Französischer Literaturskandal: Empörung über Richard Millets Breivik-Eloge
Ein Skandal erschüttert Paris: Der bekannte Autor Richard Millet hat ein "Loblied" auf den Mörder Anders Breivik veröffentlicht, in dem er dessen Gewalttaten ästhetisiert. Frankreichs Intellektuelle reagieren empört, der renommierte Verlag Gallimard gerät in schwere Bedrängnis.
Literat Millet (Archivbild): Loblied auf die "literarische" Dimension von Breiviks Verbrechen
Paris/Hamburg - Kann man einem Massenmörder "formelle Perfektion" attestieren? Kann man seinem Verbrechen eine "literarische" Dimension zusprechen? Genau das tut der französische Autor und Lektor Richard Millet. Wie die Zeitung "Le Monde" berichtet, hat er eine Huldigung auf den norwegischen Massenmörder Anders Breivik verfasst. Der Text trägt den Titel "Éloge littérare d'Anders Breivik" ("Literarisches Loblied auf Anders Breivik"). Darin distanziert sich Millet laut dem Blatt zwar von dessen Taten, würdigt aber die "formelle Perfektion" und die "literarische" Dimension des Verbrechens.
Breivik sei nicht verrückt, schreibt Millet beispielsweise, sondern das "verzweifelte Symbol dafür, dass Europa die zerstörerische Kraft des Multikulturalismus" unterschätze. Breiviks Taten hält der Autor für den "spöttischen Ausdruck eines Instinkts des zivilisatorischen Überlebens".
Millets rassistische "Éloge" ist Teil einer Textsammlung mit dem Titel "Langue fantôme" ("Phantomsprache"), die der Pariser Verlag Pierre-Guillaume de Roux ausgerechnet am 24. August veröffentlicht hat: dem Tag der Urteilsbegründung des Osloer Gerichts, das Anders Breivik für zurechnungsfähig hält - und ihn für den Mord an 77 Menschen zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft verurteilt hat. In dem Text entwickelt Millet auf 18 Seiten eine Litanei des Hasses, schreibt "Le Monde". Millet sei bereits durch andere Texte für solche Tiraden bekannt, seine Ideenwelt strotze vor extrem rechten Gedankengut und schrecke nicht davor zurück, Gewalttaten zu ästhetisieren.
Damit rückt seine Ideologie in die Nähe des Massenmörders selbst, die "taz" macht in Millets Schrift gar "rechtsextreme Geistesverwandtschaften mit Breivik" aus: "Beide reden von einem 'Krieg', den das Abendland gegen seinen angeblichen Untergang führen" müsse.
"Ein gefährlicher politischer Akt"
In Norwegen hatte der Text bereits rund einen Monat vor seinem Erscheinen Wellen geschlagen. Denn die dortige Tageszeitung "Aftenposten" hatte von Millets publizistischen Plänen Wind bekommen und am 23. Juli mit einem Artikel über die provozierende Geste des Autors für einiges Medienecho in dem Land gesorgt.
In Frankreich bringt das Loblied auf Breivik derweil auch Millets Arbeitgeber, den renommierten Verlag Gallimard, in Bedrängnis: Die Schriftstellerin Annie Ernaux urteilt, Millets Text über Breivik sei "ein gefährlicher politischer Akt", und befindet: "Seine Ideologie, seine Stellungnahmen, betreffen das ganze Verlagshaus. Die Frage einer kollektiven Reaktion stellt sich jetzt allen Schriftstellern bei Gallimard." Auch der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun glaubt, dass die "Éloge" das Unternehmen vor Probleme stellen könnte, und urteilt, dass Millet "den Kopf verliert".
Der französische Schriftsteller Richard Millet, Jahrgang 1953, arbeitet laut "Le Monde" seit mehreren Jahren als Herausgeber bei dem Pariser Verlagshaus, sein Werk umfasse bislang rund 50 Romane und Essays, von denen einer mit dem Essaypreis der Académie Française ausgezeichnet wurde.
Verlagsleiter Antoine Gallimard hat laut "Le Monde" bislang noch nicht zu Millets Einlass Stellung genommen. Andere Angehörige des Hauses aber wie der Schriftsteller und Herausgeber Jean-Marie Laclavetine äußern großes Unbehagen anlässlich der Publikation von Millet. "Es ist nicht das erste Mal, dass er inakzeptable Dinge veröffentlicht", sagte er der Zeitung. Millet habe Besseres zu bieten als diese sinnbefreiten Positionen, bei denen sich "die Haare im Nacken aufstellen".
Angesichts der hohen Opferzahlen und der Trauer der Hinterbliebenen wirkt Millets Breivik-Apologie auch noch aus einem anderen Grund perfide: Am 22. August, nahezu zeitgleich mit seiner "Éloge", hat der Autor eine Studie "Über den Antirassismus als literarischen Terror" ("De l'antiracisme comme terreur littéraire") veröffentlicht. Daher liegt es nahe, Millets skandalheischende Wortmeldung auch als verzweifelten Versuch zu werten, Aufmerksamkeit für dieses Buch zu erregen.
bos
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Donnerstag, 30.08.2012 – 12:51 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 25 Kommentare
- "Le Monde": Zur Breivik-Apologie von Richard Millet (auf Französisch)
- "Aftenposten": Über den Text von Richard Millet (auf Norwegisch)
- "taz": Über das "Loblied auf Breivik"
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT KULTUR
-
Bestseller
Die aktuellen Listen: Hardcover, Taschenbücher, DVDs und Kino-Charts -
Rezensionen
Abgehört, vorgelesen, durchgeblickt: Unsere Rezensionen - was Sie nicht verpassen sollten -
TV-Programm
Ihr TV-Planer: So gucken Sie beim Fernsehen nie mehr in die Röhre -
Gutenberg
Bücher online lesen: Die Klassiker der Weltliteratur - gratis bei Projekt Gutenberg -
Tageskarte
Sieben Tage, sieben Empfehlungen: Die wichtigsten Entdeckungen der Woche.