Heinz Strunks "Goldener Handschuh" Eine Zumutung - aber eine dringend nötige

Diese Kriminalgeschichte ist nicht blutrünstig, sondern pissetriefend: Das neue Buch von Heinz Strunk erzählt von den Verlorensten der Verlorenen - und lässt ihnen doch Momente der Würde.

DPA

Wer von der Reeperbahn rechts abbiegt, gleich hinter dem blinkenden Automaten-Casino, gelangt nach ein paar Schritten an einen Abgrund. Hamburger Berg Nr. 2 lautet die Adresse, "Der goldene Handschuh" steht über der Tür der Kneipe. "Seit 1962 hat der Handschuh rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage, 24 Stunden am Tag", heißt es im nun erscheinenden Roman von Heinz Strunk, der als Titel den Namen dieser Kneipe trägt und seine Leser einlädt, diesen Abgrund hinabzuschauen.

An einem "eisigen Tag im Februar 1974" hockt da am Tresen ein Mann, der Leiche genannt wird. "Seine Schenkel sind wundgerieben vom In-die-Hose-Pissen" heißt es über den verurteilten Mörder. Neben ihm Rudi, der träumt "von einem Tag, der ein ganzes Leben wert ist" und daneben der Schiefe. Der hat "etwa einen Liter Fako getrunken, Fanta-Korn, im Verhältnis 1:1."

Es verkehren im Handschuh aber nicht nur schuldbeladene Säufer, vom Kokain zerfressene Luden und englische Krawall-Matrosen, sondern auch - das macht den Großteil aller hiesigen Verhängnisse aus - Frauen. Weiter hinten tummeln sich "am Tisch bei der Jukebox ein paar Säberalmas", klägliche Frauenbilder, die um "Verblendschnaps" betteln.

Ewiger Durst nach billigstem Alkohol, mal für den "Sturzsuff", mal bis zum "Schmierensuff". Heinz Strunk dekliniert jede vor-delirische Stufe des Saufens aus. Es sind die Verlorensten der Verlorenen, die er hier mit letzter Kraft durch Fanta-Korn-Pfützen gen Tresen kriechen lässt. Keine großliterarischen Stellvertreter, sondern Menschen, die sich im Antrieb ihrer "Restwut" gegenseitig blutig prügeln, sich selbst verstümmeln - und auch außerhalb dieses Romans existieren.

Jedes Monster bekommt einen Moment der Würde

Allein das Setting dieser Vorhöllen-Kneipe würde Stoff für genügend bitter-witzige Episoden liefern, wie man sie von Strunk erwarten darf. Immerhin ist er der Autor, dem 2004 mit "Fleisch ist mein Gemüse" ein Bestseller über seine Jugendjahre als Akne-geplagter Möchtegern-Musiker gelang. Gemeinsam mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger bildet er das Studio Braun, das erst den Telefonstreich neu erfand und später mit Theaterproduktionen Erfolge feierte. Strunk ist ein verlässlicher Lieferant von Witzen, über die man lacht, obwohl sie keine Pointe haben. Sein Humor ist die Verzerrung an sich. Die Freakshow als soziale Tragikomödie.

Mit "Der goldene Handschuh" will Strunk nun mehr, als nur eine Freakshow aufzuführen. Ein gutes Setting ist noch kein guter Roman. So lässt Strunk nach der Vorstellung des Randpersonals seinen Erzähler selbst vom Tresen des Handschuhs aufstehen und ins Zentrum der Geschichte wandern. Ein Mann, dessen "Restwut" größer ist als die der üblich Kaputten: Fritz "Fiete" Honka, jener Serienmörder, der den Goldenen Handschuh Mitte der Siebzigerjahre weit über Hamburg hinaus in die Schlagzeilen brachte.

In Honkas Wohnung in Altona wurden nach einem Brand im Sommer 1975 die Leichenteile von vier Frauen entdeckt, damals ein spektakuläres Medienereignis. Keine der vier Frauen, die Honka in seiner Wohnung schändete, ermordete, zerstückelte und im Dachboden verscharrte, wurde je als vermisst gemeldet. Wie gesagt: die Verlorensten der Verlorenen. Er lernte sie im "Handschuh" kennen.

Anzeige
Strunk erzählt diese Kriminalgeschichte, ohne ein einziges Mittel des Krimis zu gebrauchen. Nicht blutrünstig, sondern pissetriefend, vor allem aber verstörend mitfühlend. Die Spannung des Romans erzeugt die Einfachheit der Sprache, von der man immer wieder erwartet, sie würde einen Studio-Braun-Witz liefern, dann aber eine brutale Tragödie erzählt: "Fiete ist ganz begeistert von seinem Gedanken, Gerda auf Vordermann zu bringen." Kurz darauf wird die Aussicht auf Besserung verworfen und Honka vergewaltigt besagte Gerda mit einer Bockwurst - "Gerda macht keinen Mucks."

Gerade wenn man sich damit zurechtfindet, dass Strunk die Bestialität von Honkas Vergehen an seinen Opfern extrem detailliert widergibt, ist man diesem Widerling Honka schon längst zu nah gekommen. Weil Strunk den Serienmörder Honka als einen Mann niederschreibt, der das Gute und Gesunde immer wieder in sein Leben zurückholen will. Wenn etwa Honka einen neuen Job als Nachtwächter in der City Nord beginnt und man darauf hofft, er würde es ordentlich machen und nicht zurück zu Ritzen-Schorsch, Doornkaat-Willy und Bulgaren-Harry gehen. Spätestens dann hat man offenbar vergessen, welch einer Bestie man aufsitzt.

Strunk erzählt die Geschichte Honkas nicht, um mit dem Finger auf die Kaputten zu zeigen, sondern um danach zu suchen, was sie so kaputt gemacht hat. Jedes Monster bekommt bei Strunk einen Moment der Würde. Dieser Roman erinnert an die Umstände, die diese Menschen zugrunde gerichtet haben, eine Gesellschaft, die moralisch so hoch verschuldet war, dass sie lieber im "Handschuh" blieb und weitersoff. Die Kneipen St. Paulis als Abgründe deutscher Schuldkomplexe.

Die Täterperspektive so sehr in die Richtung der Empathie zu neigen, ist ein nicht ganz ungefährliches literarisches Spiel - egal, ob bei Bret Easton Ellis' "American Psycho", dessen vergewaltigender Erzähler irgendwie selbst Opfer des Wall-Street-Rausches ist - oder hier im "Handschuh" als verzögerter Nachkriegsschauplatz.

Verkommenheit ist keine Frage des sozialen Status

Bei Strunk funktioniert der Wechsel zwischen Abscheu und Anteilnahme. Nicht zuletzt, weil der Honka-Geschichte eine zweite Handlung an die Seite gestellt wird, die am oberen Ende der Hamburger Gesellschaft verortet ist.

Es ist der in kurzen Episoden eingestreute Verfall der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Zur Zeit des "Dritten Reichs" haben diese Kaufleute sich so maßlos an jüdischem Eigentum vergangen, dass sie seither vom feinen Rest der Hanseaten geschnitten werden. Die beiden Erzählstränge, Honka und von Dohren, laufen nie ganz zusammen, begegnen sich nur darin, dass auch der Spross der Reederfamilie im Goldenen Handschuh säuft. Die Ähnlichkeit der beiden Geschichten liegt vielmehr in der Feststellung, dass Verkommenheit keine Frage des sozialen Status ist.

Heinz Strunks Roman ist eine Zumutung - eine exzellente Zumutung für all jene, die viel zu schnell wissen, wer gut und wer schlecht ist. Noch dazu hat Strunk einen Roman über Hamburg geschrieben. Während Berlin in der Literatur viele Denkmäler aufzuweisen hat - Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Erich Kästners "Fabian" oder viel später Christiane F.s "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" -, steht Hamburg literarisch kurz vor der Bedeutungslosigkeit.

Die Rechercheleistung, die Heinz Strunk nun im Hamburger Staatsarchiv an den bisher verschlossenen Honka-Akten vornahm und in einem einfühlsamen Blick auf St. Pauli zu einem ungeheuerlichen Roman reifen ließ, erinnert an den Hamburg-Chronisten Hubert Fichte. Fichte interviewte nicht nur Stricher und Prostituierte - er verstand sie auch. Erinnert wird Fichte bis heute für einen Roman, der nach einer Hamburger Kneipe benannt ist: "Die Palette".

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hiro22453 26.02.2016
1. Konsequent.
Schon "Fleisch ist mein Gemüse" (mit Abstrichen auch "Fleckenteufel") war keine reine Komödie, ich habe den Roman immer als Biographie einer wirklich elenden Jugend verstanden. Insofern erscheint mit die literarische Entwicklung Strunks nur konsequent. Dass der Mann eben auch hemmungslos komisch sein kann, steht auf einem anderen Blatt.
busytraveller 26.02.2016
2. Erinnert an Eckard Henscheid
Heinz Strunk erinnert sehr an den jungen Eckard Henscheid mit seiner Trilogie des laufenden Schwachsinns. Henscheid ist heute ein verbitterter alter Mann, Strunk auf der Höhe seiner Kunst.
granathos 26.02.2016
3. schade
leider bewegen sie sich auf einem sehr geringen literarischen Niveau. Dieser Autor gilt längst als widerlegt, während Henscheid erst kürzlich in einer Lesung für Furore sorgte.
dieteroffergeld 26.02.2016
4. Dieses Wort ...
... pi....., verwendet in der Einleitung, finde ich sowas von daneben. Auf welcher Stufe des Journalismus findet sich Autor oder Autorin eigentlich wieder? Publiziert meinen post, nur Mut! Er ist weder verletzend noch demütigend. Bei der von Ihnen verwendeten adjektivischen Beschreibung ... nö ehrlich ..., das musste nicht sein!
Leo von Ritterstern 26.02.2016
5.
Wieso bezeichnen Sie in Ihrem Artikel einen professionellen Tanzmusiker als "möchtegern-Musiker"? Schon diese völlig verfehlte Wortwahl belegt, dass Sie zumindest "Fleisch ist mein Gemüse" gar nicht richtig verstanden haben. Bitte nochmal überdenken! Unterhaltungs- oder auch Tanzmusiker - das ist ein ganz knallharter, belastender Job: Man schlägt sich hierbei (u.a.) auf der Bühne die Nächte um die Ohren - und baut anschließend auch noch mutterseelenalleine die Anlage wieder ab, um sie heimwärts (oder gar schon zum nächsten Auftrittsort) zu transportieren. Und vieles mehr. Warum werden Musiker in diesem Land nur immer so abqualifizierend betrachtet? Ich könnt's noch verstehen, wenn hier niemand Musik mögen würde - aber das scheint mir eigentlich nicht der Fall zu sein. MfG.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.