Flucht vor Trump Lieber abhauen auf den Highway ins Nichts

Ermittlerroman für die Trump-Ära, Abgesang auf alle Hoffnungen: In "Der wilde Detektiv" schickt Jonathan Lethem eine verstörte Journalistin in die Wüste - auf die Suche nach der Schwester und einer Heilsgestalt.

Videostill aus Talking Heads' "Road to Nowhere"

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So fangen klassische Detektivromane an: Die schöne, etwas nervöse Frau in Not betritt das Büro des Privatermittlers. Das hat schon bessere Tage gesehen, so wie der Detektiv selbst, eine ruppige Figur, die ihre Beschädigungen hinter coolen Sprüchen nur mühselig verbergen kann. Schon bald greift er in die Schublade seines Schreibtischs und holt - nein, nicht den üblichen Whisky, sondern ein Opossum heraus.

Detektivfilm-Parodie "Tote tragen keine Karos"
ddp images

Detektivfilm-Parodie "Tote tragen keine Karos"

Ein hübscher Scherz und eine klare Ansage. Denn auch wenn das Buch in den USA vom Verlag als Jonathan Lethems Rückkehr zum Detektivroman beworben wurde, ist "Der wilde Detektiv" - wie das vor fast 20 Jahren erschienene "Motherless Brooklyn" - alles andere als eine nostalgieselige Annäherung an die Zeiten von Raymond Chandler oder Ross Macdonald. Und Charles Heist ist kein Update von Philip Marlowe oder Lew Archer. Eigentlich ist er nicht einmal die Hauptfigur.

Erzählt wird die Geschichte von der Frau in Not, Phoebe Siegler, einer New Yorker Ex-Journalistin. Ihren Job hat die 33-Jährige gekündigt, weil ihr Chef den gerade zum US-Präsidenten gewählten Donald Trump in die Redaktion eingeladen hatte. Jetzt, wenige Tage vor Trumps Amtseinführung wirkt Phoebe verwirrt, verstört, ratlos. Die Wahl hat ihr Weltbild auf den Kopf gestellt.

Donald Trump besucht die "New York Times"
REUTERS

Donald Trump besucht die "New York Times"

Ähnlich ging es auch Lethem in dieser Zeit. Das Buch war schon länger in Planung, doch plötzlich fragte er sich, wie er dem US-"Rolling Stone" sagte, warum er überhaupt noch Romane schreiben solle. Mit "Der wilde Detektiv" hat er Antworten gesucht.

Wenn Trump so etwas wie der unsichtbare Superschurke in diesem Buch ist - das "Monster im Turm" nennt Phoebe ihn -, der Dunkelheit über die Welt bringt, fungiert Leonard Cohen als Lichtgestalt und leider verlorener Heilsbringer. Sein Tod, ausgerechnet ein Tag vor der Wahl, ist von unwiderstehlicher Symbolkraft.

"Wer wird nicht vermisst?"

Cohen ist die einzige Spur, die Phoebe hat, als sie von einer Freundin gebeten wird, deren verschwundene Teenager-Tochter Arabella zu suchen. Die ist großer Fan des Songwriters und hat sich auf Pilgertour zum Mount Baldy begeben, wo er sich in den Neunzigerjahren für lange Zeit in ein Kloster zurückgezogen hatte.

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Jonathan Lethem:
Der wilde Detektiv

Übersetzt von Ulrich Blumenbach

Tropen; 335 Seiten; gebunden; 22,00 Euro

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Phoebe reist nach Los Angeles, eine planlose Heldin, und auch wenn sie eigentlich die verschwundene Arabella sucht, ist sie selbst die Verlorene. "Wer wird nicht vermisst?", fragt Charles Heist, der Ermittler mit der Vorliebe für solch "orakelhafte Bemerkungen", der ihr dabei helfen soll, Arabella zu finden. Ein etwas aus der Zeit gefallener Typ ist dieser Heist. Mit seinen buschigen Koteletten und abgewetzten Klamotten kommt er daher wie ein Wiedergänger von Thomas Pynchons Privatdetektiv Doc aus dem Roman "Natürliche Mängel", ebenfalls ein Abgesang auf die Hoffnungen der Hippiejahre.

Mount Baldy entpuppt sich als wenig ergiebig: "Da war nichts zu finden. Nicht einmal eine von Leonard Cohens verlorenen Sandalen." Doch wenig später entdeckt Heist eine neue Spur, Arabella wurde in der Mojave-Wüste gesehen. Hier soll sie bei einer Gruppe gelebt haben, die sich "die Kaninchen" nennt, eine Community von Aussteigern, die immer noch den Idealen der späten Sechziger anhängen.

Vom Scheitern aller Utopien

Doch die Welt, die sich Phoebe auftut, ist alles andere als ein paradiesischer Gegenentwurf, die "Kaninchen" befinden sich im Dauerkonflikt mit den "Bären", einer Gruppe von Männern, die sich nehmen, was sie wollen, auch mit Gewalt. Der Roman verwandelt sich von einer Detektivgeschichte in eine halluzinatorische Vision, die Szenerien erinnern zunehmend an das postapokalyptische Kino der Achtzigerjahre, Kampfszenen wie aus "Mad Max" inklusive.

Autor Jonathan Lethem
imago/ Leemage

Autor Jonathan Lethem

Vom Scheitern aller Utopien erzählt Jonathan Lethem in "Der wilde Detektiv", und er tut das mit viel Witz und noch mehr Melancholie. Dass er die Geschichte aus der Perspektive einer von Anfang an desillusionierten Frau erzählt, macht die große Stärke des Romans aus. Phoebes zunächst ironisch-distanzierter Blick auf eine ihr völlig fremde Welt verwandelt sich nach und nach in Verwirrung und letztlich in Faszination. Auch wenn sie schließlich erkennt, dass das scheinbar alternative Leben in der Wüste nur eine Illusion ist.

Am Ende fährt Phoebe über den Highway, den schlafenden Heist an ihrer Seite, Ziel unbekannt. Sie weiß nur, dass sie nicht zurückkehren wird "in die Welt der Leitartikel, der Konzeptkunstinstallationen und der Sektempfänge". "Ich hatte einen weiten Weg vor mir", endet der Roman. Vielleicht wird ihr neues Zuhause die von den Talking Heads - eine von Lethems Lieblingsbands - besungene "Road to Nowhere". Man würde sie gern auf diesem Trip begleiten.

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Frank_G 01.02.2019
1. Wow!
Wow! Eine Rezension, die mich das Buch direkt hat vormerken lassen... allen übrigen eher negativen (oder "verwirrten") Rezensionen in anderen Blättern zum Trotz. Nach der Leseprobe (nur beim "großen A" ist eine zu finden, die auf der Verlagswebseite funktioniert - zumindest im Moment - nicht richtig) fühle ich mich dem Buch gegenüber etwas "ambivalent", aber den Grund dafür herauszufinden, könnte hier ein wesentlicher Teil des Lesevergnügens sein, zumindest für mich, für den auch so etwas ein Grund zum Lesen eines Buches sein kann... ;-)
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