"Der Geschmacksthesaurus" Elvis Presleys Lieblingssnack

Es ist ein Buch, das man vor dem Kochen zur Hand nehmen kann. Aber es ist weit davon entfernt, ein Kochbuch zu sein: "Der Geschmacksthesaurus" ist ein herrlich originelles Werk über Lebensmittel und ihre Aromen. Und über den Klatsch drumherum.

Corbis

Von Christoph Schröder


Die Zeiten, in denen man mit einem mild-abschätzigen Lächeln den Satz aufsagen konnte, die Engländer hätten viele Vorzüge, vom Essen aber verstünden sie rein gar nichts, sind vorbei. Und so verwundert es nicht, dass eines der originellsten und unterhaltsamsten Bücher, das seit langem über das Kochen und das Essen erschienen ist, von einer Engländerin stammt: Niki Segnit, Kolumnistin der Tageszeitung "The Times".

Segnit trägt in ihrem hübsch ausgestatteten und elegant gestalteten "Geschmacksthesaurus" gleich mehreren Umständen Rechnung: Dass das Kochen längst zu mehr dient als zur Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Dass die Auseinandersetzung mit Zutaten eine kulturelle Technik geworden ist. Und dass der internationale Warenfluss die Kombination von exotischen mit bekannten Aromen selbstverständlich gemacht hat.

Ein sinnliches Buch voller Anekdoten

Man kann den "Geschmacksthesaurus" vor dem Kochen zur Hand nehmen, ganz klar. Und doch ist dieses Buch weit entfernt davon, ein Kochbuch zu sein. Puristisch und streng kommt es daher, ohne Fotos, geradezu wissenschaftlich eingeteilt in Geschmackssegmente. Das ist allerdings nur der erste Eindruck, denn schon im Vorwort gibt die Autorin freimütig zu, dass ihre Kategorisierung eine subjektive ist. 99 Aromen hat Niki Segnit ausgewählt und ihnen Lebensmittel zugeordnet, diese wiederum hat sie in 16 Geschmackskategorien wie "Geröstet", "Erdig" oder "Waldig" eingeteilt. Davon ausgehend, lassen sich die Aromen prächtig miteinander kombinieren: "Jede Familie", so Segnit, "ist in gewisser Weise mit der ihr benachbarten verbunden, so dass sie alle zusammen eine Art 360-Grad-Spektrum bilden." So theoretisch geht es aber nicht weiter, im Gegenteil: "Der Geschmacksthesaurus" ist ein sinnliches Buch, was auch an der Gabe der Autorin liegt, so anschaulich wie anekdotenreich über ihren Gegenstand zu schreiben.

Man kann das Buch aufschlagen, wo immer man mag - an jeder Stelle stößt man auf Geschichten rund um Lebensmittel. Und ein wenig Klatsch ist auch dabei. So erfährt man, dass Elvis Presleys Lieblingssnack ein frittiertes Erdnussbutter-Bananen-Sandwich gewesen und der King sogar einmal mit Freunden in den Privatjet gestiegen sein soll, um in Denver, Colorado eine der dort bekannten örtlichen Spezialitäten zu sich zu nehmen: einen kompletten ausgehöhlten Weißbrotlaib, bis zum Anschlag gefüllt mit Erdnussbutter, Traubengelee und gebratenem Speck. Wohl bekommt's.

Anton Tschechow schlemmte in Monte Carlo

Zu lesen ist auch die Geschichte von den legendären Maids of Honour, übersetzt: Ehrenjungfrauen - Blätterteigpastetchen mit Zitronen-Mandel-Füllung, die südwestlich von London bereits seit der Zeit Heinrichs VIII., also seit dem 16. Jahrhundert, nach einem streng geheim gehaltenen Rezept gebacken werden. Zudem die Anekdote, dass Anton Tschechow bereits 1891 in einem Brief aus Monte Carlo beklagte, man würde dort entsetzlich geschröpft, aber bestens verköstigt werden, "mit Unmengen von Artischocken, Trüffeln und Nachtigallenzungen". Man muss so etwas nicht wissen. Aber es auf diese Weise erzählt zu bekommen, hat etwas Apartes und Nutzbringendes zugleich.

Niki Segnit hat ein Gespür für die Dinge. Und es dürfte ohne Schwierigkeiten möglich sein, sich mit dem "Geschmacksthesaurus" in die Küche zu stellen und ein gewagt kombiniertes, raffiniertes Menü zuzubereiten. Man kann sich aber auch einfach an Sätzen wie diesen erfreuen: "In eleganten Restaurants sieht man die blasse Jakobsmuschel oft zitternd wie ein Naivchen auf dem Knie des schmierigen alten Blutwurstkerls sitzen." Beide sind zu beneiden.



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pix4pix 08.02.2012
1.
Zitat von sysopCorbisEs ist ein Buch, das man vor dem Kochen zur Hand nehmen kann. Aber es ist weit davon entfernt, ein Kochbuch zu sein: Der "Geschmacksthesaurus" ist ein herrlich originelles Werk über Lebensmittel und ihre Aromen. Und über den Gossip drumherum. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,813214,00.html
Ich kann das alles nur unterstreichen. Wobei das Buch auch eine sehr unterhaltsame Bettlektüre darstellt. Meine eigene Rezension dazu stammt schon vom September 20011, aber es schadet ja sicher nichts eine zweite Meinung zu haben. Siehe Der Geschmacksthesaurus. Niki Segnit. - Aus meinem Kochtopf. (http://blog.nordbayern.de/netz/2011/der-geschmacksthesaurus/)
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