Kultur-Kampf: "SZ"-Kulturchef soll Schirrmacher-Krimi geschrieben haben

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Abrechnung unter Schöngeistern? Thomas Steinfeld, Chef des "SZ"-Feuilletons, soll in einem unter Pseudonym geschriebenen Krimi den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher zum Mordopfer gemacht haben. Das behauptet die "Welt". Die These hat das Zeug zum Skandal.

Krimi "Der Sturm": Racheakt unter Großkritikern? Fotos
DPA

Das Buch spielt in Schonen, der Heimat Wallanders, es trägt den Titel "Der Sturm", und der Autor nennt sich Per Johansson. Man könnte den am 23. August bei S. Fischer erscheinenden Roman vorschnell als einen weiteren Schweden-Krimi abtun: bestenfalls Urlaubslektüre. Sprächen nicht einige Indizien dafür, dass es sich bei "Der Sturm" keineswegs nur um einen Kriminalroman, sondern um einen ganz realen Krimi handelt - um einen Feuilletonkrimi in höchsten journalistischen Kreisen. Bei dem es vielleicht gar nicht um Mord geht. Sondern um Rufmord.

Das Opfer im Roman ist ein deutscher Journalist. Kein einfacher Redakteur, sondern ein, wie es in "Der Sturm" heißt, "mächtiger Mann - ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich. Er ist der Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird". Sein Name: Christian Meier.

Meier hat ein grausames Schicksal ereilt: "Da lag etwas, was einmal ein Mensch gewesen war, aber was nun zerteilt, auseinandergerissen und zerfetzt war, Knochen, Knorpel, Kleidungsreste. Nur die Schuhe schienen ganz erhalten zu sein."

Skandalträchtige Behauptung

Schuhe der vielsagend benannten Marke "Hutmacher". Nur einer von vielen Hinweisen, die, wie die "Welt" behauptet, belegen sollen, dass es sich bei Meier um keine rein fiktive Figur handelt, sondern um einen real existierenden Journalisten, der tatsächlich einer der wirkungsmächtigsten dieses Landes ist. Meier, so die "Welt", trage "unverkennbar Züge von Frank Schirrmacher", Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Richard Kämmerlings, der Verfasser des "Welt"-Artikels, hat selbst über Jahre bei der "FAZ" gearbeitet. Das könnte dafür sprechen, dass es ihm leichter fällt als dem durchschnittlichen Krimi-Rezensenten, hinter der Figur Meier seinen Ex-Chef Schirrmacher zu erkennen. Sollte Kämmerlings mit seiner Einschätzung richtig liegen, der Kulturbetrieb hätte sein Sommerlochthema gefunden.

Zu einem Literaturskandal allerdings, der an Sprengkraft fast an "Tod eines Kritikers", Martin Walsers in Krimi-Form gehaltene Abrechnung mit Marcel Reich-Ranicki, heranreichen könnte, würde "Der Sturm" dann, wenn sich auch Kämmerlings' zweite These als haltbar erweist. Hinter dem Namen Per Johansson, so der "Welt"-Kritiker, verberge sich in Wahrheit einer von Schirrmachers erbitterten Widersachern: Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung".

Unter der Gürtellinie

Kämmerlings nennt auch dafür nur Indizien. Er führt die Begeisterung Steinfelds für Bob Dylan an, dessen Musik auch im Buch eine Rolle spielt, und das für einen derartigen Krimi tatsächlich unübliche Coverzitat des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk, mit dem Steinfeld gut bekannt ist. Zudem pflegt der "SZ"-Feuilletonchef seit Jahrzehnten eine besondere Beziehung zu Schweden, veröffentlichte gar das Buch "Wallanders Landschaft - Eine Reise durch Schonen". Sein Verhältnis zu Schirrmacher gilt als angespannt, spätestens seit Steinfeld das "FAZ"-Feuilleton 2001 im Zuge größerer Verwerfungen gemeinsam mit einigen anderen Redakteuren verlassen hat und zur süddeutschen Konkurrenz gewechselt ist - ein Vorgang, der den Branchenklatsch bis heute befeuert.

Sollte das rechtfertigen, die Romanfigur Meier, die ja dann Schirrmacher wäre, mit einer Vielzahl von Verweisen, die zum Teil weit unter der Gürtellinie liegen, zu charakterisieren? Ihn als Chatroom-Gast mit einem Faible für sehr junge Frauen darzustellen, als Puffbesucher, als einen korrupten Typen, der seine Untergebenen quält und seine Ansichten wechselt, wann immer es ihm beliebt.

Dass es den Autor Per Johansson in Wirklichkeit gar nicht gibt, musste der Verlag S. Fischer bereits der "Welt" gegenüber einräumen. Was die wahre Identität des Verfassers von "Der Sturm" angeht, hüllt man sich weiter in Schweigen: "An den Spekulationen der 'Welt' um die Autorenschaft beteiligen wir uns nicht", sagte ein Verlagssprecher SPIEGEL ONLINE. Handlung und Personen des Buchs allerdings seien "rein fiktiv".

Bei der "SZ" scheint man bislang zu glauben, vom Wirbel um "Der Sturm" gar nicht betroffen zu sein. Eine Sprecherin der Südwestdeutschen Medien Holding, des Mehrheitseigners der "Süddeutschen Zeitung", erklärte auf Anfrage: "Da es sich bei diesem Thema nicht um eine Angelegenheit der 'Süddeutschen Zeitung' handelt, möchten wir hierzu auch kein Statement abgeben." Diese Einschätzung könnte sich allerdings dann als falsch erweisen, wenn aus dem Fall "Sturm" tatsächlich ein Fall Steinfeld würde und somit eine Angelegenheit seines Arbeitgebers. Könnte es sich die "Süddeutsche Zeitung" erlauben, dass einer ihrer leitenden Redakteure einen "FAZ"-Herausgeber in derartiger Form angreift?

Oder wird hier ein völlig Unschuldiger zu Unrecht verdächtigt? Wer möchte, könnte am Beispiel von Kämmerlings' "Sturm"-Thesen eine Vielzahl von Verschwörungstheorien entwickeln, die jetzt schon spannender sind, als es dieser Krimi jemals sein kann. Wird hier eine Spur zu Steinfeld gelegt, obwohl der mit dem Buch gar nichts zu tun hat? Haben wir es hier mit einer besonders geschickt orchestrierten PR-Kampagne zu tun?

Fest steht dabei nur eines: Im deutschen Feuilleton ist es schon eine gute Woche vor dem Erscheinen von "Der Sturm" mit der Ruhe zu Ende. Und das Opfer, das am Ende dieses publizistischen Unwetters auf der Strecke bleibt, muss keineswegs Christian Meier heißen.

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