Roman "Das Leben ist groß": Vom Leben schachmatt gesetzt

Von Maren Keller

Jennifer DuDois: Wie lebt man mit Aussichtslosigkeit? Zur Großansicht
Ilana Panich-Linsman

Jennifer DuDois: Wie lebt man mit Aussichtslosigkeit?

Eine junge Frau erfährt, dass sie an einer unheilbaren Krankheit sterben wird und sucht Antworten bei einem russischen Schachweltmeister. Selten wurde so charmant und leicht von der Aussichtslosigkeit erzählt, wie in Jennifer DuBois' Debütroman "Das Leben ist groß".

Der Himmel war so bleich, als wäre ihm schlecht, an dem Tag, an dem Irina ihre Prognose erhält: 50 krankhaft wiederholte chromosomale Nukleotide, oder CAG-Tripletts, wie es in der Sprache der Mediziner heißt. Es heißt auch, dass sie Chorea Huntington bekommen wird, im Durchschnitt bricht die Krankheit bei Patienten mit Irinas Diagnose im 32. Lebensjahr aus. Irina ist an diesem Tag Mitte zwanzig. Sie übergibt sich danach erst in einer Durchfahrt und verfällt dann in eine Depression.

Sie weiß, was die Diagnose für ihr Leben bedeutet. Sie hat die Krankheit von ihrem Vater geerbt. Zu ihren frühen Kindheitserinnerungen gehört der Moment, in dem sie den brillanten, strategischen Vater zum ersten Mal im Schach besiegt, und er still am Tisch sitzen bleibt, während Irina auf Socken durch die Küche tanzt. Irinas Triumph war in Wahrheit das erste Anzeichen dafür, dass die Krankheit damit begonnen hatte, den Intellekt des Vaters zu vernichten und damit nicht mehr aufhören würde, bis er Jahre später an seinem eigenen Speichel erstickte.

Eine andere Kindheitserinnerung geht so: Irina ist krank und kann nicht schlafen. Sie schleicht in das Zimmers ihres Vaters, der fasziniert vor dem Fernsehgerät sitzt. Im Fernsehen: Die Schachweltmeisterschaft. Alexander Kimowitsch Besetow wird gewinnen, und ihr Vater sagt zu Irina: "Du kannst eine Menge erreichen, bevor du dreißig bist."

Schach. Tod. Demokratie.

Irina muss sich daran erinnert haben, nachdem sie ihre Diagnose bekam: "Wenn man sich dafür interessiert, was jemand in einer kurzen Lebensspanne erreichen kann, ist die Geschichte des Schachs eine Fundgrube. Sie handelt fast ausschließlich von Menschen, die kurz nach der Pubertät den Höhepunkt ihrer Karriere erreichten. Bobby Fischer natürlich, wobei seine Geschichte leider traurig ausging (mit Paranoia, Exil in Island und Antisemitismus), und Alexander Alexandrowitsch Aljechin, dessen Geschichte allerdings genauso böse endete (mit Alkoholismus, Ausfällen und noch mehr Antisemitismus). Und dann ist da noch Alexander Kimowitsch Besetow, der mit 19 Schachweltmeister der UdSSR und mit 22 Schachweltmeister war." Von den tragischen Seiten in Alexanders Geschichte erfährt Irina erst, als sie nach Russland fährt, um ihn zu suchen.

So begegnen sich diese beiden Figuren in Jennifer DuBois' Debüt-Roman "Das Leben ist groß", der im Original einen so viel schöneren und passenderen Titel trägt: "A partial history of lost causes" - eine unvollständige Geschichte aussichtsloser Fälle. Denn Irina liebt aussichtslose Fälle, und einer der größten beiden aussichtslosen Fälle in diesem Roman ist sie selbst. Der andere ist Alexander, der nach seiner Schach-Karriere in die Politik gewechselt ist und bei der russischen Präsidentenwahl kandidiert.

Jennifer DuBois selbst ist gerade einmal dreißig Jahre alt und ihr Debüt ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil sie sich nicht vor Größe und Pathos fürchtet. Schach. Tod. Demokratie. Ständig geht es um die ganz großen Dinge und vor allem um eine einzige Frage: Wie lebt man mit Aussichtslosigkeit? Denn das will Irina von Alexander erfahren. Dass der Roman trotzdem so charmant und teilweise sogar lustig geworden ist, liegt daran, dass die Figur der Irina so ziemlich das Gegenteil von pathetisch ist und der Antwort ausgerechnet dann am nächsten kommt, als sie den Zorn der russischen Politik auf sich zieht: "Und so ist es, wenn man von einem großen weißen Auto verfolgt wird: Es bleibt einem nichts übrig, als weiterzufahren, selbst wenn man weiß, dass es hinter einem her ist."


Jennifer DuBois: Das Leben ist groß. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder. Aufbau-Verlag, Berlin; 452 Seiten; 22,99 Euro.

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1. Alekhine war kein Antisemit
dg19de 26.03.2013
Immer wieder findet sich diese Behauptung, dass Alexander Alekhine (so schreibt man den Namen übrigens, sehr geehrter Verfasser) Antisemit war. Dies ist einfach nicht korrekt. Es gibt zwar einige judenfeindliche Texte, die ihm zugeschrieben werden, die seriöse Schachforschung ist sich aber weitgehend einig, dass diese nicht vom Weltmeister verfasst wurden. Ebenfalls eine grobe Verkürzung ist es, dem vierten Champion der Schachgeschichte Alkoholismus zuzuschreiben. Dies ist einer der hanebüchenen Erklärungsansätze für seine überraschende Niederlage im WM - Kampf 1935 gegen den Holländer Max Euwe. Vermisst habe ich ferner die deutlichen Anleihen an Garry Kasparow, dem Weltmeister von 1985 bis 2000. Er gewann den Titel mit 22 und ging, so wie die Figur im Roman, nach seinem Rückzug aus dem professionellen Schach im Jahr 2005 in die russische Politik. Es ist beschämend, welch niedriges Niveau diese Seite, die einmal meine Nachrichtenquelle Nummer eins war, mittlerweile erreicht hat. Nehmen Sie sich bitte ein Beispiel am Onlineauftritt der Süddeutschen und der Zeit, sehr geehrte SPON - Redaktion. Ihr ständiger Alarmismus, das elendige Polarisieren die zahlreichen Faktenfehler in Ihren Beiträgen sind extrem ärgerlich. Bis auf die erstklassigen Kolummnen und die sehr lustige Spam - Rubrik kann man Sie leider nicht mehr ernsthaft lesen.
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