"Desperado: Abenteuer eines Glücksuchers" Mein Leben als Loser

Deine Freunde machen Karriere, die heimlich geliebte Kollegin will einen anderen: So sieht's aus für Martin, den Helden aus dem Roman "Desperado". Höchste Zeit, etwas zu ändern - und den Schlüssel zum Glück zu finden! Heute beginnt das Abenteuer. Exklusiv vorab - jeden Montag bei SPIEGEL ONLINE.

Von Daniel Haas


Prolog oder Mein Leben als Loser

Kennen Sie den Film "Fahrstuhl zum Schafott"? Da begeht ein Mann einen Mord, bleibt in einem Aufzug stecken und wird am Ende überführt. Der Film, in dem ich heute die Hauptrolle spiele, heißt Taxi zum Schafott. Man bringt mich nach Dahlem, einem schicken Stadtteil von Berlin, setzt mich vor einer Zehn-Zimmer-Villa ab, und dort beginnt meine Hinrichtung: ein Nachmittag bei Ulrich und seiner Familie.

Ich spiele in diesem Film schon seit Jahren mit, obwohl ich eigentlich unschuldig bin. Mein Verbrechen liegt höchstens darin, mit Ulrich verwandt zu sein. Ulrich ist mein Cousin, und immer wenn er Geburtstag hat, fahre ich raus, ins Grüne, wie meine Mutter sagt, als handele es sich um ein Picknick. Es ist aber kein Picknick, sondern ein Spießrutenlaufen. Alle werden da sein: Brenda, Ulrichs Frau, eine Mischung aus Unterernährung, Gucci und Solarium; seine Kinder, zwei extrem sportliche Achtjährige, die Besucher grundsätzlich mit einem Tritt ans Schienbein begrüßen. Die Zahnwälte, das sind die Gäste, die entweder Zahnarzt sind oder Anwalt oder mit einem von beiden verheiratet. Und natürlich der Hausherr selbst: Ulrich, der personifizierte Tatendrang. Unternehmer, Golfspieler, Zigarrenraucher, Taucheruhrträger. Liebhaber pastellfarbener Polohemden, deren Kragen er immer nach oben stellt, was ihm, in Kombination mit seinen nach hinten gegelten Haaren, das Aussehen eines neckischen Teufels gibt.

Gleich wird sich die große, mit einem Löwenkopf verzierte Haustür öffnen, und das Hausmädchen, irgendeine unterbezahlte Dienstkraft aus einem Schwellenland, wird einen Knicks machen, weil Brenda glaubt, das sei angemessen. Ich werde die Frau freundlich anlächeln und ein wenig Konversation treiben, vielleicht auch ein wenig mehr. Wo kommen Sie her? Ach, Honduras? So weit weg! Ihr Deutsch ist aber erstaunlich gut! Jede Minute, die ich das Bevorstehende hinauszögern kann, ist kostbar.

Dann werden sich, aus der Tiefe des Raums heraus, Ulrich und Brenda materialisieren; sie kommen durch die Eingangshalle auf mich zu. Eine Wolke viel zu teuren, viel zu dick aufgetragenen Parfums eilt ihnen voraus, gefolgt von ihren zwei Kindern, die immer und überall, auch im Haus, womöglich noch nachts in ihren Betten, Fußballschuhe mit Stollen tragen. "Toktoktoktok" macht es, wenn sie heranpreschen und mich gut gelaunt mit Tritten begrüßen.

"Ah, ist die Leichtlohngruppenfraktion endlich angekommen!" Ulrich zeigt grinsend seine künstlich aufgehellten Zähne und presst mir die Hand auf Verstümmelungsniveau zusammen.

"Na, Schreiberling, wie sieht's aus am unteren Ende der Karriereleiter?" Er packt mich an den Schultern, behandelt mich wie einen Fruchtdrink, der erst durch kräftiges Schütteln genießbar wird. "Wird das noch was mit der Poesie, Martin? Oder musst du doch irgendwann für mich arbeiten?" Sein Lachen verdoppelt sich schlagartig. Brenda. Dass so viel Dezibel aus so einem dünnen Menschen herauskommen können.

"Ein Roman", sage ich. "Es wird ein Roman. Und herzlichen Glückwunsch zum Vierzigsten, Ulrich."

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Ich hätte dieses Buch nie erwähnen sollen, es ist zum Anlass konstanter Belästigung geworden. Jo, mein bester Freund, fragt ständig danach, meine Mutter fragt danach, sogar meine Kollegen ziehen mich damit auf: Na, Frielings, was macht die Kunst? Ich habe gar keine Lust mehr, dieses Buch zu schreiben, ich lasse mich doch nicht gängeln von den Ansprüchen der andern. Sollen sie sich doch selber hinsetzen, wenn ihnen Kreativität so wichtig ist. Ich schreibe außerdem schon genug: Ich bin nämlich Werbetexter, fest angestellt bei Brenner & Friends, der größten inhabergeführten Agentur Berlins.

Ulrich hat mich letztes Jahr gefragt, ob ich nicht eine Kampagne für sein Produkt betreuen will. "Bevor ich dem Stepking auch nur eine einzige Zeile widme, soll ich zehnmal als Fußnagel wiedergeboren werden!", habe ich damals zu Jo gesagt. Jo ist Künstler, er weiß, wo die vom Geld diktierte Selbstentehrung aufhört. Dass er seine Bilder an genau jene Leute verkauft, die sich mit dem Stepking für den Verteilungskampf in Form halten, steht auf einem andern Blatt.

Der Stepking ist eine Mischung aus Treppe und Fahrrad, man hält sich an einem Lenker fest und marschiert auf zwei kleinen Plattformen einer mit Körperkraft und melonengroßen Waden gesegneten Zukunft entgegen. Mit dieser Maschine hat sich Ulrich ganz nach oben gestrampelt. Über 50000 Stepkings verkauft er jedes Jahr. Es gibt das Gerät in Amerika, in Frankreich, in Spanien und in Italien, in allen Benelux-Ländern und neuerdings auch in der Schweiz, wo es allerdings Stepmaster heißt, weil dort das Wort King angeblich Ressentiments hervorruft. In dieser Rücksicht auf nationale Traditionen erschöpft sich allerdings Ulrichs Feingefühl.

Vielleicht ist er deshalb so glücklich. Wie heißt es doch bei Gottfried Benn: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück." Das klingt jetzt überheblich, ich weiß, aber mein Cousin hat sich nicht gerade das Gemüt mit Bildung beschwert. Muss er auch gar nicht: Ulrich hat das, was die Glücksforscher Flow nennen. Wenn Bewusstsein und Handlung eins werden, wenn man, ohne auf Anerkennung von außen zu spekulieren, ganz konzentriert ist auf das, was man tut, wenn der Erfolg ausschließlich im Erreichen des selbstgesetzten Ziels besteht, dann ist man im Fluss. Ulrich prahlt vielleicht mit seinem Reichtum, aber eigentlich geht es ihm um dieses besondere Gefühl. "Ich schau mir meine Businesspläne an und denke: Geiler als Goethe", hat er mal zu mir gesagt. Das ist fünf Jahre her, da war er noch nicht Millionär, und dennoch habe ich ihn beneidet. Weil er zufrieden war. Weil er stolz war auf sich. Weil er wusste, wo es langgeht, auch privat. Wie er Brenda, sein "Schnäuzelchen", einem zehn Jahre jüngeren Tennislehrer ausgespannt hatte, das war so rücksichtslos wie romantisch gewesen.

Und ich? Gefiel mir bis Mitte 30 in der Rolle des Berufsjugendlichen: Hing mit meinen Freunden ab, studierte ein wenig, jobbte mal als Texter, mal als Journalist und versackte in irgendwelchen Szenekneipen. Frauen waren natürlich ein Dauerthema, dauerhaft waren die Geschichten aber nicht. Man hatte Affären, keine Beziehungen. Warum auch? Das kollektive Single-Leben machte einfach zu viel Spaß, als dass man sich mit einer festen Beziehung oder einem soliden Job belastet hätte. Wenn dein Alltag aussieht wie eine "Friends"- oder "Seinfeld"-Folge, wenn du so prächtig im Rudel Gleichgesinnter aufgehoben bist, warum dann auch nur ein Fünkchen Energie für Berufs- und Familienplanung verschwenden?

Mit 39 sieht die Sache schon ganz anders aus. Hatte ich noch gar nicht erwähnt? Ich werde ebenfalls 40, in einem halben Jahr ist es so weit. Und da müsste ich es eigentlich langsam wissen: Wie man eine anständige Biographie zusammenbaut und was in diesem Zusammenhang sinnvoll ist. Welche Talente man weiterverfolgt und welche man als Spleens hinter sich lässt. Welche Tugenden man kultiviert, insofern man sie überhaupt als solche erkannt hat. Sind es Disziplin und Ausdauer? Oder eher Spontaneität und Mut? Vermutlich von allem ein bisschen, aber reicht ein bisschen aus, wenn man ziemlich verwirrt ist und so gar keine Haltung hat, was die entscheidenden Dinge des Lebens betrifft: Liebe, Familie, Arbeit, Freundschaft?

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
psycho.martin 29.06.2009
1. schöner anfang, aber
Finde das Thema höchst spannend, kenne das beschriebene Millieu sehr gut und kann mich mit Martin indentifizieren. Allerdings macht der Schluss wenig Lust. Weil, Einsatz verdoppeln um dann auch reich zu werden? Nicht die Lösung. Kann aber vielleicht auch daran liegen dass ich keine 40 bin sondern Anfang 20 und über Ulrich und Konsorten immer noch eher lachen kann als ihnen nachzustreben. P.S.: In Anbetracht der wundersammen Wandlung der 68er Joschkas und Schröders ist wohl davon auszugehen, dass auch ich mich noch ändern werde - in Richtung Martin und dann versuche den Einsatz zu verdoppeln. Bäh.
altruist 29.06.2009
2. bon
treffend beobachtet,toll und amüsant geschrieben. das buch wäre kein langweiliges geschenk
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