Graphic Novel "Der Araber von morgen" Zartbitter mit wasabihaftem Biss

Doppelschlag von Riad Sattouf - und was für einer! "Esthers Tagebücher" und "Der Araber von morgen" zeigen die Welt aus der Kinderperspektive: rührend naiv, witzig-pikant und erschreckend erbarmungslos.

"Der Araber von morgen" von Riad Sattouf
Knaus Verlag

"Der Araber von morgen" von Riad Sattouf


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Manchmal entdeckt man Sachen so spät, dass es einem beinahe schon peinlich ist. Die tüchtige Kapelle Drahdiwaberl zum Beispiel. Oder, auch reichlich spät, das Videospiel "Assassin's Creed". Oder jetzt, Schande über Schande, Riad Sattouf. Ich hab den Mann einfach unterschätzt. Und zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass sein Start nicht ganz überzeugend war.

2010 erschien bei Reprodukt ein Bändchen, das "Meine Beschneidung" hieß. Es ging um einen Jungen, der relativ spät beschnitten wird, sich von seinem Vater einen gigantischen Spielzeugroboter als Trost wünscht und ihn nicht kriegt. Ganz nett, ganz unterhaltsam, aber nicht der Brüller, also hab ich Sattouf wohlwollend mehr oder weniger unter Multikulti abgelegt und nicht mehr verfolgt. Erstens: schön blöd. Zweitens: doppelt falsch, wie sich jetzt herausstellt. Denn bei Reprodukt erscheinen jetzt von ihm "Esthers Tagebücher".

Die sind auf den ersten Blick schon mal angenehm konsumierbar: 52 kurze, jeweils eine Seite lange Geschichten aus dem Leben einer Zehnjährigen, zuerst veröffentlicht im französischen Magazin "L'Obs". Esther lebt mit ihrem tollen Vater, ihrer lieben Mutter und ihrem natürlich doofen großen Bruder in Paris. Das ist schon nach wenigen Panels so charmant und drollig wie es eben manchmal so ist, wenn man am Pausenhof einer Grundschule vorbeigeht. Sattoufs Geschichten werden daher auch gerne mal mit Goscinnys "Der kleine Nick" verglichen. Aber das ist zu kurz gegriffen - und das nicht nur, weil der kleine Nick nie bei Youporn war.

Fotostrecke

10  Bilder
"Esthers Tagebücher": Ein Mädchen blickt auf die Welt

Der "Kleine Nick" ist ja mehr eine nostalgische Erinnerung an die Kindheit mit dem guten Gefühl, dass Nick einmal so sein wird wie der Leser, sein Sohn wird dann so sein wie Nick jetzt ist und immer so fort. Bei Esther ist das anders. Esther spielt mit ihrer Freundin ein Katzenvideospiel, aber schnell zeigt sich, dass man für diese Katze Geld ausgeben muss. Und dass die Freundin anfängt, die Bildschirmkatze zu prügeln, weil die Katze nicht frisst. Esther weiß, wie wichtig es ist, schön zu sein: "Wenn man blond und geschmeidig ist, bringt man es mal zu was". Oder wie wichtig es für die Jungs ist, dass man ausländische Wurzeln hat, weil man sein Selbstbewusstsein nicht mehr nur aus den Klamotten oder der Frisur oder den richtigen Turnschuhen speist, sondern ganz selbstverständlich aus einem Nationalismus.

Nein, bei Esther ist stets klar, dass ihre Welt eine ganz andere ist als unsere, und dass auch ihre Zukunft eine ganz andere sein wird. Nick stolperte naiv durchs Leben, Esther und ihre Freunde registrieren aber die Gesetze von Erfolg und Anerkennung, sie achten aufmerksam darauf, was einen zum Opfer macht. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Unschuld und Unbehagen, ein so lecker wasabihaft beißender Witz, dass ich sofort gesucht habe, ob mir seit 2010 mehr von Sattouf entgangen ist. Und dabei bin ich auf den "Araber von morgen" gestoßen. Zwei Bände gibt es davon bereits, erschienen im Knaus Verlag, im Mai erscheint der dritte. Wenn Esther ein Traum in Zartbitter ist, dann hat "Der Araber von morgen" einen Kakaogehalt irgendwo zwischen 85 und 98 Prozent.

Sattouf erzählt hier seine eigene Jugend als Kind einer Französin und eines Syrers, der in Frankreich einen Doktortitel erworben hat. Der nimmt anschließend seine Familie mit nach Libyen und Syrien, um dort den Arabern statt Frömmigkeit Bildung einzutrichtern. Hier, im Graphic-Novel-Format, haben neben der Hauptfigur Riad auch andere Charaktere Platz zur Entfaltung, vor allem natürlich Sattoufs Vater. Der kann sympathisch träge vor dem Fernseher lümmeln und pubertär-prahlerisch-primitiv-paschahaft davon träumen, als Wissenschaftler sein Land in die Moderne zu führen. Parallel dazu glaubt er aber, dass auf Friedhöfen krebserregende Gase wabern und dass - wenn man schon an etwas glauben will - die Sunniten recht haben. Womit Sattouf das arabische Spannungsfeld zwischen Reform und Reaktion elegant einfängt.

Für eine Dozentenstelle zieht die Familie dann in seine syrische Heimat. Der kleine Riad geht auf die marode Dorfschule, wo man Stockschläge auf die Finger bekommt und im Wesentlichen lernt, Koransuren aufzusagen und die Nationalhymne zu singen. Die Familienmitglieder bekämpfen sich inzwischen untereinander, die einen ruinieren den anderen die Ernte. Korruption, Autoritätshörigkeit, Hass und Gewalt sind allgegenwärtig und das Unbehagen, das man von "Esther" kennt, kriegt man hier in noch mehr Spielarten serviert: skurril, entsetzlich, unerträglich. Was nicht falsch verstanden werden soll: Sattouf prangert nicht an, er schildert derlei nur, sogar ziemlich ausgewogen.

Bei den französischen Großeltern gibt es Nachbarn, die gleichmütig einen Wurf Kätzchen auf der Mülltonne totschlagen. Aber derlei verblasst eben, wenn der kleine Riad zurück im syrischen Dorf erfährt, dass die Verwandten seine Tante umgebracht haben, weil sie unverheiratet schwanger war.

ANZEIGE
Riad Sattouf:
Der Araber von morgen

Band 3: Eine Kindheit im Nahen Osten (1985 - 1987)

Aus dem Französischen von Andreas Platthaus

Albrecht Knaus; 152 Seiten; 19,99 Euro

Kann man aus so was einen unterhaltsamen Comic machen? Absolut - dank der Kinderperspektive von Esther und Riad. Weil hier der größte Unsinn, der mörderischste Ernst und die faszinierendsten Nebensächlichkeiten unvermittelt und nahezu gleichgewichtig nebeneinander auftauchen können. Esther grübelt über ein Smartphone genauso wie über das neugelernte Wort "Schwuchtel". Riad betrachtet die Löcher im Boden der städtischen Busse so neugierig wie die Toten, die zur Abschreckung mitten in der Stadt am Galgen hängen.

Unterstützt wird das von einem sympathisch-cartoonigen Zeichenstil, der alle Beobachtungen und Reaktionen vereinfacht und so zuspitzt, wie sie Kinder oft wahrnehmen - entweder supergut oder superschlecht oder superegal. Problematisch wird das erst, wenn die Kinder zu alt werden: Der kleine Riad bleibt ja nicht ewig in der Grundschule, er ist heute knapp 40. Und Esther, die es laut Sattouf tatsächlich gibt, will er begleiten, bis sie 18 ist. Aber bis dahin haben wir hoffentlich alle noch eine Menge zu lesen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
murksdoc 16.05.2017
1. Vergifteter Rock, warning: graphic content.
Das "Graphic" eher "sexuell explizit" heisst und als Warnhinweis für nicht jugendfreie Filme verwendet wird, ist das Absicht oder ein "false friend", wie "Rock" (Musikrichtung) oder "Gift" (Geschenk)?
team_frusciante 16.05.2017
2.
"Graphic" heißt in erster Line das, was auch im deutschen "grafisch" genannt wird und wird besonders gerne mit "art" kombiniert, so wie man hierzulande auch gerne von "grafischer Kunst" spricht. Die von Ihnen angesprochene Bedeutung hat sich aus der im Englischen etwas spezielleren Verwendung abgeleitet, dass "graphic" auch "illustriert" oder "bebildert" heißen kann. "Graphic" meint: Hier wurde etwas nicht nur mit Worten beschrieben, sondern visuell dargestellt. Beim Jugendschutz von Filmen meint man damit natürlich in erster Linie: Sex und Gewalt. Beide Themen sind erlaubt, wenn es um die Jugendfreigabe geht, die kritische Frage ist, wie explizit sichtbar diese Themen sind. Um Ihre frage zu beantworten: In erster Linie wird ein Muttersprachler "Graphic Novel" als "Roman in Bildform" verstehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.