Perücken und Globalisierung Die Schönheit der einen, das Leid der anderen

"Der Zopf", ein Roman von Laetitia Colombani über die Schicksale dreier mutiger Frauen, war in Frankreich ein Renner. Ein feministisches Werk ist es trotzdem nicht.

Eine Frau drapiert eine Echthaar-Perücke im indischen Chennai
Getty Images

Eine Frau drapiert eine Echthaar-Perücke im indischen Chennai

Von Jana Felgenhauer


Die Inderin Smita beseitigt mit bloßen Händen die Exkremente ihrer Nachbarn. Ein Job, den sie tun muss, weil sie eine Dalit ist, eine sogenannte "Unberührbare", die keiner Kaste angehört. Ebenso ihr Mann, ein Rattenfänger.

Fäkalien ausgraben, am Abend magere Nager braten, es würde ewig so elend weitergehen mit Smita und ihrer Familie. Doch während sich ihr Mann mit den Gedanken an Wiedergeburt tröstet, will sie sich nicht abfinden mit dem Schicksal im Hier und Jetzt. Ihr größter Traum: Tochter Lalita soll eine Schule besuchen. Sie besticht den Dorflehrer und schickt die Kleine zur Schule. Natürlich geht das nicht gut. Smita und Lalita flüchten, pilgern zum berühmten Tirupati-Tempel und spenden dort ihre kräftigen, schwarzen Haare dem Gott Vishnu.

Laetitia Colombanis Protagonistin Smita ist die stärkste Figur in "Der Zopf", was daran liegt, dass es eben um den täglichen Überlebenskampf einer Frau geht, die in bitterster Armut lebt und keine Rechte hat, eine Realität, weit weg von unserer eigenen. Smita ist "eine gesonderte Art Mensch, als zu unrein betrachtet, um mit anderen in Berührung zu kommen (...). Millionen leben wie Smita außerhalb der Städte, abseits der Gesellschaft, an der Peripherie der Menschlichkeit."

Obwohl seit 1950 in der indischen Verfassung festgeschrieben steht, dass niemand wegen seiner Kaste diskriminiert werden darf, sieht die Wirklichkeit anders aus. Die "Unberührbaren" sind weiterhin Opfer von Schikanen und Gewalt, sie arbeiten als Latrinenputzer, auf Müllkippen oder stehen mit nackten Oberkörpern in Abwasserkanälen.

Die meisten Frauen kämpfen für sich allein

Autorin Laetitia Colombani
Celine Nieszawer/ Opale/ Leemage/ laif

Autorin Laetitia Colombani

Neben der Geschichte von Smita erzählt die 1976 geborene Französin Colombani auch diejenigen von zwei weiteren Frauen. Einmal von Giulia, einer jungen Italienerin, die die bankrotte Perückenfabrik ihres Vaters retten muss. Und von Sarah, einer Kanadierin um die 40, die drei Kinder und zwei gescheiterte Ehen auf dem Lebenskonto hat und eine Karriere als Anwältin, die auf dem Spiel steht, als sie an Krebs erkrankt.

Es ist wohl kein großes Rätsel, wie sich die drei Handlungsstränge am Ende des Buches verbinden werden. Diese Vorhersehbarkeit ist eine große Schwäche des Romans, auch wenn Colombani Gräben einbaut, die ihre Figuren überwinden müssen. Gräben, geschaufelt von Männern, so scheint es am Anfang.

Doch die drei Frauen in "Der Zopf" sind nicht nur Opfer des Patriarchats. Es sind nicht nur die Männer, die hier als Widersacher auftauchen, wie der fiese indische Dorflehrer oder die schmierigen Anwälte in Kanada, nein, Frau kämpft auch gegen das eigene Geschlecht. Die indischen Nachbarinnen aus höheren Kasten, die kein Mitleid mit Smita kennen, Giulias Mutter, die sie dazu drängen will, einen wohlhabenden Mann zu heiraten, und Sarah Anwaltskollegin, die sie verrät.

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Laetitia Colombani:
Der Zopf

Übersetzt von Claudia Marquardt

S. Fischer Verlag; 288 Seiten; 20 Euro

Beworben wird der Roman als ein "Cocktail aus Kampf, Solidarität und Mut", doch die meisten Frauen in der Geschichte kämpfen nicht füreinander, sondern für sich allein. So wirkt es am Ende fast schon zynisch, dass die Inderin - auch wenn es freiwillig geschieht - ihre Haare hergibt, eine Europäerin aus ihnen eine Perücke macht und diese am Schluss auf dem Kopf der wohlhabenden Anwältin landet.

Was hier als Happy End dargestellt wird, ist natürlich keins, denn die Ärmste von ihnen bleibt arm in einem Land, in dem Frauen oft nichts wert sind. Und doch hat Smita etwas, das man ihr in dem Moment, als sie kahl geschoren, aber glückselig aus dem Tempel tritt, nicht nehmen kann: ihre Würde. In dem Moment ist sie selbstbestimmter als die Frau aus dem Westen, die sich doch nur wieder dem Ideal einer Gesellschaft unterwirft, in der schöne Haare ein Symbol für Weiblichkeit sind.

"Der Zopf" von Laetitia Colombani wird in 27 Ländern erscheinen, die Filmrechte sind schon vergeben. Man wird also bald Frauen sehen, die in den U-Bahnen der Großstädte sitzen, einen Coffee to go zwischen den Knien, eine ins eigene Haar geknüpfte Echthaarsträhne um einen Finger gewickelt. Vielleicht schießt der einen oder anderen dann durch Kopf, dass da mal ein echter Mensch dranhing - und das es nicht selbstverständlich ist, dass einem alle Dinge einfach so zustehen, weil man in einem anderen Teil der Welt geboren wurde.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Nordstadtbewohner 22.03.2018
1. Dieses Moralaposteltum halte ich für falsch
So wirkt es am Ende fast schon zynisch, dass die Inderin - auch wenn es freiwillig geschieht - ihre Haare hergibt, eine Europäerin aus ihnen eine Perücke macht und diese am Schluss auf dem Kopf der wohlhabenden Anwältin landet. (...) und das es nicht selbstverständlich ist, dass einem alle Dinge einfach so zustehen, weil man in einem anderen Teil der Welt geboren wurde. Mir im anderen Teil der Welt stehen Dinge nicht einfach nur zu, weil ich dort geboren wurde, sondern weil ich meine Arbeitskraft und meine Produktivität verkaufe, um mir im Gegenzug Waren und Dienstleistungen kaufen zu können. Das macht die Inderin auch. Und daran ist nichts zynisch oder gar verwerflich. Das ist einfach nur Marktwirtschaft. Durch den Verkauf ihrer Haare kann die Inderin sich so wie ich Waren und Dienstleitungen kaufen. Die Probleme der Inderin sind hausgemacht und durch das indische Kastensystem entstanden. Europäer haben darauf keinen Einfluss. Die Menschen in Indien, also Männer und Frauen, müssen lernen, ihre Probleme selbst zu lösen, statt sich auf die Besserwisserei und das Moralaposteltum eines Menschen aus dem Westen zu verlassen.
m82arcel 22.03.2018
2. @Nordstadtbewohner
So viel Gefühlskälte und Empathielosigkeit liest man selbst heutzutage wirklich selten. Fehlt nur noch, dass Sie schreiben, die Inderin solle sich freuen, dass entsprechende Perücken hierzulande beliebt sind.
hexenbesen.65 22.03.2018
3.
Meist verkaufen die Inderinen ihr Haar nicht, sie spenden es, für gutes Charma. Die Mönche verkaufen das Haar für gutes Geld...der Perückenmacher verdient auch nicht schlecht dran. Und es sind nicht nur Inderinen...in den USA gibt es regelmäßige Veranstalltungen, wo sich Männer UND Frauen (teilweise auch Kinder) ihre Haare abschneiden lassen, um sie für Perücken für Krebskranke Menschen zu spenden. Leider sind diese Echt-Haar-Perücken so schweineteuer, dass ein "Normaler" Krebspatient sie gar nicht kaufen kann.. Ich selber hatte Chemo und habe mir "nur" ne Kunsthaarperücke gekauft--aber die alleine (nix besonderes) hat schon über 400 Euro gekostet (ein TEIL trug die Krankenkasse davon) Meine Tochter hat sich die Haare auch ziemlich kürzen lassen, und den "Abfall" gespendet (was soll sie damit ? ) Ne Arbeitskollegin trägt Extensions...aber aus billigem Plastik---was man aber leider sieht. Kunsthaar ist auch nicht Kunsthaar...bei ihr sieht das eher aus wie so Ein-Euro-Haarclips von ner billig-Kette... kommen aber vom Friseur...
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