Thriller von Herman Koch Unter dem dünnen Firnis von Anstand

Nach seinem Erfolgsroman "Angerichtet" erscheint nun "Odessa Star" von Herman Koch erstmals auf Deutsch. In dem Thriller führt ein zynischer Familienvater eine Durchschnittsexistenz in Amsterdam - bis er einen kriminellen Jugendfreund wiedertrifft.

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Was ist schon ein unscheinbarer Opel gegen ein Mercedes-Cabriolet in Silbergrau? Nichts. Den einen fahren Erdkundelehrer mit schwarzen Socken in braunen Sandalen. Das andere Gefährt verwegene Gewinnertypen, während lautstark Musik aus den Boxen pumpt. So denkt Herman Kochs Protagonist Fred Moorman in "Odessa Star" und diagnostiziert bedauernd: Er selbst zählt zur ersten Kategorie.

Moorman geht auf die fünfzig zu, mit seiner Frau und dem halbwüchsigen Sohn lebt er im Amsterdamer Stadtteil Watergraafsmeer. In seinen Augen ist das Viertel nicht mehr als "das Auffangbecken für all die halben Versager, die es bis nach Amsterdam Zuid nicht geschafft hatten". Ein Hort des Mittelmaßes, der biederen Idylle und halbgarer Lebensentwürfe. Der richtige Ort für ihn.

Der Opelfahrer sieht nicht mehr als einen kläglichen Langweiler in sich, dem der Sohn mit müdem Desinteresse begegnet statt mit der erhofften Bewunderung. Die Liebe zur Ehefrau ist leidlich erkaltet. Ein noch gar nicht so altes Familienbild aus dem Menorca-Urlaub betrachtet Moorman ratlos. Was ist seitdem nur schiefgelaufen? "Es waren keine deutlichen Vorzeichen auf dem Foto zu erkennen; es wurde sogar gelacht."

Das Grauen liegt in den Abgründen der Hauptfigur

Doch dann steht plötzlich das Mercedes-Cabrio da, und Kochs Antiheld klettert auf den Rücksitz. Am Steuer sitzt ein alter Schulfreund, den Moorman nach Jahrzehnten wiedertrifft. Max G. klingt seines Namens wegen von Anfang an wie eine zwielichtige Figur, und er ist es in der Gänze seines Wesens: smart, aber skrupellos. Mit ihm bricht ein neues, ein kriminelles Milieu hinein in Moorman Durchschnittsexistenz.

Der Niederländer Herman Koch arbeitet als Fernsehmacher, Kolumnist und Comedian, seit dreißig Jahren schreibt er zudem Erzählungen und Romane. Mit "Angerichtet" und "Sommerhaus mit Swimmingpool" schaffte er es zuletzt in die europäischen und amerikanischen Bestsellerlisten, mit "Odessa Star" erscheint nun ein zehn Jahre alter Thriller erstmals auf Deutsch. Auch hier entspringt das Grauen nicht allein der Geschichte, sondern viel mehr noch den Abgründen ihrer Hauptfigur. Fred Moorman erscheint als verbitterte Existenz, als boshafter Zyniker, der das ihm verhasste Spiel seines Lebens nur mitspielt, weil der Mut zum Ausbruch fehlt.

Die Begegnung mit Max G., schon auf dem Gymnasium ein Sonderling, dient als Steigbügel zum neuen Leben. Plötzlich scheint alles möglich: der lang ersehnte Zugang zum Garten, das prestigeträchtige Auto, ein Abglanz der Aura des Freundes. Auch ein Ventil ist gefunden für all die Gewaltphantasien, die Moorman umtreiben. Seine Rachegelüste gegenüber den Naiven um ihn herum müssen nicht bloße Theorie bleiben. "Die Welt geht nicht an Mord und Totschlag zugrunde, sondern an Gutgläubigkeit", ist sich Moorman sicher.

Hässliche Belgier, verfressene Engländer

Niedere Instinkte bahnen sich ihren Weg. Der Hass gegen Gutmenschen, die Verachtung für Ausländer, hässliche Belgier, verfressene Engländer, das spöttische Gefühl der Überlegenheit gegenüber einem Jungen mit Down-Syndrom. Moorman weidet sich in seiner Abscheu vor dessen Eltern, die kurz nach der Geburt beschlossen haben mussten, "das Beste daraus zu machen, all das Sabbern und Rotzen und Gestöhne rührend zu finden, es als die willenlosen Entladungen eines kranken oder beim Überqueren einer Autobahn angefahrenen Tiers zu betrachten, das sie jetzt für den Rest ihres Lebens in einem Schuhkarton pflegen mussten".

Tiere lauern überall in "Odessa Star", zumeist im Menschengewand. Eine schöne Frau erinnert an ein Tier in der Savanne, "nicht unbedingt ein Raubtier, eine Giraffe vielleicht oder ein Okapi". Moormans senile Nachbarin irrt hingegen in ihrer Wohnung umher, "so als würde ein großes, fast blindes Tier in der Dunkelheit seines Käfigs überall anstoßen", eine Rentnergruppe schart sich um die Tür zum Speisesaal eines Hotels "wie eine Herde an einem Wasserloch oder besser gesagt wie Tiere in einem Zoo, die gelassen darauf warten, dass sich eine Klappe öffnet, durch die ihnen der Wärter das Fressen zuwirft". Und dann ist da noch dieser stechende Kamelgeruch, der aus der ersehnten Wohnung im Parterre dringt, das ganze Haus durchzieht und sich noch in Moormans Hemden wiederfindet. Wäre die betagte Mieterin endlich tot, dem Zugang zum Garten stünde nichts mehr im Wege.

Manches Sprachbild ist abgegriffen, das Übermaß an Tieranalogien wirkt leicht ermüdend. Herman Kochs Kunst besteht vor allem darin, den Leser erschaudern zu lassen vor einem menschlichen Wesen, dessen Grausamkeit nur unter einem dünnen Firnis aus Anstand verborgen liegt; zu entdecken von jedem, der nicht selbst das Spiel des höflichen, unverbindlichen Umgangs mitspielt.

Aus den Augen eines Egomanen zu blicken, mitzuerleben, wie das Böse langsam durch dessen Poren nach außen sickert, wie Fred Moorman mit der neu gewonnenen Macht abgleitet vom einfachen Unsympathen zum Unmensch, ist mitunter schwer zu ertragen, übt aber einen morbiden Reiz aus. Es mag einen darüber sinnieren lassen, wie ernst man es selbst mit dem meint, was man sagt und tut. Oder wie Moorman es formuliert: "Die Fälschung ist vom Original nicht zu unterscheiden."


Herman Koch: Odessa Star. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Frankfurt/Main; 320 Seiten; 19,99 Euro.

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stepanus34 13.11.2013
1. Mitgefühl
Mangelndes Mitgefühl ist ein Kennzeichen der heutigen Zeit, verborgen unter einem dünnen Firnis von Anstand - wenn überhaupt. Jesus sagt, dass ein Merkmal der Zeit, kurz bevor er wiederkommt, sein wird, dass die Liebe in vielen erkaltet (Matthäus in Kapitel 24).
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