im Verlaufe kaum in eine gemeinsame Richtung entwickeln. Allerdings hat Ruiz-Camacho Talent, mit wenigen Worten Stimmungen plastisch zu machen.

Besonders deutlich wird das in einer Szene mit zwei Geschwisterkindern, die einsam in einer fremden Wohnung irgendwo in Manhattan ausharren und auf die Rückkehr ihrer Eltern warten. Es wirkt ein bisschen wie "Warten auf Godot". In einem vom Erzähler unkommentierten Dialog täuschen sich die beiden über die Stille hinweg, mal mit peinlichen Witzen, mal mit Provokationen: "Homero? - Tse. Was? - Stehst du auf Typen?".

Wenn die Stille unüberhörbar wird, kommen aus der Küche geheimnisvolle Kratzgeräusche. Gerade durch das Aussparen von Erklärungen und das Aneinanderreihen von ausgewählten, isolierten Szenen wirkt die Geschichte authentisch und unmittelbar. So "barfüßig", wie der Originaltitel verspricht.

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