Nathaniel Hawthornes 150. Todestag Buchstäblich am Pranger

Von seinem berühmtesten Roman "Der scharlachrote Buchstabe" bekam Nathaniel Hawthornes eigene Ehefrau Kopfschmerzen. Auch mehr als 160 Jahre nach Erscheinen lässt die Geschichte der Leserin und dem Leser den Atem stocken.

Corbis

Von


Nicht jeder Migräneanfall ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Eines aber wissen wir: Am 3. Februar 1850 hatte Sophia Hawthorne Kopfschmerzen. Wie in jeder guten Beziehung war es ihr Mann, der dafür verantwortlich war - und sich auch noch darüber freute: "Was für einen triumphalen Erfolg ich hatte!"

Nun wäre Nathaniel Hawthorne ein noch größeres Scheusal als so mancher der Männer, die er in seinen Büchern schildert, hätte er nicht wenigstens einen hehres Motiv gehabt. Es war Hawthornes soeben fertiggestelltes Manuskript zu "Der scharlachrote Buchstabe", das seine Frau derart aufgewühlt hatte, als er ihr daraus vorlas. "Ich brach ihr schier das Herz", so der Schriftsteller am folgenden Tag in einem Brief.

Vor 150 Jahren, am 19. Mai 1864, ist Nathaniel Hawthorne in Plymouth, New Hampshire gestorben. Sein berühmtester Roman gehört nicht nur zu den sogenannten Klassikern der Weltliteratur (was ja doch nur eine Beerdigung erster Klasse ist), sondern ist eines der Bücher des 19. Jahrhunderts, das man noch immer mit angehaltenem Atem liest.

Viele Romane jener Zeit mögen den heutigen Lesern fremd sein: ihres mitunter gravitätischen Erzähltempos wegen oder ihrer zum Teil operettenhaften Stoffe - besonders aber aufgrund ihrer verzopften Sprache. Auch "Der scharlachrote Buchstabe" wirkt zu Beginn fast wie ein typischer Roman seiner Zeit. In einem der Romanhandlung vorangestellten Kapitel schildert der Autor detailgenau und in einer gewissen sprachlichen Behäbigkeit die Szenerie eines neuenglischen Zollhauses.

Bereits in diesem, zur eigentlichen Geschichte hinführenden Abschnitt lässt Hawthorne in der Beschreibung seiner eigenen Zeitgenossen jene Charakterzüge aufscheinen, die auch für die Gesellschaft der Stadt Boston im Jahr 1642 entscheidend sind, dem Jahr in dem die Handlung des "scharlachroten Buchstabens" einsetzt: Engstirnigkeit, Selbstbezogenheit, die Ausgrenzung von Außenseitern.

Ein Schmuckstück als Schandmal

Dann aber leitet er über zu seiner Protagonistin Hester Prynne. Zu Beginn des Romans steht die großgewachsene, ihrer Situation zum Trotz noch immer elegant wirkende junge Frau am Pranger: Sie hat ein uneheliches Kind geboren, weigert sich aber preiszugeben, wer der Vater ist.

Prynne wird verurteilt, ein Abzeichen zu tragen: "Auf der Brust ihres Kleides kam, aus feinem roten Tuch, gesäumt mit aufwendiger Stickerei und phantastischen Verzierungen aus Goldfaden, der Buchstabe A zum Vorschein." Es ist ein Schandmal, auch wenn der Buchstabe zumindest auf den heutigen Betrachter nicht mehr so wirken würde: "Er war so kunstreich und mit so viel schöpferischer und hinreißend prächtiger Erfindungsgabe ausgeführt, dass er ganz wie ein passendes letztes Schmuckstück zu ihrer Kleidung wirkte."

Doch Schmuckstücke sind nicht vorgesehen in der Gemeinschaft, von der Hester Prynne ausgestoßen wurde: den puritanischen Siedlern Neuenglands. Hawthorne löst nicht auf, wofür Prynnes "A" steht. Naheliegend wäre "Adultery", Ehebruch - und doch ist in den Literaturwissenschaften später über zahlreiche andere Bedeutungsebenen diskutiert worden: von "Angel" bis "Art". Die Vieldeutigkeit dieser Spekulation spiegelt die Vielschichtigkeit der Darstellung Prynnes: Sie ist eben nicht bloß gefallene Sünderin, vom Geliebten Verlassene, sondern eine reizvolle, starke Persönlichkeit, die angesichts der Feindseligkeit ihrer Umgebung keineswegs zerbricht.

Noch viel beeindruckender ist Prynnes Tochter Pearl, ein eigenwilliges, wildes und phantasievolles Kind. Hawthorne vergleicht sie mit einem Vogel oder einem Kobold - eine der vielen mystischen Anspielungen in diesem sehr stimmungsvollen Buch, in dem der Fürst der Finsternis durch die Wälder Neuenglands reitet und Totenbeschwörer kaum verdeckt ihre Dienste anbieten.

Dies trägt zur Atmosphäre des "scharlachroten Buchstabens" ebenso bei wie die mitreißende Liebes- und Rachegeschichte, die sich nach wenigen Kapiteln entwickelt. Der Übersetzer Jürgen Brocan hat den Text neu ins Deutsche übertragen, nicht immer wählt er das naheliegende, geläufige Wort: So wird die Nachtwache bei ihm zur "Vigilie", der Samstag zum "Sabbat" - die Konstruktion von Hawthornes Roman allerdings bleibt von der Frage, ob man diese oder die Wortwahl einer der vielen anderen Übersetzungen bevorzugt, unberührt: In den letzten Kapiteln entwickelt sich ein geradezu filmischer, zunehmend verdichteter Spannungsbogen, den Hawthorne in einem erzählerischen Kunstgriff schließlich geschickt unterbricht, kurz vor dem entscheidenden Auftritt von Prynnes früherem Liebhaber, dem Vater von Pearl.

Die Männer sind die erbärmlichen Figuren dieses außerordentlichen Romans, sie sind es, die in der Pointe des Buchs auf der Strecke bleiben und im Nachhall der letzten Kapitel fast keine Rolle mehr spielen.

Doch so viel wir über die Kopfschmerzattacke von Sophia Hawthorne auch wissen, eines ist unbekannt geblieben: Ob es die Spannung war, die sie derart mitgenommen hat - oder die Erkenntnis, die ihr ihr eigener Mann über seine Geschlechtsgenossen vermittelt hat.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Luscinia007 19.05.2014
1.
Zitat von sysopCorbisVon seinem berühmtesten Roman "Der scharlachrote Buchstabe" bekam Nathaniel Hawthornes eigene Ehefrau Kopfschmerzen. Auch mehr als 160 Jahre nach Erscheinen lässt die Geschichte der Leserin und dem Leser den Atem stocken. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-scharlachrote-buchstabe-150-todestag-von-nathaniel-hawthorne-a-969812.html
Auch wenn sich viele Schreckbilder durchaus in einem Saal befinden können, schreibt sich das Scheusal (http://www.duden.de/rechtschreibung/Scheusal) immer noch mit einem "a".
Scheidungskind 19.05.2014
2. ...
Zitat von sysopCorbisVon seinem berühmtesten Roman "Der scharlachrote Buchstabe" bekam Nathaniel Hawthornes eigene Ehefrau Kopfschmerzen. Auch mehr als 160 Jahre nach Erscheinen lässt die Geschichte der Leserin und dem Leser den Atem stocken. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-scharlachrote-buchstabe-150-todestag-von-nathaniel-hawthorne-a-969812.html
Von einer neutralen Warte und im Hinblick darauf, was die so gescholtenen Puritaner langfristig erreicht haben, kann man diese Kritik an ihnen durchaus umdeuten in: Zielorientiert, ehrgeizig und um Zusammenhalt bemüht. Mal sehen, wie man das moderne Charakterbündel realitätsfremd, bequem und wurschtig - oder positver formuliert: Intellektuell, kritisch und tolerant - in ein paar Jahrhunderten beurteilen wird.
Ulfster 20.05.2014
3. @ Scheidungskind
Verstehe ich das richtig? Für Sie ist "kritisch" gleichbedeutend mit "bequem"? Ich frage mich ernstlich, in welcher Welt Sie aufgewachsen sind und heute noch leben ...
Scheidungskind 20.05.2014
4. ...
Zitat von UlfsterVerstehe ich das richtig? Für Sie ist "kritisch" gleichbedeutend mit "bequem"? Ich frage mich ernstlich, in welcher Welt Sie aufgewachsen sind und heute noch leben ...
Ich habe einfach oft die Erfahrung gemacht, dass Leute sinnvolle Veränderungen torpedieren, indem sie versuchen, moralisch zu argumentieren, statt konstruktiv. Das legt für mich den Schluß nahe, dass sie sich ihre Bequemlichkeit nicht eingestehen wollen und sich hinter vorgeschobenen populären Argumenten verstecken. Politikern oder Managern pauschal Größenwahn oder Narzissmus zu unterstellen ist so eine Taktik, ebenso mehr Geld für Bildung oder Soziales statt für Investitionen, die einem unlieb sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.