Männerliteratur Mit Sixpack unterm Autositz

Der kanadische Autor D. W. Wilson schickt einfache Männer mit komplizierten Gefühlen auf einen Roadtrip durch die Rocky Mountains. "Als alles begann" ist das Holzfällerhemd unter den Romanen.

Von

Corbis

Wenn Frauen über Frauen für Frauen schreiben, heißt das: Frauenroman. Und wenn Männer über Männer für Männer schreiben? "Manager Magazin".

Okay, okay, das ist ein müder Kalauer, ein wenig chauvinistisch auch, aber ein chauvinistischer Einstieg bietet sich nun mal an für eine Rezension dieses Romans. Und ein bisschen Wahrheit steckt schließlich auch drin: Männer lesen weniger als Frauen - und wenn sie lesen, dann eher keine Belletristik, sondern Zeitungen und Zeitschriften, Ratgeber und historische Sachbücher. Die meisten Verlage würden daher den Teufel tun, einen Roman als Männerroman zu labeln, allein schon aus wirtschaftlichem Kalkül.

Der kanadische Schriftsteller D. W. Wilson, 29, hat nun einen Debütroman geschrieben, auf den das Etikett passen würde wie die Verlegerfaust aufs Autorenauge: einen Männerroman (den der Verlag selbstverständlich trotzdem nicht als solchen vermarktet). "Als alles begann" ist das Holzfällerhemd unter den Romanen. Der Ton ist so raubeinig, die Handlung so rauflustig, dass man meinen könnte, die Seiten des Buches seien in Dosenbier getränkt.

Knorrige Kerle mit bauernbrauner Haut

Alan ist bei seinem Großvater Cecil aufgewachsen; sein Vater Jack hat ihn dort vor fast 30 Jahren als Säugling zurückgelassen. Inzwischen ist Cecil 82 - und hat einen Herzinfarkt. "Ich sterbe bald", sagt er im Krankenbett. "Ach was", sagt Alan. Dann knufft er ihm mit der Faust auf den Schenkel, und Cecil bleckt die Zähne.

So sind sie, die Männer des Romans: wortkarg, knorrig, kernig. Sie leben in Kleinstädten in den kanadischen Rocky Mountains, haben bauernbraune Haut, kratzen sich den Dreck mit Taschenmessern von den Fingernägeln, tragen ein Zippo-Feuerzeug in der Brusttasche und einen Ledergürtel mit einer Schnalle so groß wie ein Kartenspiel. Am Wochenende fahren sie mit ihren Pick-ups herum, einen Sixpack unterm Beifahrersitz, und gehen Pumas jagen. Manchmal ballern sie aber auch einfach auf leere Thunfischdosen in einer Kiesgrube.

Gefühle verdrängen diese Männer, bis sie sich gewaltsam entladen: in einer Kneipenschlägerei im besseren Fall, im schlechteren Fall in einem Schuss mit einer Schrotflinte. Cecil verdrängt seit fast 30 Jahren den Grund dafür, dass er seinen Enkel Alan großgezogen - und seinen Sohn Jack nie mehr gesehen hat. "Meine Hände sind zu rau, um Egos zu streicheln", sagt er einmal. Auf dem Sterbebett bittet er Alan nun darum, Jack zu suchen. Unterstützen soll ihn dabei der Vietnam-Veteran Archer, einst Cecils bester Freund. Auch Archer ist todkrank - und auch Archer hat noch etwas zu klären.

Alan und Archer brechen gemeinsam auf zu einer Reise in die Vergangenheit, einem Roadtrip durch die brennenden Wälder der kanadischen Rocky Mountains. Es ist ein heißer Sommer, und niemand kann die Flammen stoppen: "Über den Rockies wirbelten dicke Wolken."

Einfache Männer mit komplizierten Gefühlen

Ja, das ist ein großes Bild, das laut und deutlich spricht, vielleicht zu deutlich für literarische Feingeister, aber der Schriftsteller Wilson, aufgewachsen in den Kleinstädten des Kootenay Valley am Fuß der kanadischen Rocky Mountains, mag die großen Bilder nun mal und die großen Gefühle auch. Er schreibt über einfache Männer, die in ihrer einfachen Welt höchst komplizierte Gefühle zu bewältigen haben - und für diese komplizierten Gefühle einfache Worte suchen. Andere stehen ihnen nicht zur Verfügung.

Wilson schreibt so wie Männer reden, die nach Old Spice riechen: "In jener Nacht schien der Mond volle Pulle", "darauf kannste einen lassen", "scheiß drauf". Als Alan und Archer unterwegs auf ein Tankstellenklo gehen, steht überm Urinal der Satz: "Gestern Abend hab ich deine Mom gefickt." Und darunter, als Antwort: "Geh heim, Dad, du bist betrunken". Ja, das ist so der Humor, den Wilsons Männer haben.

Es geht in seinem Roman um Freundschaft und um Liebe, um Verrat und um Hass. Und es geht um eine untergehende Männerwelt, in der die Sprüche noch nach Whiskey schmeckten.

Für die Dauer eines Romans schmeckt man ihr gern hinterher.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook


Buchangaben:
D. W. Wilson: Als alles begann. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. dtv premium; 368 Seiten; 16,90 Euro.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.