Comic über Behindertendorf Der Umfall von Neuerkerode

Ein Meisterstück aus dem Nichts: Der Comickünstler Mikael Ross soll eine Festschrift für eine Pflege-Einrichtung zeichnen - und verwandelt einfallsreich sämtliche Handicaps in Vorteile.

Mikael Ross/ Avant

Von


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Man merkt es ungefähr auf Seite sechs oder sieben: Der kleine Noel, der mit seiner Mutter im Supermarkt einkauft und die Prinzessinnenpuppen anschaut und so viel Quatsch plärrt - dieser Noel ist gar nicht so klein. Der ist doch…, nee, oder? Der ist geistig behindert. Das ist jetzt nicht denen ihr Ernst, oder? Ein Comic über einen geistig Behinderten?

Und ziemlich genau in diesem Moment knallt Noels Mutter mit dem Kopf auf den Badezimmerboden, eine Blutlache breitet sich aus. Will man jetzt den panischen, hilflosen Noel allein lassen? Wie er sich erst zur Beruhigung einen Papierkorb über den Kopf zieht ("stülp"), am Telefon grade noch die 112 hinkriegt, um dann mit der Notrufzentrale mühsam die eigene Adresse zu enträtseln….

Das ist nur einer der geschickten Kunstgriffe, mit denen Mikael Ross einen erstaunlichen Comic inszeniert. Obwohl, erstaunlich ist zu wenig. Überraschend auch. Unglaublich ist das Mindeste, denn ich kenne keinen Comic der letzten zehn, ach: zwanzig Jahre, der ungünstigere Voraussetzungen hatte - und aus dem etwas ähnlich Großartiges geworden ist.

Hindernis eins: "Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum" - gähn! Hindernis zwei: Evangelischer Auftraggeber aus dem Sozialbereich - supergähn. Und Hindernis drei: geistig Behinderte. Zwei namhafte Comiczeichner haben das Projekt denn auch dankend abgelehnt. Der 34-jährige Berliner nicht - und er entpuppt sich als Glücksgriff, in absolut jeder Beziehung.

Noels Mutter wird gerettet, halbwegs, aber sie liegt im Koma. Und deshalb kommt Noel nach Neuerkerode: ein kleines Dorf bei Wolfenbüttel, gegründet für geistig Behinderte. Dort wohnt Noel zum ersten Mal in seinem Leben mit anderen Behinderten zusammen, Valentin, Alice, Gitta.

Fotostrecke

9  Bilder
Comic "Der Umfall": Rücksichtslos behindert

Was Ross hier leistet, kann man kaum hoch genug einschätzen: Der Leser, der sich gerade erst an Noel gewöhnt hat, kriegt hier gleich ein halbes Dutzend weitere Kandidaten desselben Kalibers geliefert. Ross macht das einzig Richtige: Er bremst nicht ab, er drückt aufs Tempo, rücksichtslos, wahrhaftig, lakonisch.

Rund zweieinhalb Jahre hat er an dem Comic gearbeitet, er hatte ein eigenes Apartment in Neuerkerode, das er immer wieder für drei oder vier Tage am Stück bezogen hat, um in diese eigenwillige Welt einzutauchen. "Du musst dich drauf einlassen", sagt er, "denn dort bist du total in der Minderheit. Dort bist du derjenige, der sich anpassen muss."

Diese andere Normalität lässt Ross ungezügelt auf den Leser los, und siehe da - der passt sich an. Man akzeptiert diesen eigenwilligen Kosmos, der irgendwie verzaubert ist: Nicht schön verzaubert, nicht hässlich verzaubert, aber verzaubert. Mit eigenen Worten, eigenen Bildern, eigenen Gesetzen, die unseren ziemlich ähnlich sind: Es gibt Liebe, Hass, Kummer, Angst, Neugier, Grübeln, aber nichts davon ist gedämpft, vieles sogar kindlich verstärkt.

"Man muss seine Figuren wirklich lieben"

Mikael Ross
privat

Mikael Ross

Mikael Ross hat das nicht nur exzellent beobachtet, er findet auch angemessene Bilder. Für Neuerkerode sowieso, das Schwimmbad, der Herbstwald, die Grünanlagen, der Tanznebel in der Diskothek, Stadtansichten und Regenlandschaften, das ist alles hübsch reduziert und inszeniert. Aber seine wahre Stärke ist der Umgang mit seinem Personal: Ross' Zeichnungen sind eine Mischung aus Karikatur und Hommage, aus spartanischer Trockenheit und sprühender Übertreibung in Bewegungen und Posen.

Was dadurch zusätzlich erschwert ist, weil seine Protagonisten alle keine Idealfiguren haben. Noel ist klein und dicklich, Valentin dünn und verspannt wie eine Schreibtischlampe, Penelope hat den Körper einer rumänischen Kugelstoßerin der Hochdopingzeit. Ross ist das egal, und Schmerzgrenzen ignoriert er sowieso: Noel hat sich in Penelope verliebt, aber die lässt ihn wegen Kevin abblitzen.

Als Noel danach einen weiteren Ex-Verehrer von ihr trifft, malen sie sich genüsslich gegenseitig absurd-garstige Höllenqualen für Kevin aus. Nein, sympathisch ist das nicht, aber von einer bizarren Komik - und authentisch: Es macht aus Noel einen echten Menschen. "Man muss seine Figuren wirklich lieben", sagt Ross, "man muss sie ernst nehmen, damit sie richtige Geschichten erleben können."

ANZEIGE
Mikael Ross:
Der Umfall

avant-verlag; 128 Seiten; 28,- Euro (gebunden)

Dass Ross sie aber auch erzählen kann, ist ein weiterer Glücksfall. Die Geschichten seiner bisherigen Comics "Totem" und "Lauter leben" lieferten ihm noch Szenaristen zu, "Der Umfall" zeigt, dass Ross auch die kleinen und großen Spannungsbögen beherrscht, nebst einigen kleinen Umleitungen. Unvorstellbar, dass der gebürtige Münchner immer noch nur semiprofessionell arbeitet: Der gelernte Kostümschneider näht noch immer für die Salzburger Festspiele. Der letzte Glücksfall allerdings ist der Auftraggeber.

Es gibt am Ende ein dreiseitiges Nachwort von der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Erst hier bemerkt man: Der Comic ist irgendwie offiziell und hatte einen Auftraggeber, der es offenbar fertiggebracht hat, Rücksichtnahmen und Bedenken über Bord zu werfen und sich dem Zeichner anzuvertrauen. Man kann zu dem Entschluss nur gratulieren.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chirug 20.10.2018
1. Genial
Sofort bestellt.
fredotorpedo 20.10.2018
2. Sehr schön
Schade, dass solch ein Beitrag bei SPon so unter ferner Liefen auftaucht. Das ist für mich uns „Deutsche“ interessanter und wichtiger, als Themen aus Saudi Arabien oder Afghanistan. Der Comic hat ein schwieriges Thema exzellent umgesetzt!!!
elisa1 20.10.2018
3. Meisterwerk?
Die Umsetzung einer solchen Thematik ist gutzuheißen, das abgebildete Comic als Meisterwerk zu bezeichnen allerdings peinlich. Jeden Achtklässler könnte man künstlerisch auf einem ähnlichen Niveau sehen. Sowohl, was die Dialoge betrifft, als auch, was die Zeichnungen anbelangt. Das ist gelinde gesagt nichts Besonderes. Dass Leute hier auch noch kundtun, das "Meisterwerk" sofort bestellen zu müssen, macht die Sache nicht besser. Ich könnte es verstehen, wenn man es täte, um die Sache zu unterstützen. Das Ganze allerdings der "Kunst" wegen haben zu wollen ...?
polemiak 20.10.2018
4. @elisa1
Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele Desjenigen, der sie betrachtet.
ikswolsok 20.10.2018
5. Was ist Kunst?
Dass Sie Meisterwerk in Anführungszeichen outet Sie als "Kunstbanausen". Was ist denn für Sie Kunst? Das was ein Abiturient malen kann? Oder erst der Promovierte. Mir gefällt auch nicht jedes Kunstwerk, aber ich habe Respekt vor dem Künstler! Im vorliegenden Fall hat der Künstler das Thema herausragend inszeniert. Ich habe lange in der "Branche" gearbeitet. Ich kaufe auch!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.