Biografie "Der Mönch von Mokka" Von der Liebe zum Kaffee inmitten der Bomben

Bestsellerautor Dave Eggers erzählt in "Der Mönch von Mokka" den amerikanischen Traum neu - bloß, dass Einwanderer Mokhtar im kriegsgebeutelten Jemen einen Export aufziehen möchte.

Mokhtar Alkhanshali prüft Kaffeebohnen
Port of Mokha

Mokhtar Alkhanshali prüft Kaffeebohnen


Wenn er einschläft, weiß Mokhtar nie, ob er wieder aufwacht. Mal brennt die Nachbarschaft, mal fliegen im Morgengrauen Bomben, mal zücken die Angehörigen verschiedener Stämme im Streit ihre AK-47-Gewehre.

Obwohl seine Eltern, seine Freunde, seine Geschäftspartner, alle eigentlich, Mokhtar beschworen haben, Kalifornien nicht zu verlassen, ist er in den Jemen geflogen. Und damit in den Krieg. Was auf den ersten Blick lebensmüde wirkt, entpuppt sich auf den zweiten als Hingabe. Denn was Mokhtar am Leben hält, ist der Glaube an seinen Plan: die besten Kaffeebohnen der Welt finden. Bloß, dass das auch ohne Krieg keine leichte Aufgabe wäre.

Kaffeeanbau im Jemen
Getty Images

Kaffeeanbau im Jemen

Wer sich mit Kaffee auskennt, der wird sich bereits gewundert haben: Brasilien, Vietnam, Äthiopien und Indien gelten als große Kaffeeexporteure - nicht etwa der Jemen. Obwohl in dem Land einer Legende nach die ersten Kaffeebohnen geröstet worden sein sollen, ist das Land nicht mal Kaffee-Experten bekannt, erst recht nicht für den besten der Welt. Das will Mokhtar unbedingt ändern - obwohl er selbst kaum eine Tasse getrunken hat.

Es kann also nicht das Faible für Koffein sein, das ihn berauscht. "Das Einzige, was die Welt heute über den Jemen wusste, hatte mit Terrorismus und Drohnen zu tun", sagt er. Bedauern umweht jedes Wort. Mokhtar will das ändern, das ist der Motor seines Handels.

Autor Dave Eggers
Tom Pilston/ Panos Pictures/ VISUM

Autor Dave Eggers

Was der US-Schriftsteller Dave Eggers in "Der Mönch von Mokka" beschreibt, fußt auf einer wahren Geschichte. Deshalb sei das Buch kein Roman, klärt der Autor gleich auf den ersten Seiten auf. Es ist ein Mix aus Porträt, Sachbuch und Kampfschrift für humanistischen Unternehmergeist.

Denn Mokhtar Alkhanshali, der T-Shirts mit dem Aufdruck "Make Coffee not war" trägt und die Haare gegelt, ist kein egofixierter Silicon-Valley-Gründer, der für ein Start-up sein Leben riskiert. Sondern jemand, der die Welt verbessern will - und damit auch sein eigenes Leben. Eggers hat ihn über drei Jahre hinweg etwa hundert Stunden interviewt, er ist seinen Spuren nach Dschibuti gefolgt, nach Harar und in entlegene Bergregionen des Jemen.

Mokhtar Alkhanshali
Port of Mokha

Mokhtar Alkhanshali

Der neoliberale, traurige Kern des "American Dream"

Was er daraus destilliert hat, könnte der Prototyp des "American Dream" sein. Bloß dass Mokhtar seinen Traum eben nicht in Amerika verwirklicht. Und gläubiger Muslim ist. Dass Eggers das Buch 2018 auf den Markt bringt, ist natürlich ein Signal. US-Präsident Trumps Worte über den "Muslim Ban", das Einreiseverbot für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern, darunter auch der Jemen, dröhnen einem in den Ohren, wenn man die Seiten umschlägt. Eggers, so scheint's, wollte dem Präsidenten mit dieser Geschichte beweisen, wie falsch er mit der Hatz gegen muslimische Migranten handelt.

Dass die Geschichte etwas langatmig daherkommt und man gelegentlich das Gefühl hat, einen Wikipedia-Eintrag über Kaffeeproduktion zu lesen oder die aktivistische Pressemitteilung einer Non-Profit-Organisation, kann man verzeihen. Auch dass einige Figuren ohne erkennbaren Grund eingeführt werden und schließlich zwischen den Seiten verschwinden, mag man überlesen oder Eggers' Prinzip zuschreiben, Mokhtars Geschichte nicht zu fiktionalisieren. Dass man weiterliest, liegt an Mokhtar, dem Inbegriff eines Underdogs, und seinem Himmelfahrtskommando.

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Dave Eggers:
Der Mönch von Mokka

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Kiepenheuer&Witsch, 384 Seiten, 22 Euro

In Eggers Interpretation wird seine Reise zur Coming-of-Age-Geschichte. Denn bevor Mokhtar in Sanaa vor den Bomben flieht, langweilt er sich als Portier eines noblen Wolkenkratzers in San Francisco. Der junge Erwachsene aus einem Problemviertel hat keine Perspektive, bloß Schulden. Je mehr er jedoch über die Heimat seiner Eltern und Großeltern erfährt und über die jemenitische Kaffeekultur, die in Vergessenheit geriet, desto mehr elektrisiert sie ihn. Genau das macht die Geschichte so lesenswert. Sie ist der bessere "American Dream".

Kaffeekultur im Jemen
Port of Mokha

Kaffeekultur im Jemen

Denn sie zeigt dessen neoliberalen, traurigen Kern: Wenn du es zu etwas bringen und das Dasein von anderen verbessern willst, das der in Armut lebenden Kaffeebauern zum Beispiel, bist du auf dich allein gestellt. Für Mokhtar gibt es weder Fördermittel noch Hilfen. Es gibt nur seinen Plan. Wo bereits Überleben eine Herausforderung ist, wird das Vorhaben mehr und mehr zur Unmöglichkeit.

Bis zum Schluss bleibt es spannend. Ob er im Jemen zerrieben wird zwischen Qaida-Terroristen, Huthi-Rebellen, Piraten und korrupten Politikern. Oder ob er unversehrt hinausgelangt, mit seinem Traum und Hunderten Kilo Kaffeebohnen.



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