Deutsche Literatur: Das Ende der Neocons

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Die deutsche Literatur verlässt die sanierte Altbauwohnung und begibt sich dorthin, wo das Leben tobt - auch auf die Gefahr hin, dass ihr jemand auf die Schuhe kotzt. Wann war sie zuletzt so vital und vielstimmig wie 2011? Ein Rückblick auf ein Jahr, das eine leuchtende Zukunft verspricht.

Literaturjahr 2011: Zum Abheben bereit Fotos
Berlin Verlag/ Simon Vu

Ganz ohne Pamphlete und Manifeste trat 2011 eine neue Generation von deutschsprachigen Schriftstellern auf den Plan. Stilistisch eint sie nur eines: Die Abkehr vom neokonservativen Familienroman. Der war spätestens 2005 zur alles erdrückenden Form geworden - eine seltsame Koinzidenz der Ereignisse: Es war das Jahr von Angela Merkels Machtübernahme. Von Eva Menasse ("Vienna") über Arno Geiger ("Es geht uns gut"), Julia Franck ("Die Mittagsfrau"), Uwe Tellkamp ("Der Turm") bis hin zu Eugen Ruge, der dem Genre mit "In Zeiten des abnehmenden Lichts" 2011 einen weiteren, wenn auch literarisch blassen Erfolgstitel hinzufügte, schienen sich Autoren, Publikum und Verlage einig, dass Romane nach dem immer gleichen Muster abzulaufen haben: Das Schicksal einer Familie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, erzählt in möglichst konventioneller Form.

Allen derzeitigen Untergangsbeschwörungen zum Trotz allerdings ist die Bundesrepublik kein abgeschlossenes Sammelgebiet. Man braucht ihr nicht allein mit sepiagetönter Salonprosa beizukommen. Als Chiffre für ein sich neu etablierendes Milieu von Mittdreißigern ist das einstige Reiz- und Kampfwort Bürgertum abgenutzt. Politisch ist es spätestens seit Wulff schwerstens verbeult. Es taugt derzeit, anders als 1999, als sich die Traditionslinke über Joachim Bessings "Tristesse Royale" erregte, nicht einmal mehr zur Koketterie. Warum sollte sich da die Literatur noch auf einen neo-bürgerlichen Romanbegriff einengen lassen?

In einer erstaunlichen Parallele zum derzeitigen Niedergang des schwarz-gelben Lagers zeichnete sich 2011 eine ästhetische Tendenzwende ab, die, anders als in den Jahren zuvor, nicht mehr nur vereinzelte Autoren betraf: Die deutschsprachige Literatur verlässt die sanierte Altbauwohung und begibt sich wieder dorthin, wo das Leben stattfindet - auch auf die Gefahr hin, dass ihr jemand auf die Schuhe kotzt. Keine Sorge, das kann sie ab. Wann schließlich war sie zuletzt so vital und vielstimmig wie 2011?

Eines der stärksten Bücher des Jahres, Nino Haratischwilis "Mein sanfter Zwilling" nutzte das ausgelaugte Genre der Familiengeschichte gar als Startrampe für einen mit unvergleichlicher Wucht erzählten, höchst spannenden Liebesroman, der in seinem Finale nicht nur die engen Grenzen jeglicher Genrezuordnung, sondern auch die des Landes und der europäischen Union überwand - nur eines von vielen Anzeichen dafür, dass sich 2011 die ersten Konturen eines neues Kapitels der bundesdeutschen Literaturgeschichte abzeichneten.

Mehr riskieren

Thomas Melle zeigte in seinem ebenso kühl komponierten wie heißblütig erzählten Roman "Sickster", welches Potential ein Romanstoff aus der mit allen Mitteln beschleunigten neoliberalen Wirtschaftswelt bietet. Als ginge es um ein Update von Wilhelm Genazinos so realitätssatten wie phantasievollen, 2011 wiederveröffentlichten Siebziger-Jahre-Angestelltenroman "Abschaffel", porträtiert Melle zwei junge Männer im Strudel von Sexualität und beruflichem Niedergang - und führt dabei in aller Brutalität einen neuen Phänotyp vor. Die so genannten Business Punks: Jungmanager, die hart arbeiten, noch heftiger feiern und zuletzt richtig hart abstürzen.

Literarisch ergiebige Figuren finden sich eben nicht nur in der DDR-Intelligenzija der sechziger Jahre oder auf den Bahnhöfen reichsdeutscher Ostgebiete, sondern auch in den Vorstandsetagen der bundesdeutschen Gegenwart. Das zeigt auch Jan Peter Bremer in "Der amerikanische Investor". Wie Melle stellt Bremer zwei Sozialfiguren ganz unterschiedlichen Typs gegenüber. Wie bei Melle kann dabei eigentlich nur der Jüngere, Aggressivere gewinnen - und doch führt Bremers selbstironischer Blick zu einem ganz anderen Ergebnis.

In seiner doppelbödigen Heiterkeit erinnert Bremers schmaler Roman an eine Gattung, bei deren bloßer Erwähnung selbst gutwillige Leser eilig die Buchhandlung verlassen dürften - die Parabel. Die deutschsprachige Literatur allerdings befand sich 2011 in einer derartig guten Verfassung, dass sie sich selbst an diese im Deutschunterricht schwerstens kontaminierte Form wagen konnte. Mit stilsicherer Nonchalance zeichnete Leif Randt in "Schimmernder Dunst über Coby County" das Bild einer fiktiven Gesellschaft im Niedergang. Eine geradezu klassische Parabel, dabei aber von ostasiatischer Klarheit und traumwandlerischer, jugendlicher Leichtfüßigkeit. So hätte der junge Kracht geschrieben, wenn er nicht derart unter der moralischen Knute des Weltekels seiner New-Wave-Sozialisation gestanden hätte.

Ein Kunststück - für die bundesdeutsche Literatur seit 1989 - von geradezu historischen Dimensionen gelang Judith Schalansky mit "Der Hals der Giraffe" - der erste in Ostdeutschland spielende Roman, der fast völlig ohne die üblichen, wie aus dem Gruselkabinett des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie ausgeborgt wirkenden, DDR-Versatzstücke auskommt. Dass sie damit nicht nur bei der Kritik, sondern auch bei den Lesern viel Erfolg hatte, zeigt: Auch wer literarisch mehr riskiert als die bloße Erfüllung von Erwartungshaltungen, kann es auf die Bestsellerliste bringen.

Kurzweilig, stilistisch wagemutig

Ähnliches gilt im Sachbuch für Ralph Bollmans "Walküre in Detmold": Ursprünglich nur das Ergebnis einer Rundreise durch sämtliche 84 Opernhäuser des Landes, ist hier ein ungewöhnlich genau beobachtetes Porträt deutscher Milieus in all ihrer Vielschichtigkeit entstanden. Gab es im Jahr nach Thilo Sarrazin etwas wohltuenderes als den stetig wachsenden, von Mundpropaganda befeuerten Erfolg dieses Buches? Höchstens die Tatsache, dass es keinen weiteren Sarrazin gab.

Karen Duve schaffte es, mit "Anständig essen" im richtigen Moment auf den Markt zu kommen: Ihre erstaunlich unterhaltsame Abrechnung mit der Lebensmittelindustrie erschien im Januar auf dem Höhepunkt des Skandals um Dioxin in Futtermitteln und Schweinefleisch. Eine ganz andere, eine poetische Aktualität erlangte, nachdem Thomas Tranströmer im Oktober mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war, Jan Wagners Buch "Die Sandale des Propheten": Hier stellt Wagner, selbst Lyriker, ein paar entscheidende Dichter der Moderne vor - in einem so unangestrengten, neugierig machenden Ton, als ginge es nicht etwa um jenes mal als allzu schwer verständlich, mal als allzu postkartenhaft beleumundete literarische Sujet namens Lyrik und die damit verbundenen dreitausend Jahre Kulturgeschichte, sondern um ein Café, in dem er kürzlich einen besonders wohlschmeckenden Käsekirschkuchen gegessen hat.

In der Belletristik haben sich, geschult an angelsächsischen Vorbildern, seit den Neunzigern die Ansprüche an die Unterhaltsamkeit eines Romans verändert. Autoren wie Haratischwili, Melle, Randt und Schalansky vollziehen nun den nächsten Schritt - ihre Romane sind kurzweilig, stilistisch aber entschieden wagemutiger als die der braven Schreibschuleleven vergangener Jahre. In den Sachbüchern schließen Autoren wie Ralph Bollmann, Jan Wagner oder Karen Duve (die bislang Romane schrieb) an diese Entwicklung an. Schließlich hatte man in Deutschland lange den Eindruck, ein Sachbuch habe entweder intellektuell spröde zu sein oder in seiner mutwilligen Lustigkeit besinnungslos doof.

Das Jahr 2011 hat beide Thesen wiederlegt. Literarisch war es ein Versprechen auf eine leuchtende Zukunft. Sollte es 2012 gelingen, das Niveau zu halten, könnten die Stürme aus den Nachrichtenspalten noch so heftig wehen: Die Literatur hätte die Segel gesetzt. Sie wäre bereit, abzuheben. Zu Luft, zu Wasser - oder gar zu Lande. Dort vor allem findet schließlich das Leben statt. Als Inspirationsquelle für die Literatur ist es, anders lautenden Thesen zum Trotz, noch immer ungeschlagen.

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1. Leuchtende Zukunft?
hakkensack 28.12.2011
Zitat von sysopDie deutsche Literatur verlässt die*sanierte*Altbauwohung und begibt sich dorthin, wo das Leben*tobt - auch auf die Gefahr hin, dass ihr jemand auf die Schuhe kotzt. Wann war sie zuletzt so vital und vielstimmig wie 2011? Ein Rückblick auf ein Jahr, das eine leuchtende Zukunft verspricht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,805050,00.html
Was soll das denn?! Viel Leseerfahrung scheint hier nicht vorzuliegen. Bloß weil ein paar Schreiberlinge ihre elaborierten Lore- und Heimatromane etwas getunt haben, ist doch kein Kreativitätsschub in der deutschsprachigen Literatur festzustellen. Das mümmelt doch immer noch so vor sich hin, dass Christoph Martin Wieland oder Mr. Wallace (David) vermutlch vor Ärger im Grab tournieren. Lapidar konstruierte Wirklichkeitsreste, keine formalen Experimente, Dramaturgie aus deutschen TV-Filmen abgekupfert, nee, also wirklich, diese Euphorie halte ich für leicht übertrieben.
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