Berlin-Roman Lynchjustiz beim Latte Macchiato

Was ist noch unorigineller als ein Hipster? Hipster-Bashing. Dem Poetry-Slammer Julian Heun gelingt es in seinem Debütroman dennoch, dem Thema einen witzigen Twist zu geben.

Autor Heun: Meister der literarischen Kurzstrecke
Niclas Dietrich/ Rowohlt

Autor Heun: Meister der literarischen Kurzstrecke

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Wenn ein 100-Meter-Meister plötzlich im Marathon startet: Hat er dann eine Chance, vorne mitzulaufen? Wohl kaum. Aber das Ziel sollte er schon erreichen.

Der Berliner Literaturstudent Julian Heun, 23, hat in dieser Frühjahrssaison eine ähnliche Herausforderung gesucht: 2007 war er deutschsprachiger Meister im Poetry Slam, 2008 deutschsprachiger Vizemeister, 2009 Vierter bei der Weltmeisterschaft. Kurz: Heun ist ein Meister der literarischen Kurzstrecke, einer der bekanntesten Poetry Slammer Deutschlands. Nun hat er sich auf die Langstrecke gewagt und bei Rowohlt seinen ersten Roman vorgelegt: "Strawberry Fields Berlin". Ob er genug Puste hat für die 224 Seiten?

Heun schneidet die Erlebnisse und die Lebensgefühle von zwei jungen Männern gegeneinander: Der Berliner Boulevardjournalist Schüttler zieht Promis über den Tisch und manchmal auch ins Bett, um an seine Geschichten zu kommen. Der Aussteiger Robert folgt seiner großen Liebe in ein Hippie-Camp auf den indischen Andamanen. Recht schnell wird klar, dass Schüttler und Robert dieselbe Person sind, die der Autor nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens beobachtet. Schüttler und Robert stehen für zwei Lebensentwürfe: Schüttler ist der gewissenlose Karrierist, Robert der weltfremde Öko, Schüttler ist der coole Bescheidwisser, Robert der unsichere Romantiker. Klingt klischeehaft, und das ist es auch. Vermutlich soll es das sogar sein.

Ein Stil-Faschist fordert ästhetischen Terrorismus

Der Boulevardjournalist Schüttler ist ein Ästhetik-Blockwart, ein Stil-Faschist, der nichts so sehr hasst wie die Anhänger einer anderen Stil-Ideologie: die Hipster mit ihren Röhrenjeans, Feinripp-Shirts, Karohemden, Hornbrillen, Jutebeuteln. Sie sind für ihn "urbane Szeneaffen", "Trendbehinderte", "die hässliche Zerrfratze des postironischen Turboindividualismus", "ein Riesengeschwür", "der Götter dreckigste Rache an Berlin". Seine Schlussfolgerung: "Es ist Zeit für ästhetischen Terrorismus".

Nun gibt es im Jahr 2013 nicht viele Zeitgeist-Phänomene, die so sehr nerven wie Hipster. Aber das Hipster-Bashing gehört eindeutig dazu. Denn inzwischen ist es in Berlin, Hamburg, Köln noch unorigineller, über Hornbrillen zu lästern, als eine Hornbrille zu tragen. Dennoch gelingt es Heun, dem Thema einen witzigen Twist zu geben: Zunächst schießt der Boulevardjournalist Schüttler einzelne Hipster noch mit Sektkorken ab oder verspricht Kindern ein Eis, wenn sie einem Hipster in die Hacken treten. Dann erfindet er ein Flugblatt, auf dem vor einem Pädophilen in einem Berliner Szenebezirk gewarnt wird. Die Beschreibung des Mannes: 170 bis 185 Zentimeter groß, etwa 27 bis 40 Jahre alt, Röhrenjeans, Karohemd, Parka, Hornbrille, Schnauzbart. Das Ziel: Lynchjustiz beim Latte Macchiato.

Sätze für Lesungssäufer in der letzten Reihe

Der Roman ist amüsant, aber er ist manchmal etwas überorchestriert, zum Beispiel mit Adjektiven: Für den Poetry Slammer Heun ist ein Modeparfum "krätzig", eine Freundschaftspose "triefend", ein Kommerzhotel "teuer". Ach was. Den Inder im Flieger nach Indien lässt er das Sudokuspiel auf seinem Notebook nicht einfach angrinsen, er lässt ihn das Sudokuspiel "meditativ" angrinsen. Und macht so auch diese Figur zum Klischee.

Heun neigt dazu, zu dick aufzutragen, zu gewollt originell zu schreiben. So sind auch seine Vergleiche manchmal arg bemüht: Robert etwa fühlt sich in der Schwüle Indiens "wie ein Holzpflock in einem kochenden Teich". Nun ja, auf einem Poetry Slam erreicht solch ein Satz auch den Lesungssäufer in der letzten Reihe.

Heun gelingen sensationell gute Szenen, aber auf die gesamte Strecke gesehen sind das nicht mehr als Zwischensprints, bei denen er das Publikum kurz aufraunen lässt. Am Ende kommt er irgendwo im vorderen Mittelfeld ins Ziel: deutlich vor den meisten anderen Debütanten der Saison, die viel untrainierter sind als er, aber auch deutlich hinter den erfahrenen Vollprofis.

Seine erste Talentprobe dürfte sie dennoch aufhorchen lassen.


Julian Heun: Strawberry Fields Berlin. Rowohlt Berlin; 224 Seiten; 18,95 Euro.



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Karl_Lauer 29.04.2013
1. The Man They Loved To Hate
Zitat von sysopNiclas Dietrich/ RowohltWas ist noch unorigineller als ein Hipster? Hipster-Bashing. Dem Poetry Slammer Julian Heun gelingt es in seinem Debütroman dennoch, dem Thema einen witzigen Twist zu geben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-roman-strawberry-fields-berlin-von-julian-heun-a-896820.html
Okay, bei der Stelle mit dem Flugblatt musste ich losprusten und trockne mir jetzt den Latte aus dem Schnauzbart.
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