Roman "Der Platz an der Sonne" Wenn Europäer zu Flüchtlingen werden

Aus den Slums der Neuen Preußischen Republik flieht die Hauptfigur ins wohlhabende Afrika: Christian Torkler präsentiert im Roman "Der Platz an der Sonne" ein Gedankenspiel zu Flucht und Migration.

Stadtansicht von Johannesburg
Getty Images

Stadtansicht von Johannesburg


In diesem Jahr scheint sich die Literatur von allen Realitäten abgekoppelt zu haben. Von Josefine Rieks' "Serverland" bis zu Helene Hegemanns "Bungalow", von Max Annas' "Finsterwalde" bis zu Julia von Lucadous "Hochhausspringerin": Überall werden Zeitenläufe verändert, wird dystopisch gedacht, eine gute Portion "Was wäre, wenn" in die Werke gepumpt.

"Der Platz an der Sonne" ist zwar ein Roman, dessen Handlung in den Siebzigerjahren beginnt, aber dennoch vertraut er einem ganz ähnlichen Prinzip. In dem knapp 600 Seiten dicken Buch entwirft der Debütant Christian Torkler, der selbst lange in Afrika gelebt hat, mit kühnen Federstrichen eine andere Geschichte nicht nur Deutschlands, sondern auch der Welt.

Körperliche Unversehrtheit nur im reichen Afrika

Die Kurzvariante: Nach dem Zweiten Weltkrieg folgen weitere Auseinandersetzungen zwischen Stalin und den Westmächten. Deutschland wird in verschiedene Kleinstaaten aufgeteilt, Berlin die Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik. Die Stadt gleicht nach vielen Kriegen einem Trümmerfeld, am Stadtrand wachsen die Slums.

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Christian Torkler:
Der Platz an der Sonne

Klett-Cotta, 592 Seiten, 25 Euro

Temporäre Erleichterung bringt nur Entwicklungshilfe aus Afrika - dem reichen Staatenbund, der das benachbarte Europa irgendwie am Leben hält. Größtenteils versickert diese Entwicklungshilfe in den Taschen der Eliten, die auch sonst gegen jede Moral handeln. Wer aufmuckt, verschwindet im Folterknast, politisches Tauwetter ist stets temporär, Demonstrationen werden brutal niedergeschlagen. Es gibt keinerlei Sicherheiten mehr.

In diesem Berlin schlägt sich Josua Brenner irgendwie durch. Zunächst als Kind, das in den Trümmern spielt. Später als Parkplatzwärter vorm noblen Café Kranzler, als Taxifahrer, als Gastronom, als Familienvater. Aber irgendwann gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht. Seine Familie zerbricht nach dem Tod des Sohnes, seine Bar wird abgefackelt, die Versicherung weigert sich, zu zahlen.

Brenner sucht sein Heil in der Flucht. Er möchte nach Afrika. Genauer: nach Matema, jene Stadt in Tansania, in die sein Schulfreund Roller schon vor Jahren entkam.

Hier beginnt der zweite Teil des Buches: Auf knapp 300 Seiten wird Brenners Odyssee geschildert, die über ein Jahr lang dauert und ihn durch die benachbarten Kleinstaaten, die Schweiz, Italien und Afrika führt. Viele, die ihn ein Stück begleiten, kommen ums Leben. Im Schneesturm in den Alpen, während der Zwangsarbeit in einem italienischen Schwefelwerk und der Mittelmeerpassage. Erst im reichen Afrika ist zumindest die körperliche Unversehrtheit garantiert. Oder?

"Der Platz an der Sonne" stellt die richtigen Fragen zur Zeit. Hat nicht jeder Recht auf ein kleines bisschen Glück, egal, in welchen politischen und sozialen Verhältnissen er lebt? Was tun, wenn dieses Glück nicht erreichbar ist? Und: Wie sehr verrohen Menschen, wenn man ihnen Macht über andere verleiht?

Torkler enthält sich allzu direkter Antworten. Aber er wirbt um Verständnis und Empathie, denn die zentrale Aussage des Buches lautet ja: Migration ist kein exklusiv afrikanisches Thema. Die Richtungen der aktuellen Flüchtlingsströme sind Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen, für die die Betroffenen keinerlei Verantwortung tragen. Es hätte auch uns treffen können.

Keine Dichter und Denker mehr

Doch leider hat Torkler für seinen Protagonisten eine Sprache erarbeitet, die bisweilen schwer auszuhalten ist. Latent berlinernd, in Sachen Wortwahl und Ausdrucksweise einfältig und keine Phrase auslassend, dazu immer wieder frömmelnd.

Christian Torkler
Annette Hauschild/ Ostkreuz

Christian Torkler

Wo der Autor damit hinmöchte, ist klar: Ein Land, in dem seit den Dreißigerjahren Not und Elend herrscht, in dem erst Dekaden lang Kriege wüteten und dann eine Diktatur von der nächsten abgelöst wurde, bringt eben keine Dichter und Denker mehr hervor, sondern Menschen, die sich an den einfachsten Gedanken festklammern, die auf Sprichwörter zurückgreifen, weil die wenigstens die Idee einer Orientierung bieten.

Aber muss ein Buch, das so ein aktuelles Thema behandelt, nicht auch in seiner Sprache gegenwärtig sein? Plattitüden wie "Wir sind nur kleine Figuren in einem großen Spiel. Der eine hier, der andere dort. Der eine gewinnt, der andere verliert" oder "Glück ist wie ein gutes Essen. Das muss man genießen, wenn es auf dem Tisch steht. Denn vielleicht ist schon morgen Schmalhans Küchenmeister" machen es dem Leser ebenso schwer wie das häufige Einstreuen heute nicht mehr gebräuchlicher Begriffe wie "ausbaldowern". Und ob es wirklich nötig war, den Dialekt eines sächsischen Hilfskoches gnadenlos zu verschriftlichen?

Torkler lässt wenig Leerstellen, gibt dem Leser kaum die Möglichkeit, es sich selbst einzurichten in der eigentlich so spannenden Geschichte. Schade.

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