Romandebüt von Nis-Momme Stockmann Tut kurz weh, muss sein

Käuze und Loser, Rassisten und Perverse, alle vom Untergang bedroht: In seinem Debütroman "Der Fuchs" präsentiert Nis-Momme Stockmann eine fantastische Freakshow deutschen Kleinbürgertums in einer Kleinstadt namens Thule.

Von

Corbis


In der Antike galt die Insel Thule als nördlicher Rand der Welt. Der griechische Seefahrer Pytheas hatte das Eiland auf seinen Reisen entdeckt. Womöglich handelte es sich um Island, vielleicht um die Shetlandinseln, ganz genau lässt sich das heute nicht sagen. Doch gerade das dürfte zur Mythenbildung beigetragen haben, spätestens seit dem Mittelalter umweht jenes Thule die Aura des Rätselhaften. Der Literatur diente es fortan als Sehnsuchtsort, ganz so wie Atlantis oder Utopia.

"Thule" heißt auch der Schauplatz von Nis-Momme Stockmanns Debütroman "Der Fuchs", mit dem der Autor auf Anhieb eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse einheimste. Sein Thule liegt in Nordfriesland, am nördlichen Rand Deutschlands, und scheint ziemlich genau das Gegenteil der gleichnamigen Mytheninsel zu sein. Zwischen Schöpfwerk und Deichkrone geht es hier quälend prosaisch zu, man könnte auch sagen: Es herrscht tote Hose. Den Meilenstein in der Ortschronik bildet ein Anruf vom Guinness-Buch, wegen einer Rekordfrikadelle.

Doch bevor wir dieses Thule überhaupt kennenlernen, droht es auch schon auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, begraben unter endzeitlichen Wassermassen. Vorbereitet war darauf niemand, Katastrophenübungen gab es nicht. Die einzige Notfallkiste steht nun neben drei jungen Leuten, die von einem Dach aus dem Treiben zusehen: Baumann, genannt "Dogge", seine Freundin Jütte und Finn. In der Kiste steckt neben Bier, Dosenravioli und einem fast leeren Gaskocher auch noch eine Schrotflinte. Und wir ahnen bereits: Sie wird ihren Auftritt bekommen.

Schriftsteller Stockmann
privat

Schriftsteller Stockmann

Zunächst aber geht es zurück in die jüngere Vergangenheit des Ortes, die frühen Neunziger, mitten hinein in die Adoleszenz von Finn Schliemann. Warum seine Eltern einst mit ihm ins verwünschte Thule kamen, ist Finn unbegreiflich. Nach dem Selbstmord des Vaters wurde das Leben der zurückgelassenen Kleinfamilie zur duldsam ertragenen Alltagshölle. Der geistig behinderte Bruder Reini sabbert, brabbelt und wirft mit seinen Exkrementen um sich, die Mutter hält aus, putzt weg, ergibt sich dauerrauchend ihrer Agonie.

Auch Finn erträgt sein Leben mehr, als dass er es in eine Richtung steuert. Dabei hat er es vergleichsweise gut. Besser jedenfalls als die drei Baschi-Brüder, lederjackentragende Prolls, vom saufenden Neonazivater regelmäßig misshandelt, die ihr Ventil in Grausamkeiten gegen Mensch und Tier finden. Die Frösche aufblasen, bis sie platzen, und auch die Jungs im Ort mit Narben zurücklassen. Oder aber der hyperaktive Tille, der Schläge vom Vater kassiert, weil chronisches Zappeln damals in Thule noch nicht als Krankheit gilt, sondern als Unsitte.

Gruselkabinett der Kleinbürgerlichkeit

Stockmann entwirft in seinem fiktiven Allerweltsstädtchen ein Gruselkabinett deutscher Kleinbürgerlichkeit, das in seiner Anhäufung von Käuzen und Losern, Rassisten, Perversen und Psychopathen mitunter ins Freakshowhafte abgleitet. Doch durch die kindlichen Augen Finns betrachtet, gerät mancher vielleicht auch einfach noch schräger, als er in Wahrheit sein mag.

Alles ändert sich für Finn, als er Katja begegnet. Hier der unscheinbare Junge, ein bisschen autistisch, ein wenig soziophob, dort das wundersam verstiegene Mädchen, furchtlos, schlagfertig, scheinbar allwissend. Warum sie ausgerechnet die Nähe zu ihm sucht, versteht Finn selbst nicht.

Wie Katja so gibt sich in zunehmendem Maße auch der Roman: der Wirklichkeit stets ein Stück enthoben, verwirrend und faszinierend, in jedem Fall aber latent überfordernd. Irgendwann spaltet sich "Der Fuchs" in mehrere Erzählebenen auf, die absatzweise wechseln und im Schriftbild durch vertikale Linien verdeutlicht werden. Es stellt sich ein Nebeneinander verschiedener Zeit- und Realitätsebenen ein, auch von Genres: Die Milieustudie, die auch Coming-of-Age-Roman ist, mutiert zum symbolisch aufgeladenen Fantasy-Thriller, eine babylonische Göttergeschichte wird eingewoben, dazwischen immer wieder genüsslich detailreiche Schilderungen von Ausweidungen und Verstümmelungen, als befänden wir uns mitten im Drehbuch zu einem Splatterfilm. Und hinter all dem ein Humor, der uns beschwichtigend zuraunt: Tut kurz weh, muss sein.

Wer will, darf Parallelen ziehen zwischen jener Freude am postmodernen Erzählen und Stockmanns eigener künstlerischer Umtriebigkeit. Einem Studium der "Sprache und Kultur Tibets" ließ er eine Ausbildung zum Koch folgen, bevor er sich dem szenischen Schreiben widmete, dem Theater. Er fotografierte, malte und filmte, schreibt Hörspiele, Lyrik und Prosa, gründete ein Atelier- und Wohnprojekt und wird in diesem Jahr sein erstes Musical auf die Bühne bringen. Bei so viel kreativem Elan wundert es kaum, wenn auch der Erstlingsroman lustvoll fantasierend ausfranst.

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meykota 17.03.2016
1. Ein Finn
Laut dem britischen Autor Patrick Ness ist es vollkommen ausreichend, wenn ein Finn an der Geschichte teilnimmt. Also, alles gut, das Indie-Kid Finn tritt hier als Erwachsner auf, er bekommt das schon alles wieder hin :D Kleiner Scherz für Buchliebhaber ;) Das Buch an sich klingt interessant, vielleicht werfe ich mal einen Blick hinein, immerhin hat es ja einen Finn.
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