Kriegsroman "Der Gott jenes Sommers" Mensch, wie hältst du das aus?

Schleswig-Holstein, 1945: Die Schrecken des Krieges bohren sich ins Leben einer Zwölfjährigen. Ralf Rothmann beschreibt sie eindringlich - sein "Gott jenes Sommers" ist einer der großen Romane des Frühjahrs.

Frauen beim Ackerbau im Juni 1945
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Frauen beim Ackerbau im Juni 1945

Von Franziska Wolffheim


Wie viel Leid kann ein Mensch aushalten, wenn die Welt aus den Fugen ist? Luisa, zwölf Jahre alt, hat so viel gesehen, dass sie am Ende sagt: "Ich hab alles erlebt." Und von dem Wunsch getrieben wird, ins Kloster zu gehen. Brutalität, Verwüstung, Elend: Kann das der Leser überhaupt ertragen?

Ja, das geht, weil es Ralf Rothmann gelingt, diesen düsteren Bilderbogen aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs so eindringlich zu gestalten, dass man von Szene zu Szene immer mehr gebannt wird. Es gibt sozusagen kein Entrinnen, weder für die Protagonisten noch für die Leser. "Der Gott jenes Sommers" ist einer der ganz großen Romane dieses Frühjahrs. In dem aber auch, ganz zart, immer wieder ein Fünkchen Humor aufblitzt.

Affären und Lektüren gegen die Misere

Es ist ein enger Kosmos, in dem sich die größten Tragödien abspielen: ein Gutshof in der Nähe von Kiel, der von Bombardierungen verschont bleibt, dafür aber immer mehr Flüchtlinge aufnehmen muss. Luisa Norff ist mit ihren Eltern und der älteren Schwester Sibylle aus dem bombardierten Kiel hierher geflohen. Der Vater ist nur selten da, er betreibt in der Kaserne der Marine ein Kasino. Wenn er da ist, ist er häufig alkoholisiert, selbst vor dem Frühstück.

Das Gut gehört Luisas Schwager Vinzent, einem strammen SS-Offizier, der mit seiner Frau Gudrun bei Rendsburg wohnt. Auch sie redet - wie die scharfzüngige Sibylle bemerkt -, als habe sie das Parteibuch verschluckt. Sibylle dagegen macht aus ihrer Überzeugung keinen Hehl, dass der Krieg für "Hitler und sein Gesocks" verloren ist.

Während die genussfreudige Sibylle weiterhin Affären hat und es dem Führer persönlich übel nimmt, dass sie auf dem Land versauern muss, liest Luisa alles, was ihr in die Finger kommt - in Kriegszeiten ist das freilich nicht viel, und so nimmt sie sich "Vom Winde verweht" gleich dreimal vor. So versuchen beide Schwestern auf ihre Weise, sich vor der allumfassenden Misere zu retten.

Doch die Welt der Bücher und eine Schwärmerei für Walter, den jungen Melker, bedeuten für Luisa nur Trost auf Zeit. Regelmäßig bringt sie Nahrungsmittel in ein Behelfslazarett. Ein Soldat, dem beide Beine amputiert wurden, nicht mehr ganz bei sich, bittet sie dort, ihm die Stiefel auszuziehen. Luisa bleibt nur noch, für ihn zu beten. Es sind solche Szenen, die Lesern lange nachgehen, weil sie so unendlich trostlos sind. Und weil der Autor sie mit einer gnadenlosen Präzision beschreibt.

Später wird Luisa dann selbst Opfer von Gewalt. Schwager Vinzent feiert seinen Geburtstag, ein dekadentes, fast schon obszönes Fest, bei dem alle ahnen, dass sie zum letzten Mal so feiern werden. Luisa hält sich abseits und liest, bis ihr Schwager sie in den Luftschutzkeller drängt.

Nach der Vergewaltigung durch den "Dreckskerl", wie sie ihn später nur noch nennt, wird Luisa schwerkrank, Typhus, aber sie überlebt. Was kann ihr jetzt noch Schlimmes passieren? Man möchte es kaum glauben, aber auch dieses Leid ist steigerungsfähig.

Rothmanns Roman erzählt, wie sich der Krieg in den Alltag von Menschen hineinbohrt, wie sie an den Rand des Erträglichen gestoßen werden. Und er hinterfragt, wie Menschen mit dem Wissen umgehen, dass der Krieg verloren ist - wie sie sich ängstigen, verdrängen, wie sie sich bis zuletzt bespitzeln und das gegenseitige Misstrauen um sich greift. Es gibt einige Bezüge zu Rothmanns viel gelobtem Vorgänger-Roman "Im Frühling sterben", in dem der Autor ebenfalls von der Höllenfahrt des Zweiten Weltkriegs erzählt.

Ein Kunstgriff im neuen Buch ist die zweite Ebene, die der Autor eingezogen hat, als habe er quasi den Dachboden seines Werkes ausgebaut. Eine Chronik, angesiedelt um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die immer wieder den Plot unterbricht. Ein Krieg, der - ist es Zufall? - vor genau 400 Jahren begann. Rothmann spiegelt hier die Haupthandlung, zeigt den Krieg als ewige Wiederholung des Schreckens, die unverbesserliche Bestie Mensch. Der Chronik-Stil sorgt dafür, dass das Elend nicht nur geschildert, sondern gleichzeitig verfremdet wird, dadurch entsteht Distanz.

An einigen Stellen kommt dabei sogar Humor ins Spiel. Wenn zum Beispiel der Chronist aus Versehen das Tintenfass umstößt: "Worauf, ach!, die Dinte über sein Käsbrot lief." Auch eine kuriose Begebenheit erlöst ein wenig von dem Gewicht des Schreckens: Eine kleine Kirche, die an einem norddeutschen See steht, soll von Dorfbewohnern über das Wasser transportiert werden. Kann das gut gehen?

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Ralf Rothmann:
Der Gott jenes Sommers

Roman

Suhrkamp Verlag; 254 Seiten; 22 Euro

Ralf Rothmann hat einen grandiosen Roman geschrieben, er beschreibt mit einer souveränen Selbstverständlichkeit, weder übertrieben gefühlig noch unterkühlt. Fernnervig schildert er seine gebeutelten Figuren, ohne sie bis zum Letzten entschlüsseln zu wollen. Dass sie sich verändern, verändern müssen, hält er in einem schönen Satz fest, den er seiner zwölfjährigen Hauptfigur in den Mund legt: "Warum heulst du denn, blöde Kuh? ... Das ist jetzt das Leben."

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transatco 05.05.2018
1. Auch ein "gewonnener" Krieg ist ein "verlorener"!
Nur eben für jemand Anderes! Einen Krieg kann der Mensch nicht gewinnen, er ist immer ein Verlust! Der Verlierer verliert sein Leben, der Gewinner seine Ethik! Zivilisten, Frauen und Kinder sterben auf beiden Seiten! Die Deutsch hätten spätestens am 1. September 1939 erkennen müssen dass Ihre Zukunft verspielt ist! Leider erkennt der Mensch das erst immer im Nachhinein! Das war im 2ten Weltkrieg nicht anders als es jetzt in Syrien ist! Ich werde den Roman lesen und feststellen ob der Autor eine tiefergehende Einsicht erkennen lässt als Frau Wolfsheim!?
Meier2011 05.05.2018
2. Krieg - leider ein jahrtausendealtes "Spiel" vieler Menschen
Lesen sollten dieses Buch auch die ganzen "Hurra - wir wollen auch beim Krieg mitmischen"-Politiker, -Journalisten (z.B. Welt.de) sowie die eloquenten Waffenlieferanten. Vielleicht könnte es beim einen oder anderen eine Einsicht geben, dass ein Krieg nicht nur aus testosteron- geschwängerten Machtgefühlen und "wir sind auch dabei beim Hauen und Stechen" - Euphorien besteht. Ein ganz anderer Gesichtspunkt zum (eindrücklichen) Foto: Wo bleiben die Aufschreie der genderkonditionierten Feministinnen und Feministen? Da tragen doch tatsächlich alle Frauen (das Kind ausgenommen) ein Kopftuch auf dem Haupt. "Welch Unterdrückung!". ( Oder ist dies etwa ein schwarz-weiß Foto syrischer Flüchtlingsfrauen? ) PS: In meiner Jugend ( 70er Jahre ) trugen viele Frauen im Dorf ein Kopftuch. Hat niemanden gestört.
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