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"Der Kahuna Modus": Kafka und die Kettensäge

Von Wiebke Brauer

Kaleidoskop der Pop-Kultur: Die Autorin Nika Bertram vermengt in ihrem Roman-Debüt "Der Kahuna Modus" auf ungewöhnliche Weise Technik, Literatur und neo-feministisches Gedankengut. Ein Online-Spiel bietet zusätzlichen Zugang in die aberwitzigen Erlebniswelten ihrer Hauptfigur.

Betram-Debüt "Der Kahuna Modus"

Betram-Debüt "Der Kahuna Modus"

Nika Bertram wurde 1970 mitten in die "Generation Golf" hinein geboren, studierte Bibliothekswesen und Anglistik, ist Mitglied des Chaos Computer Clubs und hat nun ihren ersten Roman veröffentlicht - inklusive virtuelles Spiel. Diese Mischung klingt nicht nur interessant - sie ist es sogar. Nimmt man Bertrams Roman "Der Kahuna Modus" zur Hand, erfreut man sich sogleich am Buchcover. Das sieht im Prinzip so aus wie die Comic-Zeichnerin heißt, die es gestaltet hat: Lillian Mousli. Irgendwie anders, auf jeden Fall weiblich. Und der Eindruck, den der Einband zunächst vermittelt, vertieft sich beim Lesen des Buches. Irritierend wie die weißen Augenhöhlen des Mädchens, comicartig und kindlich dazu.

Irritierend aus dem Grunde, weil Nadine, die Hauptfigur des Buches, ihre Daseinsform des öfteren wechselt und auch sonst in seltsamen Gefilden weilt. Nadine wird in einer Zelle gefangen gehalten, die mit Milch angefüllt ist. Dazu wird sie angehalten, ihre Geschichte aufzuschreiben. So erfährt der erstaunte Leser vom verkorksten Verhältnis der Protagonistin zu ihrer Mutter und dass sich Nadines Vater an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag aufhing. Zudem spannt sie ihrem computerfixiertem Bruder die Freundin aus, wird zum Manne und schwängert das Mädchen.

Doch Obacht: "Der Kahuna Modus" ist kein radikal-feministisches Buch. Sexuelle Neigungen werden nicht deklariert, höchstens zelebriert, Geschlechterrollen nicht angeprangert, sondern gewechselt. Die jeweilige Gestalt ist "von der Tagesform abhängig", wie Bertram schreibt. Und so, wie man das Buch auf das Frauenthema festnageln könnte, müsste man es im Regal eigentlich zwischen Brehms Tierleben und Edgar Allen Poe stellen - wandelt sich Nadine im Zuge der Geschichte doch auch zur Ratte und zum Raben. Vors Regal stelle man vielleicht noch eine Marihuana-Pflanze...

Das mutet merkwürdig an, wäre da nicht Bertrams fröhliche Wortwut, die wie ein Mixer auf höchster Stufe all das zu Bildern vermischt, was alle kennen und manche lieben: Douglas Adams, Franz Kafka, Björk etc.. Ob Popkultur, Hochkultur oder Musik, die Autorin macht vor nichts Halt - und das ist auch gut so, denn ohne dieses unterhaltsame Kaleidoskop aus Zitaten und Referenzen wäre das Buch nur verstörend. Nadine in Rattenform könnte von ihrem Bruder nicht scherzhaft-kafkaesk "Georg" genannt werden und man könnte sich nicht über das "Facehugger-Alien" freuen, das mit charmanter Selbstverständlichkeit in die Phantastereien der Handlung eingebaut wird.

Autorin Bertram: Zwischen Brehms Tierleben und Edgar Allan Poe
Eichborn Verlag

Autorin Bertram: Zwischen Brehms Tierleben und Edgar Allan Poe

Wenig Berührungsängste gab es folglich bezüglich des Internets. Schließlich ist Bertram Mitglied des Chaos Computer Clubs, der "friedlichen Vereinigung inter-galaktischer Lebewesen", wie sie es nennt. Unter www.kahunamodus.de finden sich gleich zwei von Bertram selbst entworfene Spiele: Im MUD (Multi-User-Dungeons) kann sich der Benutzer einfinden, um in einem erweiterten Chat-System in die Welt des "Kahuna Modus" einzutauchen. Das zweite Spiel, ein Text-Adventure, ist ebenso an das Buch angelehnt, man betritt dort aber als Nadine den Roman. Ein bisschen umdenken muss man hier schon: Anstatt wie gewohnt zur Maus zu greifen, gilt es, die Befehle per Tastatur einzugeben. Ein echter Anachronismus, der anstrengend ist, aber Vorzüge in sich birgt.

Denn gerade auf Grund dieser antiquierten Spielart ergeben sich unvermutete Begebenheiten: Tippt man beispielsweise "get love" ein, kann auch der Hinweis erscheinen, man könne nicht mehr als sechs Gegenstände zugleich aufnehmen. Das ist zwar ein technischer Zufall, man stutzt aber trotzdem, denn mit Nika Bertrams Humor ist nicht zu scherzen. Er lauert praktisch hinter jeder Ecke, wie bei der Beschreibung der Hölle, in der Bret Easton Ellis' Psycho-Killer Patrick Bateman ewiglich über Britney Spears und Christina Aguilera schwefelt. Töten darf man ihn jedoch nicht, seine Kettensäge ist immer das stärkere Argument.

Ist das Spiel dann ausgespielt und das Buch beiseite gelegt, bleibt die Frage, ob man sich gerade eine neo-feministische Vision, eine philosophische Studie über Realität oder eine Abhandlung über kulturelle Identität zu Gemüte geführt hat. Wahrscheinlich alles in einem. Aber man muss auch nicht zwingend ins tiefe Sinnieren geraten, es reicht schon, kurz zu überlegen, wie man sich ein mit fraktalen Endivienblättern garniertes Kahuna Sandwich zubereiten kann.

Nika Bertram: "Der Kahuna Modus" (Eichborn Berlin 2001); 332 Seiten; 39,90 Mark

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