Geschichte eines Voyeurs Vollzogene Praktiken, erreichte Orgasmen, penibel dokumentiert

Gay Talese ist eine Legende des amerikanischen Reportage-Journalismus. In "Der Voyeur" erzählt er von einem Motel-Besitzer, der seine Gäste über Jahrzehnte beim Sex beobachtete. Was stimmt daran - und was nicht?

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In der Mitte des Buches finden sich ein paar farbige Doppelseiten mit Fotografien. Wir sehen Brief und Umschlag des ersten Schreibens, das Gerald Foos im Januar 1980 an Gay Talese adressierte, noch anonym und von einem Postfach aus, aber per Einschreiben mit Rückschein. Eine Postkarte des Manor-House-Motels ist abgebildet, sie stammt aus den Sechzigerjahren und zeigt eine kleine, aber durchaus ordentlich wirkende Herberge mit Blumenrabatten und Liegestühlen, "Refrigerated Air Cooled Units" steht auf einem Schild.

Wir sehen Foos mit seinen Eltern, die Mutter umarmt den etwas verkniffen wirkenden Mittdreißiger, obwohl: Eigentlich hält sie ihn eher fest. Das interessanteste Bild zeigt eine Tabelle, handgeschrieben auf gelbem Linienpapier: "Total Sex Acts Observed For Year 1966" lautet die Überschrift, und darunter sind akkurat verschiedenste Sex-Konstellationen notiert, samt dabei vollzogener Praktiken und erreichter bzw. nicht erreichter Orgasmen.

Aufzeichnungen über Alter, Körpertyp und Sexualverhalten

"Der Voyeur" ist ein Buch über einen ebensolchen: Gerald Foos erwarb Mitte der Sechzigerjahre ein Motel an der Colfax Avenue in Aurora, Colorado. Der "Playboy" bezeichnete die von Absteigen, Spelunken und Strichern gesäumte Meile einst als "längste und übelste Straße Amerikas".

Er wurde zum durchaus erfolgreichen Unternehmer, der Grund für den Kauf der Herberge war aber ausschließlich sein Interesse an der Sexualität anderer, die er durch manipulierte Belüftungsklappen aus einem mit viel Aufwand errichteten Kriechgang über den Zimmern beobachtete: "Fünfzehn Jahre lang habe ich auf diese Weise Studien betrieben. Von einem Großteil der beobachteten Personen habe ich präzise Aufzeichnungen angefertigt und aufschlussreiche Statistiken zusammengetragen, d.h. was getan und was gesagt wurde; die individuellen Merkmale der Menschen; Alter und Körpertyp; den Landesteil, aus dem sie kamen; sowie ihr Sexualverhalten", schreibt er 1980 schließlich an Talese, den er nicht ohne Grund ins Vertrauen zieht.

Gay Talese
Getty Images/ Elisabetta A. Villa

Gay Talese

Der heute 85-jährige Amerikaner, der als Mitbegründer des literarischen Journalismus gilt, hatte in den Monaten zuvor eine Reihe von Vorabdrucken seines Buches "Du sollst nicht begehren" in der US-Zeitschrift "Esquire" veröffentlicht und mit dieser umfangreichen Erklärung der sexuellen Revolution der Siebzigerjahre für erhebliches Aufsehen gesorgt. Noch vor Veröffentlichung des eigentlichen Buches verkaufte er die Filmrechte für die Rekordsumme von 2,5 Millionen Dollar. Foos sah in Talese einen Bruder im Geiste, begriff sich nicht als einer, der aus sexuellen Motiven heraus handelte, sondern als Forscher und Chronist.

In den folgenden Jahren schickte er Talese immer wieder seine Aufzeichnungen. "Ich war der Brieffreund des Voyeurs, sein Beichtvater womöglich, der Erfüllungsgehilfe eines geheimen Lebens, das nicht mehr ganz so geheim sein sollte", schreibt dieser einmal. Doch Talese ist skeptisch, denn journalistisch verwerten kann er das Material nicht, solange Foos auf seiner Anonymität besteht. Erst 2013 ist Foos bereit, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen: Er hofft, so Aufmerksamkeit auf seine umfangreiche Sammlung an Sport-Devotionalien zu lenken, die er verkaufen möchte.

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"Der Voyeur" von Gay Talese: Die nackte Wahrheit

Natürlich wird in "Der Voyeur" viel gevögelt. Foos Aufzeichnungen machen einen guten Teil des Buches aus, und sie schildern das Gesehene durchaus drastisch, was nicht immer angenehm ist. Vor allem aber verraten sie viel über den Autor der Notizen selbst. Seine scheinbar wissenschaftlichen Beobachtungen kippen in vielen Berichten in sehr subjektive Beschreibungen, bei denen er selbst den Wunsch äußert, zum Akteur zu werden.

Einmal, als ein junges Paar übernachtet, das einer Viehauktion in der Nähe beiwohnt, greift er sogar regulierend ein, denn die beiden vollziehen den Geschlechtsverkehr im Dunkeln: "Also klettere ich runter ins Erdgeschoss, steige in meinen Wagen und parke ihn direkt vor der Wohneinheit Nr. 4, stelle ihn ab und lasse ihn mit eingeschalteten Scheinwerfern dort stehen, das grelle Licht direkt auf ihr Fenster gerichtet". Ein anderes Mal, als ein Gast nach dem Genuss eines Brathähnchens Hände und Mund am Bettzeug abwischt, schmettert er ihm durch das Lüftungsgitter ein wutentbranntes "Du Arschloch" entgegen. Und einmal kann er nicht mehr an sich halten, onaniert in seinem Speicherversteck mit einer solchen Wucht, dass sein eigenes Sperma durch die Öffnung in der Decke in ein Hotelzimmer tropft.

Ungefilterter Blick auf die Macken

Gay Talese verbindet geschickt Foos Geschichte(n) der amerikanischen Sexualität mit einem Psychogramm ihres Autors. Er erzählt aus dessen Jugend, von ersten sexuellen Begegnungen und davon, wie diese die Vorlieben der Folgejahre prägten, hütet sich aber, daraus Schlüsse zu ziehen. Er analysiert die Briefe, kontextualisiert sie mit dem Zeitstrom der Geschichte, aber auch mit vergleichbarer Literatur aus der Vergangenheit und Charakteren, die ähnlich handelten.

So spannt er einen Bogen, der nicht nur von der Entwicklung der Sexualität in den Vereinigten Staaten, sondern auch vom Land selbst berichtet, aber immer seinen Protagonisten im Auge behält; als Mann voller Widersprüche, gegen Ende so paranoid und selbstgerecht, dass er für den Leser nur schwer auszuhalten ist. Andererseits: Genau dieser ungefilterte Blick auf Foos und seine Macken, dieses auf den ersten Blick so kalte, ungefilterte Nachzeichnen seiner Gedanken und Handlungen, genau das verleiht dem Buch seine Spannung.

Ein Problem gibt es jedoch: Offenbar hat Foos Talese zumindest teilweise einen Bären aufgebunden. Schon bald nach Veröffentlichung eines Vorabdruckes im "New Yorker" wurden einige Inkonsistenzen deutlich. Zu einem vermeintlichen Mord im Motel, der einen nicht unerheblichen Teil der Geschichte ausmacht und auf den Foos immer wieder zurückkommt, findet die Polizei von Aurora keine Unterlagen. Und die "Washington Post" enthüllte im vergangenen Jahr: Zwischen 1980 und 1988 besaß Foos das Motel überhaupt nicht.

Eine Seite am Ende der deutschen Übersetzung des Buches erklärt diesen Sachverhalt knapp, weist darauf hin, dass alle abgedruckten Tagebuchauszüge aus vorherigen Zeiträumen stammen würden und fügt beinahe trotzig hinzu: "Zweifellos war er ein Voyeur, wie es nur wenige vor ihm gab."

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Gay Talese:
Der Voyeur

Aus dem Englischen von Alexander Weber

Tempo Verlag; 224 Seiten; 20 Euro

Und in der Tat: Die zentrale Botschaft des Buches dürfte als verbürgt gelten, zumal auch Talese einmal zum Beteiligten wird: Als er 1980 Loos in seinem Motel besucht, bittet dieser ihn in seinen Speicher. Gemeinsam beobachten die beiden ein Paar aus Chicago beim Oralverkehr. "Ich neigte, um besser sehen zu können, meinen Kopf immer weiter vor. Was ich dabei nicht bemerkte, war, dass meine rotgestreifte Seidenkrawatte durch die Lamellen gerutscht war und nun wenige Meter über den Köpfen der jungen Leute baumelte."

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