Roman "Ein seltsamer Ort zum Sterben" Und plötzlich lebt der Greis wieder

Sheldon Horowitz hat ein langes Leben hinter sich. Doch gerade als er denkt, das müsse doch eigentlich reichen, macht ihn Derek B. Millers Roman "Ein seltsamer Ort zum Sterben" zum Zeugen eines Mordes und zum Fluchthelfer eines Jungen.

Camilla Waszink

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Wenige Figuren liebt die Literatur so sehr wie die des eigensinnigen, alten Mannes. Und hier kommt der nächste von ihnen: Sheldon Horowitz. "Ich bin Amerikaner. Jude. Zweiundachtzig. Witwer in Rente. Ein ehemaliger Marine. Ein Uhrenreparateur. Ich brauche eine Stunde, um zu pinkeln."

Vielleicht liebt die Literatur den eigensinnigen, alten Mann so sehr, weil sein Leben so viel Stoff zum Erzählen abgibt. Sheldon Horowitz hat zwölf Männer im Krieg getötet, seinen Sohn, seine große Liebe und seinen besten Freund beerdigt, einen Bildband aus Porträts von Menschen, die sich nicht fotografieren lassen wollten, herausgegeben. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihn seine inzwischen verstorbene Ehefrau Mabel davor gewarnt, dass er sich verändere und langsam dement werde. Aber Sheldon Horowitz sieht das anders: "Seine Erinnerungen wurden mit dem Alter einfach immer lebendiger. Die Zeit verstrich auf eine neue Art. Wenn man keine Zukunft mehr hat, besinnt sich der Geist auf sich selbst."

Die Literatur gönnt ihm keine Gnade

Sheldon Horowitz sind sein Geist und seine 82 Jahre genug. Genug Erinnerungen, genug Tote, genug Geschichten. Sheldon Horowitz würde deswegen seine letzten Jahre am liebsten in seiner Heimatstadt New York verbringen, mit keiner anderen Erwartung an die Zukunft, als dass sie hin und wieder einen frischen Blaubeermuffin für ihn bereithalten möge. Doch diese Gnade gönnt ihm seine Familie nicht, und erst recht nicht dieses Buch, dessen Protagonist er ist. Seine schwangere Enkeltochter Rhea überzeugt ihn, von New York nach Oslo zu ziehen, wo sie mit ihrem norwegischen Mann Lars lebt. "Ein seltsamer Ort zum Sterben", wie Sheldon Horowitz findet und wie dieser Debütroman von Derek B. Miller heißt.

Auch in Oslo beschäftigt sich Sheldon Horowitz zunächst nur mit seinen 82 Jahren Erinnerungen. Er hält paranoid Ausschau nach jedem Nordkoreaner, denn dass die ihn nach dem Krieg auf dem Kieker haben, scheint ihm klar. Er lauscht argwöhnisch den Gesprächsfetzen aus der Nachbarwohnung "in irgendeiner Balkansprache mit all ihrem Gezische und Gepolter". Denn er glaubt, Antisemitismus zu hören.

Flucht hinter dem Türspion

Doch dann bleibt es nicht bei den belauschten Gesprächen. Geschrei und Gepolter in der Nachbarwohnung werden lauter und kommen näher, bis Sheldon Horowitz eine junge Frau durch den Türspion im Flur stehen sieht. Weil seine jüdische Identität ihn gelehrt hat, keiner der Nachbarn zu sein, die die Flucht anderer durch den Türspion beobachten, öffnet er die Tür, sieht überrascht, dass die Frau noch einen kleinen Jungen mit Bildern von dem Bären Paddington auf den Gummistiefeln dabei hat, und zieht beide in seine Wohnung. Als die Verfolger die Frau ermorden, flüchtet der alte Mann Sheldon Horowitz mit dem kleinen Kind in Richtung von Rheas und Lars' Ferienhaus.

Was für ein Pech für Sheldon Horowitz, der ja nur einen ruhigen Lebensabend haben wollte. Und was für ein Glück für den Leser. Denn ab dieser Stelle mischen sich die schlechtgelaunten Erinnerungen und Meditationen über das Leben mit Krimi-Passagen.

Und dies ist der Moment, in dem Sheldon Horowitz' Erlebnisse lebendiger werden. Die Lesezeit verstreicht auf eine neue, schnellere Art. Es geht wieder um eine Zukunft, Sheldon Horowitz' Geist ist sich nicht mehr selbst genug. Die Literatur mag eigensinnige alte Männer zu recht lieben, es schadet ihnen aber nichts, wenn sie einen kleinen Jungen dabei haben, damit sie nicht nur in die Vergangenheit flüchten können.


Buchangaben:
Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben. Aus dem amerikanischen Englisch von Olaf Roth. Rowohlt Polaris, Reinbek; 402 Seiten; 14,99 Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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Mertrager 08.07.2013
1. Naja
Das Buch ist vielleicht ganz gut. Den Artikel hier finde ich etwas wirr. Nebenbei, wir leben vom Verkauf von Büchern.
tennisas 08.07.2013
2. Der alte Mann und der Junge
Gerade die Tage das Buch beendet, absolut zu empfehlen!
pleromax 08.07.2013
3. Immerhin
Endlich mal bei einer SPON-Rezension die bibliografischen Angaben angehängt - gut so! (Gegen einen Amazon-Link hätte ich persönlich übrigens auch nichts einzuwenden.)
676718 26.09.2013
4. optional
Habe das Buch soeben "ausgelesen". Bin sehr beeindruckt und werde es dem einen oder anderen Freund auf den Weihnachtstisch legen
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