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Porträtbuch "Der König der Favelas": Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses

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Drogenboss Nem: Kokain boomte, die Mordrate sank Fotos
AP

Er war der berühmteste Drogenboss Rio de Janeiros: Sieben Jahre lang hielt das Netzwerk des Mannes, den sie Nem nennen. Wie schaffte er das? Antworten findet der Brite Misha Glenny in einer beeindruckenden Studie.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 2011 erlebte Rio de Janeiro seinen O.J.-Simpson-Moment. TV-Hubschrauber kreisten über der Stadt, wollten einfangen, was auf den Straßen passierte: die Verhaftung von Antônio Francisco Bonfim Lopes, Spitzname Nem, einer der meistgesuchten Verbrecher Brasiliens. Sieben Jahre lang war er der Herrscher über Rocinha, organisierte den Drogenhandel in dieser Favela, in der etwa 120.000 Menschen leben.

Mit einer Szene wie aus einem Action-Thriller eröffnet Misha Glenny sein Buch über die Geschichte Nems. Während der Drogenboss, im Kofferraum des Toyota Corolla seiner Anwälte versteckt, die Stadt verlassen will, streiten sich die drei Polizeieinheiten Rios darum, wer die Verhaftung durchführen darf.

Kurz nach Mitternacht ist es soweit: Nach einer mehrstündigen Irrfahrt wird der Toyota gestoppt, Nem in Handschellen gelegt. Ein Triumph für den Staat, der Stärke demonstriert. Auch gegenüber der internationalen Öffentlichkeit, die skeptisch auf das von immer neuen Gewaltwellen erschütterte Land blickt, in dem in den folgenden Jahren zunächst die Fußball-Weltmeisterschaft und dann die Olympischen Sommerspiele stattfinden sollen.

Aber kann diese Verhaftung wirklich eine Wende zum Besseren einleiten? Rio ist seit einem Vierteljahrhundert im Würgegriff eines Netzwerks, zu dem "Politiker, Drogenhändler, Anwälte, evangelikale Priester und nicht zuletzt die Polizei" gehören, schreibt Misha Glenny in "Der König der Favelas". Die Frage sei nur: "Ist Nem die Spinne oder die Fliege?" Leicht macht er es sich auf der Suche nach einer Antwort nicht.

Die organisierte Kriminalität ist das Lebensthema des britischen Journalisten Misha Glenny. In seinem Buch "McMafia. Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens" untersuchte er die weltumspannende Ausbreitung mafiöser Strukturen, in "CyberCrime: Kriminalität und Krieg im digitalen Zeitalter" zeigte er, wie Kriminelle sich des Internets bemächtigen.

Porträt eines außergewöhnlichen Kriminellen

Warum sich Glenny jetzt mit "Der König der Favelas" eines vergleichsweise lokalen Phänomens angenommen hat? Das mag mit den bevorstehenden Olympischen Sommerspielen zu tun haben und mit der medialen Aufmerksamkeit, die erneut auf Brasilien und Rio de Janeiro liegen wird.

Vor allem aber, sagt Glenny im Telefonat mit SPIEGEL ONLINE, hat ihn seine Hauptfigur fasziniert: "Während ein normaler Favela-Boss nach höchstens eineinhalb Jahren entweder tot oder im Gefängnis ist, hat Nem fast zehn Jahre durchgehalten. Außerdem ist er erst relativ spät kriminell geworden, und das nur, weil er Geld für eine Operation seiner schwerkranken Tochter brauchte."

Mehr als zwei Jahre recherchierte Glenny für sein Buch, lernte Portugiesisch, um zahllose Gespräche mit Nems ehemaligen Weggefährten führen zu können, aber auch mit Polizisten und Politikern. Drei Monate lebte er in Rocinha, um zu verstehen, wie das Leben in der Favela wirklich funktioniert. Vor allem aber basiert sein Buch auf zehn etwa dreistündigen Gesprächen, die er mit Nem im Hochsicherheitsgefängnis von Campo Grande führen konnte.

Das Ergebnis beeindruckt: Glenny gelingt das Porträt eines außergewöhnlichen Kriminellen, der in einer der "ungerechtesten Gesellschaften der ganzen Welt", die von Verbrechen und institutionalisierter Korruption durchdrungen ist, seinen ganz eigenen Weg findet. Und, zum Glück: So reißerisch, wie es Cover und Untertitel der deutschen Ausgabe ("Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption") befürchten lassen, erzählt er seine Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsterkönigs keineswegs.

"Der König der Favelas" gerät ihm nicht zum spekulativen "Scarface"-Drama, stattdessen bemüht Glenny sich um Ausgewogenheit. Er beschreibt nüchtern, was er gesehen und gehört hat. Über Rocinha, die Favela, deren labyrinthisches Gassengewimmel und quietschbunte Billighütten sich in einen der vielen Hügel Rios fressen und in der bis zu 60 Prozent des in der Stadt konsumierten Kokains umgesetzt werden. Über die Polizei, die für Ordnung sorgen soll, aber sich entweder von den Gangs bezahlen lässt oder gleich selbst die kriminellen Geschäfte übernimmt. Und über Nem, den Gangster, über den Glenny immer wieder hört, er habe "in Rocinha für Ruhe und Frieden" gesorgt, und der über sich selbst sagt, vor allem sei es ihm darum gegangen, "die Morde und die Gewalt in Rohinha einzudämmen".

"Unter Nem war Rocinha keine besonders gefährliche Gegend"

Nem, schreibt Glenny, sei zwar "kein Vorbild, aber er ist auch nicht der Teufel". Unter seiner Herrschaft sei die Mordrate in Rocinha tatsächlich massiv gesunken. Er habe das Viertel zu einer Art Marke gemacht: Jungs aus der Mittelschicht kauften hier ihr Kokain, weil sie kaum Angst vor Gewalt haben mussten und an jeder Ecke Partys gefeiert wurden; die Rocinhaner waren froh, dass die Polizisten von den Dealern bezahlt wurden und nicht mehr regelmäßig in ihre ohnehin leeren Taschen griffen.

"Unter Nem war Rocinha keine besonders gefährliche Gegend", bestätigt José Mariano Beltrame, Rios oberster Sicherheitschef. Er hat momentan die unmöglich scheinende Aufgabe, die Stadt, die zuletzt immer wieder negative Schlagzeilen machte, bis zu den Olympischen Spielen weitgehend sicher zu machen.

Das System Nem beruhte auf drei Säulen, analysiert Glenny: Zum einen natürlich auf "Waffen und einem Gewaltmonopol", auf Abschreckung und Bestrafung. Zum anderen auf Korruption: "Sämtliche Polizisten des zuständigen Reviers der Polícia Militar wurden von ihm bestens bezahlt", sagt Glenny. Und dann versorgte Nem die Bewohner von Rocinha "mit existenziellen Dingen wie Lebensmitteln, Medikamenten und Darlehen".

Das klingt ein wenig nach Robin-Hood-Romantik, aber, so Glenny, Nem ist zwar ein Verbrecher, aber kein gewissenloser Psychopath wie viele andere Favela-Bosse: "Nem hat immerhin versucht, sich moralisch zu verhalten, in einer Gesellschaft, in der Moral kaum einen Stellenwert hat." Außerdem habe ihm das Wohl des Viertels, in dem er selbst aufgewachsen ist, wirklich am Herzen gelegen.

Von nachhaltigem Erfolg gekrönt waren Nems Bemühungen allerdings nicht. Unmittelbar nach seiner Verhaftung begann die Polizei mit der sogenannten Pazifikation Rocinhas - doch seitdem die Einsatzkräfte sich, auch als Folge der sich drastisch verschlechternden wirtschaftlichen Situation Brasiliens, weitgehend zurückziehen mussten, ist die Gewalt zurück in der Favela.

Misha Glenny gelingt mit "Der König der Favelas" zwar die ambivalente und realistische Studie eines Gangsterlebens. Letztlich scheitert er aber an der Beantwortung seiner Ausgangsfrage nach der Fliege und der Spinne: Das Netz der Korruption, in dem auch Nem, der Herrscher über Rocinha, zappelt, vermag er nicht wirklich zu durchdringen.

Vielleicht hätte er mal ins Kino gehen sollen: In "Elite Squad - Im Sumpf der Korruption", der Fortsetzung des Berlinale-Siegers 2008 "Tropa de Elite", die zum erfolgreichsten Film der brasilianischen Kinogeschichte wurde. Darin zeigt "Narcos"-Regisseur José Padilha, dass Gangster, Polizisten und Politiker allesamt nur Fliegen sind. Die Spinne, das ist das System selbst. Und das kennt keinen König.

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