Sensations-Autor Ahmad: "Das ist Müll", sagte Helga

Von , Islamabad

Wie kommt ein Autor zu Ruhm? Mit 81 Jahren? Als Neuling? Aus Pakistan? Das ist fast unmöglich, richtig. Aber wenn man über eine sehr rätselhafte Welt schreibt, steigen die Chancen. Und das tun sie erst recht, wenn man mit Helga aus Bayern verheiratet ist. Die märchenhafte Story des Jamil Ahmad.

Jamil Ahmad: Mit 81 Jahren zu Weltruhm Fotos
Hasnain Kazim

Plötzlich ist Jamil Ahmad, 81, so eine Art Star-Schreiber. Dabei kann er keinen Computer bedienen, keine E-Mails verfassen, tritt nicht im Fernsehen auf, und wenn man ihn fragt, wie das gekommen ist mit seinem Aufstieg zum weltweit beachteten Autor, sagt er, er habe ja bloß ein paar Geschichten aufgeschrieben, per Hand, auf Papier, ganz einfach. Allerdings vor Jahrzehnten schon.

Der Weg, der Jamil Ahmad nach oben führte, war also weit - und ungeplant. Denn das Buch, das Ende Februar auf Deutsch unter dem Titel "Der Weg des Falken" (Hoffmann und Campe) erscheint, lag in einer Schublade, seine Frau Helga, eine Deutsche, hatte das Manuskript dort aufbewahrt, fast 40 Jahre lang.

Und heute? Loben Journalisten aus aller Welt Ahmads berührende Sprache und seine präzisen Beschreibungen einer nahezu unbekannten Region: die pakistanischen Stammesgebiete. Sein Buch war für den "Man Asian"-Literaturpreis nominiert, der 81-jährige Debütant konkurrierte da plötzlich mit Größen wie Haruki Murakami und Amitav Ghosh. Und für den wichtigsten südasiatischen Literaturpreis, den "DSC Prize for South Asian Literature".

Wenn es seine Gesundheit zulässt, will Ahmad zu Lesungen reisen. Eine einmalige Chance, denn weitere Bücher will er ja nicht schreiben. Einen Auftritt im März in Deutschland musste er allerdings aus gesundheitlichen Gründen schon absagen.

Jamil Ahmad empfängt in seinem Haus in Islamabad. Im Wohnzimmer riecht es nach gebackenen Äpfeln, Helga Ahmad bereitet sie zu, während ihr Mann erzählt - "der Autor", wie sie ihn liebevoll nennt, aber auch, um ihn aufzuziehen. Der Autor selbst wirkt bescheiden, zurückhaltend. "Niemand wollte das damals, Anfang der Siebziger, veröffentlichen", erinnert er sich. "Ein paar Verlage schlugen vor, ich sollte eine modernere Sprache wählen. Aber in den pakistanischen Stammesgebieten spricht man nun einmal nicht modern. Ich wurde auch gefragt, ob ich nicht lieber ein Sachbuch versuchen wolle. Aber als Beamter gehört es sich nicht, über Arbeitsdinge zu schreiben. Also hielt ich mich an Fiktion." Und die blieb unveröffentlicht.

Freiwillig in die Wildnis

Vor ein paar Jahren hörte dann sein Bruder im Radio von einem Kurzgeschichtenwettbewerb. "Er drängte mich, die Texte einzureichen." Ahmad las sein Manuskript nach langer Zeit wieder, überarbeitete es - und schickte es komplett ein. Die Veranstalter, eine Buchhändlerin und eine Kolumnistin, wussten, dass sie etwas Seltenes in den Händen hielten: Literatur aus den Stammesgebieten, die sonst nur in der Terrorberichterstattung auftauchen. Sie sorgten dafür, dass Lektoren vom renommierten Penguin-Verlag den Text lasen.

Jahrelang lebte die Familie Ahmad in entlegenen Regionen Pakistans, entlang der Grenze zu Iran und Pakistan. Heute gelten sie als Rückzugsgebiete von Extremisten, in Teilen davon führen die USA ihren Drohnenkrieg. "Undenkbar, dass heute ein Mann mit seiner ausländischen Frau und den Kindern dort lebt", sagt Helga Ahmad. "Damals war ich manchmal zwei Wochen alleine mit den Kindern, während mein Mann beruflich unterwegs war."

Jamil Ahmad wurde 1931 in der Provinz Punjab geboren, zu jener Zeit Britisch-Indien. In seinem Pass steht als Geburtsjahr 1933, seine Mutter hat ihn, wie in Südasien üblich, jünger gemacht, weshalb in manchen Zeitungsartikeln steht, er sei 79 Jahre alt. Als junger Mann entschied er sich für eine Laufbahn in der Verwaltung. "Nach dem Studium in Lahore, 1954, mussten wir sagen, wo wir eingesetzt werden wollen", erinnert er sich. "Ich wollte unbedingt in die Stammesgebiete. Die haben mich schon immer fasziniert." Die Regierung war froh, dass ihr jemand freiwillig fernab der Zivilisation dienen wollte. "So lernte ich Paschtu und setzte mich mit der Stammeskultur auseinander."

Stammeskriege - und Stammesrecht

Ahmad stieg schnell auf in der Beamtenhierarchie. Anfang der siebziger Jahre wurde er der politische Vertreter der Regierung im Swat-Tal. "Dort begegnete ich einem amerikanischen Dichter, der durch die Gegend reiste", erzählt er. Der Mann inspirierte ihn. "Anstatt Scrabble oder Schach zu spielen, begann ich zu schreiben." Jamil Ahmad versuchte sich an Gedichten. "Aber meine Frau sagte mir: 'Das ist Müll.'"

Helga Ahmad schlug vor, er solle über seine geliebten Stammesgebiete schreiben. Und so entstanden die Geschichten über Liebe und Hass, über Ehrverletzung und Rache, Glaube und Sinn: Die Tochter eines Stammesältesten, verheiratet mit einem Impotenten, brennt mit einem Bediensteten ihres Vaters durch und findet Unterschlupf in einem Fort. Jahre später spüren Männer des Stammes das Paar, inzwischen Eltern eines Jungen, auf - und töten es. Der Sohn überlebt wie durch ein Wunder und wird der "wandernde Falke", der dem Buch den Titel gibt. Jede Geschichte steht für sich, und doch hängen sie alle zusammen.

Es ist eine archaische Welt, die Ahmad beschreibt, brutal und gnadenlos. Und doch blickt er voller Zuneigung darauf. "In ihren Herzen sind diese Leute gut", sagt Ahmad. Seine Geschichten lesen sich auch als Kritik an Versuchen, die Menschen dort zu bändigen, in moderne Systeme zu pressen, sie zu "zivilisieren". "Das ist eine äußerst gut funktionierende Gesellschaft", sagt Ahmad. Es gehe auch immer um Würde und Respekt, jedenfalls damals, vor den Taliban und al-Qaida.

"Sein Ego ist explodiert!"

Also berichten die Geschichten auch von Zusammenstößen zwischen Stämmen und der Durchsetzung von Stammesrecht. Ahmads Zuneigung für die einfachen Menschen ist dabei immer wieder spürbar. So beschreibt er, wie eine Frau, Gul Jana, glaubt, ein über dem Kopf gehaltener Koran könne sie vor Geschossen schützen. Doch auch sie wird gemeinsam mit anderen Frauen, mit Kindern, mit Männern und einer Kamelherde von einer Salve aus Maschinenpistolen getötet: "Mit ihnen starb auch Gul Janas Glaube, der Koran könnte eine Tragödie verhindern", heißt es in einer Geschichte.

Ahmad wirkt müde, er greift nach einer Schachtel Zigaretten, steht auf und geht nach draußen. "Meine erste Zigarette hatte ich mit elf", sagt er. "Jetzt macht es keinen Sinn mehr, ans Aufhören zu denken." Er habe mehrere Operationen hinter sich, er fühle sich aber "ganz okay". "Es ist eine unglaubliche Zeit, die ich erlebe."

Seine Frau Helga sieht das ähnlich, in etwa jedenfalls. "Sein Ego ist geradezu explodiert", sagt sie und lacht. Sie haben sich in London kennengelernt, der gut aussehende Mann aus Pakistan und die junge Frau aus Traunstein, die der Not nach dem Zweiten Weltkrieg entkommen wollte. "Ich folgte ihm", sagt sie.

Inzwischen lebt Helga seit bald 60 Jahren dort und spricht Urdu mit oberbayerischem Akzent. Es war sie, die Ahmads Kurzgeschichten damals auf einer aus Deutschland mitgebrachten Schreibmaschine abgetippt und über all die Jahre dafür gesorgt hat, dass das Manuskript nicht verloren geht. "Ich habe es bewacht wie eine Henne ihr Ei", sagt sie. "Wenigstens unsere Enkel sollten es lesen."

Nun liest es die ganze Welt. Das Original auf Englisch erschien zunächst in Südasien, dann in England und in den USA. Neben der deutschen Ausgabe sind Fassungen auf Französisch, Spanisch, Schwedisch, Italienisch, Serbisch und Polnisch in Arbeit. Die norwegische Version liegt neben den Apfelringen auf dem Wohnzimmertisch von Jamil Ahmad, und er freut sich darüber, dass er sein eigenes Werk nicht verstehen kann.

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1. Werde mir das Buch besorgen
noalk 03.02.2013
Plötzlich ist Jamil Ahmad, 81, so eine Art Star-Schreiber. "Dabei kann er keinen Computer bedienen, keine E-Mails verfassen, tritt nicht im Fernsehen auf ...". ---Zitatende --- Das ist eben die Voraussetzung, um gute Literatur zu schreiben.
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