"Der Idiot des 21. Jahrhunderts" Goethe war gut, die Zukunft wird besser

Habt Mut zu neuen Utopien! Das ruft Michael Kleeberg den Lesern seines neuen Werks "Der Idiot des 21. Jahrhunderts" zu - einem überwältigenden Roman, einer Anleitung für eine humane Gesellschaft.

Darstellung der Geschichte von "Leila und Madschnun", Inspiration für Kleeberg
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Darstellung der Geschichte von "Leila und Madschnun", Inspiration für Kleeberg


Bereits seit einigen Jahren zeichnet sich in der deutschen Gegenwartsliteratur wieder ein bemerkenswerter Trend ab: Es werden wieder Wälzer geschrieben - dicke Romane in der Tradition von Thomas Mann und Vladimir Nabokov. Woher rührt dieser Hang zum opus magnum? Denken wir an das antike Epos zurück, so geht es um nicht mehr und nicht weniger als um Welthaltigkeit. Ja, ein nicht geringer Teil der heutigen Schriftsteller verfolgt wieder die Ambition, das Große und Ganze abzubilden.

Zu ihnen darf man mit seinem 464 Seiten starken Werk "Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Diwan" auch Michael Kleeberg zählen. Der Berliner Autor, gefeiert für seinen "Karlmann"-Zyklus, hat nun einen ganzen Reigen aus Lebensgeschichten vorgelegt, die sich eine Gruppe von Freunden eines Abends in der Nähe von Frankfurt erzählen. Unmittelbar fühlt man sich bei dieser verschachtelten Konstruktion an Romantiker erinnert, die das Spiel zwischen Rahmen- und Binnenhandlungen virtuos auf die Spitze trieben.

Michael Kleeberg
Lothar Koethe

Michael Kleeberg

Springen wir also hinein in die Episoden: Entfaltet werden zum Beispiel die Wege dreier Paare, deren Wurzeln jeweils sowohl in Deutschland als auch im Nahen Osten liegen und deren Glück durch Krieg und Gewalt überschattet wird.

Zwischen den gesellschaftlichen Hemisphären steht ebenso eine Sängerin. Um als Frau ihrer künstlerischen Berufung nachzugehen, musste sie einst Iran verlassen. Jahre später kehrt sie wegen ihrer kranken Eltern zurück und ist bald darauf gezwungen, erneut den islamistischen Fanatikern zu entkommen. Im Potpourri der Geschichten findet sich darüber hinaus eine spektakuläre Tunnelflucht aus der DDR oder ein von archaischer Brutalität zeugender Schöpfungsmythos, in dem die Menschheit aus dem Blut der Götter geboren wird.

Goethes Gedankenhorizont

Was Kleeberg zusammenträgt, ergibt das Panorama einer von Konflikten, Terrorismus und Vertreibung erschütterten Welt - ein Buch, das im aufgeheizten Streit über die Abriegelung der europäischen Außengrenzen ein leuchtendes Mahnmal für Freiheit und Humanität darstellt.

Es brilliert vor allem durch seine essayistischen Denkanstöße: Gibt es im Christentum und Islam möglicherweise ähnliche Erlöserfiguren? Und vermag vielleicht die Mystik, also die Vereinigung aus Mensch und Gott, die ideologisch geschaffenen Barrieren zwischen den Religionen zu überwinden? Sehr konzentriert lässt der Autor seine Figuren über kulturelle Gemeinsamkeiten und überhaupt Verständigungspotenziale diskutieren - der Roman hat eine erfrischend utopische Färbung.

Gerungen wird in allen Kapiteln stets um einen "Ort, der weder im Osten noch im Westen liegt, es ist ein verschollener Ort, den wir aber hier und da werden zu erblicken glauben, [...…] der Ort, auf den wir warten, dem wir lauschen, auf den wir verweisen." Indem der 1959 in Stuttgart geborene Kleeberg diesen eben nicht näher ausmalt, sondern offen lässt, motiviert er den Leser zum Weiterdenken, zur Imagination eines besseren Daseins.

Dazu spinnt der Autor ein dichtes Netz aus Bezügen und Anspielungen. Man erkennt Referenzen auf die Hoffnungsphilosophie Ernst Blochs, Robert Musil, Meister Eckart oder natürlich Goethes Gedichtsammlung "West-östlicher Divan", dessen Struktur und Gedankenhorizont sich Kleeberg gekonnt zu eigen macht.

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Michael Kleeberg:
Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Diwan

Galiani, 464 Seiten, 24 Euro

Ihm ist sowohl ein Werk für den intellektuellen Spurensucher als auch für den politisch interessierten Leser gelungen. Die sprachliche Gestaltung könnte allerdings manchen Ästheten negativ auffallen. Formulierungen wie "Wenn wir unsere Wurzeln kappen, dann kappen wir auch unsere Herzensgründe, und durch die fließt das Leben" muten durchaus etwas over the top an. Aber vielleicht trägt gerade diese teils altmodische Manieriertheit dem eigentlichen Geist des Textes Rechnung.

So spüren wir doch in jeder Zeile die Sehnsucht nach einem vorbabylonischen Urgrund, in dem alles aufgehoben ist: Frieden, Einheit und Gerechtigkeit - die großen Ideen der Menschheit. Das Paradies mag zwar verschüttet sein. Das polyphone Arrangement dieses Romans mit seinen vielfältigen Miniaturen zeigt jedoch Möglichkeiten auf, wie wir vielleicht ein neues errichten können.

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insgesamt 2 Beiträge
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Katzenfritz 19.08.2018
1. Ach, Michi Utopia
Eine humane Gesellschaft kann / wird es auf einer immer übervölkerteren Welt mit immer weniger Recourcen gar nicht geben. Da ist der Mensch viel zu sehr Egomane, sonst hätte es ja auch mit dem Kommunismus / Sozialismus geklappt. Wetten das?
Newspeak 19.08.2018
2. ....
Man wird die Menschheit nicht ins Paradies führen, wenn man den Irrsinn der Religionen zu vereinen versucht. Nur, wenn man Vernunft als Maßstab nimmt, mag das gelingen.
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