Neuübersetzung von "Der dritte Mann" Ein bisschen Angst machen

Graham Greene war Spion, Frauenheld und ewiger Kandidat für den Literaturnobelpreis - heute ist der Autor in Vergessenheit geraten. Dabei verknüpfte er düsteres Erzählen und Humor so kunstvoll wie sonst kaum einer.

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Internationaler Bestsellerautor und ewiger Kandidat für den Literaturnobelpreis, Katholik und Frauenheld, Abenteurer und Moralist, MI6-Spion mit größten Sympathien für den Sozialismus: Graham Greene war der wohl letzte Schriftsteller, dessen Leben fast noch interessanter war als seine Romane.

Als er 1991 im Alter von 86 Jahren starb, war es fast, als hätte ein Hollywood-Star das Zeitliche gesegnet - wie kaum ein anderer Autor stand Greene in seiner zweiten Lebenshälfte im Fokus der Paparazzi. Heute ist der Ruhm des Großschriftstellers, der gut zwei Dutzend Romane hinterließ, in Deutschland ein wenig verblasst. Die ausgezeichnete Neuübersetzung seines hierzulande berühmtesten Werks "Der dritte Mann" ist ein guter Anlass, Greene neu zu entdecken.

Natürlich hat es dieses schmale Bändchen mit nur 137 Seiten schwer, sich gegen die Wirkmächtigkeit der Filmszenen durchzusetzen: Wer jemals Carol Reeds "Der dritte Mann" gesehen hat, bekommt die Bilder nicht aus dem Kopf, die zum essentiellen Teil der Filmgeschichte wurden: Orson Welles in der Rolle des gewissenlosen Penicillinschiebers Harry Lime, wie er zum ersten Mal aus dem Schatten ins Licht tritt, die Fahrt mit dem Prater-Riesenrad und natürlich die Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation am Ende. Greene selbst sagte, der Film sei besser gelungen als seine Novelle und beginnt sein Vorwort mit einer bescheidenen Einschränkung: "'Der dritte Mann' wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden."

Orson Welles in "Der dritte Mann"
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Orson Welles in "Der dritte Mann"

Tatsächlich verfasste Greene zunächst die Novelle, weil er es sich nicht zutraute, aus dem Stand ein Drehbuch zu schreiben. In Zusammenarbeit mit Regisseur Reed und seinem Star Orson Welles entstand die endgültige Filmfassung vor Ort, bei langen Spaziergängen durch die zerstörte Innere Stadt oder an der Bar des "Hotel Sacher". So findet sich zum Beispiel Limes legendäre "Kuckucksuhr"-Rede ("Was haben 500 Jahre Frieden und Demokratie der Schweiz gebracht? Die Kuckucksuhr!") nicht in der Vorlage, sondern wurde von Orson Welles am Set improvisiert.

Humorvolle Auseinandersetzung mit den Kritikern

Mit dem "Dritten Mann" wollte Greene sein Publikum unterhalten, ihm ein bisschen Angst machen und es zum Lachen bringen, heißt es weiter im Vorwort. Tatsächlich gehört das Buch nicht zu seinen wichtigsten Werken, hat nicht das Format von "Brighton Rock" oder von "Der stille Amerikaner". Dennoch bietet es weit mehr als die dünne Story um den britischen Schundautor Rollo Martins, der kurz nach Ende des 2. Weltkriegs durch ein zerstörtes Wien stromert - und statt den Mörder seines vermeintlich besten Freundes Harry Lime zu finden, eine zynische Intrige aufdeckt.

Greene besaß zwar eine Schwäche für die reißerischen Plots eines Edgar Wallace, dass das Feuilleton ihn selbst aber lange Jahre als Genreautor wahrnahm, wurmte und amüsierte ihn gleichermaßen. Den "Dritten Mann" darf man durchaus als humorvolle Auseinandersetzung mit seinen Kritikern lesen.

Indem er als Hauptfigur einen eher unbedarften Autor von billigen Westernromanen auftreten lässt, schreibt er sich selbst in den Roman ein, was vor allem in den Szenen amüsiert, in denen Martins mit einem "richtigen" Schriftsteller verwechselt wird und vor einer Gruppe Literaturjüngern einen Vortrag halten soll. Auf die Frage nach seiner Einschätzung zu James Joyce antwortet Martins: "Wenn Sie's genau wissen wollen, ich habe noch nie von ihm gehört. Was hat er geschrieben?" Eine Antwort, die sein gelehrtes Publikum natürlich als besonders originell missversteht.

Autor Graham Greene (in der Mitte)
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Autor Graham Greene (in der Mitte)

Tatsächlich gehörte Joyce nicht zu Greenes bevorzugten Autoren, anders als Joseph Conrad, dessen "Herz der Finsternis" so etwas wie die versteckte Blaupause für den "Dritten Mann" darstellt. Wie in Conrads Kongo-Flussfahrt ins Grauen dominiert auch in Greenes verwüstetem, in Kälte erstarrtem Wien eine Figur das Geschehen, die lange Zeit gar nicht auftaucht: Lime ist ein Wiedergänger des Kolonialisten Kurtz.

Auch die doppelt gebrochene Erzählperspektive, die Greene wählt - das Zentrum der Geschichte bildet Harry Lime, der (tragikomische) Held ist Rollo Martins, erzählt wird sie aber aus der Sicht einer Randfigur, des britischen Militärpolizisten Calloway - spiegelt die Struktur von "Herz der Finsternis".

Natürlich gehört auch "Der dritte Mann" in die Reihe von Existenzkrimis, die Greenes Markenzeichen waren. Düstere Geschichten, die sich aus aktuellen politischen (Fehl-)Entwicklungen speisten. So wie "Zentrum des Schreckens" sich vor dem Hintergrund des deutschen Bombardements von London entspinnt und "Unser Mann in Havanna" in einem vorrevolutionären Kuba unterwegs ist, zeigt "Der dritte Mann", wie der Krieg und die Entbehrungen der Nachkriegszeit die Menschen verrohen lassen.

Trotz des düsteren Themas ein eher leichtes Buch

Ein Thema, das sich durch die gesamte Erzählung zieht und das hoch über den Ruinen der Stadt, in der Riesenradszene kulminiert, wenn Lime auf die moralischen Vorwürfe, das Leben von Menschen für den Profit zu opfern, kühl kontert: ",Opfer? Sei nicht melodramatisch, Rollo. Schau da runter', fuhr er fort und zeigte durch das Fenster auf die Leute, die sich wie schwarze Fliegen am Fuß des Rades bewegten. ,Würdest du wirklich Mitleid verspüren, wenn einer dieser Punkte aufhören würde, sich zu bewegen - für immer?'"

Gerade weil er trotz seines düsteren Themas ein eher leichtes Buch ist, bietet "Der dritte Mann" einen perfekten Einstieg für Menschen, die nie zuvor nach Greeneland - wie man Graham Greenes krisengeschüttelte Romanwelten nannte - gereist sind.

Übersetzer Nikolaus Stingl, der sich zuletzt bravourös durch den naturmystischen Sprachdschungel von Corman McCarthys Erstling "Der Feldhüter" schlug, eliminiert in der neuen Version vor allem etliche der Freiheiten, die sich die früheren Übersetzer Fritz Burger und Käthe Springer genommen hatten: Die sich nicht schlecht lesende, aber im Original nicht vorgesehene Charakterisierung Limes als Mensch, der überzeugt sei, "dass sein persönliches Glück der ganzen Welt die Sorgenfalten glätten wird", verwandelte Stingl zurück in ein angemessen schlichtes "dass sein Glück der Welt eine Freude machte". Dass Stingl den Burger vergisst, den Martins am Frankfurter Flughafen zu sich nimmt, verzeiht man angesichts dieser Übersetzung von zeitloser Eleganz.

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insgesamt 2 Beiträge
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Tim van Beek 14.03.2016
1. Genreautor: E und U
Greene selber hat ja zumindest einigen Romanen vorangestellt, ob es jetzt "E" oder "U" sein sollte, wobei sich IMHO "E" von "U" dadurch unterscheidet, dass "E" zwei drittel Reflektion und ein drittel Action hatte, während es bei "U" umgedreht war. Ungefähr. Da er einerweits weniger Action bietet als moderne Thrillerautoren wie Grisham (der weniger Romane schreibt als Drehbücher, die minimal in die Romanform umgegossen sind), und andererseits stark zeitgebunden ist (die zeitgenössische Relevanz seiner Settings macht viel seiner Anziehungskraft aus), ist es kein Wunder, dass er in Vergessenheit geraten ist. Hinsichtlich des zweiten Kriteriums teilt er das Schicksal z.B. mit Heinrich Böll.
ancoats 14.03.2016
2. Mmh...
Ist die pauschale Aussage, Graham Greene sei heute in Vergessenheit geraten, nicht etwas steil? Zumal bei den vielen bekannten Verfilmungen seiner Romane? Ich weiß ja nicht... Wie auch immer: ein guter Anlaß, mal wieder den Song "Graham Greene" von John Cales großartigem Album "Paris 1919" rauszukramen.
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