Cormac McCarthys Anfänge Das Rasen des Schnapsschmugglers

Er schrieb auf der Olivetti aus dem Pfandhaus, der Erfolg kam erst Jahrzehnte später: Cormac McCarthy war in den Sechzigern schon ein großer Schriftsteller, wie sein erstmals ins Deutsche übersetzter Debütroman zeigt: ein Riesentalent, ungezügelt.

Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy: archaisch anmutender Wortschatz
DPA/ The Pulitzer Prizes

Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy: archaisch anmutender Wortschatz


Zehn Romane in einem halben Jahrhundert: Ein vergleichsweise schmales Werk hat der US-Schriftsteller Cormac McCarthy bislang geschaffen. Zumal der aktuellste Roman des 82-Jährigen bereits vor einer Dekade veröffentlicht wurde - man ist versucht zu vermuten, dass McCarthy nach dem Pulitzerpreis für "Die Straße" seine schriftstellerische Mission als abgeschlossen ansah.

Für deutsche Leser gibt es jetzt dennoch eine Neuentdeckung zu machen: Mit fünfzigjähriger Verspätung erscheint unter dem Titel "Der Feldhüter" die Übersetzung seines Erstlingswerks "The Orchard Keeper".

Mit Random House fand McCarthy 1965 auf Anhieb einen renommierten Verlag, mit Albert R. Erskine, dem legendären Lektor William Faulkners, einen prominenten Fürsprecher und Mentor. Dennoch: "Der Feldhüter" brachte ihm zwar einen Literaturpreis und eine Handvoll gute Kritiken ein, aber kaum Leser.

Das sollte sich jahrzehntelang nicht ändern: McCarthy, dieser Solitär unter den US-Schriftstellern, lebte in ärmlichen Verhältnissen, schrieb seine Geschichten auf einer Olivetti-Schreibmaschine aus dem Pfandhaus, verkaufte von seinen Romanen nur wenige Tausend Exemplare. Bis "All die schönen Pferde" 1992 zum Bestseller wurde, Hollywood ihn entdeckte und McCarthy schließlich sogarin Oprah Winfreys menschelndem Büchertalk landete, ein groteskes Missverständnis.

Ansonsten verweigert sich Cormac McCarthy konsequent den Mechanismen des Buchgeschäfts. Interviews sind eine Rarität, Lesungen und Vorträge lehnt er ab. Ein typisch starrsinniger Südstaatler ist McCarthy, aufgewachsen in Knoxville, Tennessee, wo bis auf eine Ausnahme alle seine frühen Romane angesiedelt sind. Dennoch, mag "Der Feldhüter" auch gespeist sein von den Erinnerung an McCarthys eigene Jugend, ein realistischer Coming-of-age-Roman ist es nicht.

Vielmehr ein sperriges Rätselwerk, das sich weigert, seine Geheimnisse preiszugeben und gerade deshalb seinen ganz eigenen verwunschenen Reiz entwickelt. Es geht, wie in McCarthys gesamtem Werk, um existentielle Dinge. Um das Überleben, um das Sterben. Und um eine gewaltige Natur, gleichsam von erhabener Schönheit und unendliche Schrecken bereithaltend. Klein, verloren, fast schon lächerlich wirkt der Mensch mit seinen Hoffnungen, Ängsten und Begierden vor diesem einschüchternden Panorama.

Keine Handlung, aber viel Lust an der Sprache

Es ist ein verlorenes Paradies, in dem McCarthy seine Figuren straucheln lässt - den Schnapsschmuggler Marion Sylder, der in einem Anfall von Raserei einen Anhalter umbringt und die Leiche in einer Grube auf einem unfruchtbaren Obsthain entsorgt; John Wesley, den Sohn des Toten, der in Sylder einen väterlichen Freund findet, ohne dass die beiden wissen, welches Schicksal sie eigentlich verbindet; und Arthur Ownby, den wunderlichen alten Eremiten, der jahrelang über die Leiche wacht.

Eine Handlung im klassischen Sinn hat "Der Feldhüter" nicht. Stattdessen ergibt sich aus einer Vielzahl von Anekdoten, Erinnerungen und Erzählungen ein morbides, gleichermaßen naturalistisches wie surreal verzerrtes Porträt des Prekariats in den Südstaaten Ende der Dreißigerjahre, getragen von McCarthys überbordender Lust an der Sprache.

Mögliche Nebenwirkungen der Lektüre: Schwindel, Realitätsverlust, Halluzinationen. Wer nicht aufpasst, läuft Gefahr, eine Art literarisches Stendhal-Syndrom zu entwickeln, sich in McCarthys hypnotischem Geflecht aus labyrinthischen Satzkonstruktionen zu verlieren, fehlenden Satzzeichen, komplexen Metaphern und archaisch anmutendem Wortschatz.

Von der makellosen Meisterschaft seiner späteren Romane wie "Verlorene" (1979) und "Die Abendröte im Westen" (1985) ist McCarthy 1965 ein ganzes Stück entfernt. Noch schafft er es nicht, sein enormes Talent zu zügeln, berauscht sich hier und da zu sehr an seiner eigenen Sprachkunst, bekommt seinen Stoff nicht immer in den Griff und bewegt sich arg deutlich auf Pfaden, die vor ihm bereits sein Vorbild William Faulkner gegangen ist.

Was die Lektüre von "Der Feldhüter" aber unwiderstehlich macht, ist, dass man hier einem der größten Schriftsteller der Gegenwart dabei zusehen kann, wie er sich zum ersten Mal ausprobiert, wie er seine eigene Stimme sucht, wie er Vertrauen in seine erzählerische Kraft entwickelt.

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insgesamt 2 Beiträge
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pleromax 22.01.2016
1. Übersetzung?
Großspuriges Verleihen irgendwelcher epochalen Ehrentitel durch den deutschen Rezensenten einer deutschen Übersetzung wirkt umso lächerlicher, wenn dieser keine Zeile des Lobs zur Arbeit des Übersetzers resp. der Übersetzerin verliert. Das haben weder der Autor noch sein deutscher Verlag verdient - und ist soo 1970er, dass einem davon schon schlecht werden kann.
nolabel 22.01.2016
2. Danke
für den Artikel zu einem meiner Lieblingsschriftsteller. Ich wusste nicht, das es erwas Neues gibt vom Meister der Finsternis. Und ja, gute Übersetzungen werden zu selten gewürdigt.
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