Deutsche Nationalhymne: "Die blödsinnigste Parole der Welt"

Von Claus Christian Malzahn

Wenn die Klinsmann-Elf auf den Rasen läuft, schmettern die Zuschauer neuerdings die Nationalhymne. Doch schon Nietzsche und Tucholsky fanden das Fallersleben-Lied grässlich. Und wer weiß schon, dass die Urfassung eigentlich ein WM-Song war: "Gott erhalte Franz den Kaiser!"

Die Bundesrepublik stand in ihren ersten Jahren im Gegensatz zur DDR ohne offizielle Hymne da. Das alte, von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland komponierte Deutschlandlied war nach dem kriegerischen Größenwahn der Nazis vor allem wegen seiner ersten Strophe in Verruf geraten:

Deutsche Fußballfans: "Gott erhalte Franz den Kaiser!"
DPA

Deutsche Fußballfans: "Gott erhalte Franz den Kaiser!"

 "Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt, wenn es nur zum Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt."

Deutschland über alles? Danach war den Deutschen, die gerade ein Drittel ihrer angestammten Heimat an die Siegermächte abtreten mussten, nach dem Krieg nicht gerade zumute. Und nach Bund Deutscher Mädel und Mutterkreuz klang auch Strophe Nummer zwei ziemlich schwülstig:  "Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang sollen in der Welt behalten ihren alten guten Klang. Uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang."

 Blieb die die dritte und letzte Strophe -  heute die offizielle deutsche Nationalhymne: "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand ! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Blüh' im Glanze dieses Glückes blühe deutsches Vaterland."

Der erste deutsche Reichspräsident, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, hatte "das Lied der Deutschen" nach dem ersten Weltkrieg zur Nationalhymne gemacht. Gesungen wurde es nach der Melodie "Gott erhalte Franz den Kaiser", die Joseph Haydn 1797 komponiert hatte (Zur Fußball-WM wäre der Text  hochaktuell!). Umstritten ist das Deutschlandlied seit seiner ersten Veröffentlichung. Der Philosoph Friedrich Nietzsche bezeichnete die erste Strophe, in der Deutschland "über alles" gesetzt wurde, schon 1884 als "blödsinnigste Parole der Welt". Dem Dichter und Satiriker Kurt Tucholsky erschien die Zeile 1929 vor allem als "ein törichter Vers eines großmäuligen Gedichts." Adolf Hitler hingegen verteidigte das Nationalwerk 1937 scheinheilig als ein "großes Lied der Sehnsucht" und wies, zwei Jahre, bevor er den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach, Anschuldigungen entrüstet zurück, man könne in den Versen "etwas Imperialistisches erblicken". Durfte man ein Lied, das von den Nazis so missbraucht worden war, wieder in den Rang eines nationalen Symbols erheben?

Von Anfang an umstritten

In Westdeutschland war die Frage von den Verfassern des Grundgesetzes nicht entschieden worden. Die Bundesrepublik verfügte über keine Hymne - doch die brauchte man dringend. Wie sollte man schließlich Staatsgäste am Flughafen empfangen, wenn sie die junge Republik besuchten? Eine Hymne gehörte zur diplomatischen Grundausstattung wie eine Flagge und ein roter Teppich. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer löste auf einer von mehreren tausend Menschen besuchten Veranstaltung in Berlin den so genannten Hymnenstreit aus, in dem er zum Abschluss der Veranstaltung die Gäste aufforderte, die dritte Strophe des Fallersleben-Liedes zu singen. Was heute selbstverständlich scheint, empfanden damals viele Menschen als Affront.

Mehrere sozialdemokratische Politiker verließen den Saal, als der Kanzler den Vorschlag machte. Die junge Republik hatte ihren ersten Eklat. Der Streit wurde erst zwei Jahre später in einem Briefwechsel zwischen Kanzler Adenauer und Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, beigelegt. Der Liberale Heuss hatte die politische Problematik des Deutschlandliedes wohl gesehen und in seiner Silvesteransprache 1950 einen Gegenvorschlag gemacht.

Er brachte die Idee einer neuen Hymne ins Spiel, die er bei einem Musiker und einem Texter bestellt hatte. Kurzer Auszug: "Land des Glaubens, deutsches Land, Land der Väter und der Erben... ...Land des Glaubens, deutsches Land! Land der Hoffnung, Heimatland... ...Land der Liebe, Vaterland!"

Deutschlandhymne zur Fußball-WM 1954

Der altbackene Vorschlag riss die Nation nicht gerade vom Hocker. Adenauer war wieder in der Vorhand. "Die Frage einer "National-Hymne" ist in den vergangenen zwei Jahren wiederholt zwischen uns besprochen worden." schrieb er im April 1952 schließlich mahnend an den Bundespräsidenten. Auf dessen Kooperation war der Kanzler dringend angewiesen - Heuss musste die Hymne schließlich als Präsident mit seiner Unterschrift absegnen. Doch schließlich gab der Bundespräsident klein bei. Vielleicht wurde damals eine historische Chance vertan, denn die  Fallersleben-Verse funktionieren heute nicht mehr. Jeder, der "Einigkeit und Recht und Freiheit" anstimmt, weiß, dass es auch noch zwei andere, unerwünschte Strophen gibt. Und die nehmen sich im Deutschland von heute ungefähr so modern aus wie ein Lehrer mit Rohrstock in der Oberstufe. Deutschlands Nationalhymne bleibt ein vernarbtes Konstrukt - aber vielleicht muss das angesichts unserer Geschichte so sein.

Adenauer hatte im Hymnenstreit wohl die Mehrheit auf seiner Seite. Im Gegensatz zur DDR hatte es im Westen immerhin eine Debatte um die eigene Hymne gegeben, die damals nicht nur in den Feuilletons, sondern auch den Eckkneipen ausgetragen wurde. Dorthin ging man nicht nur, um ein Bier zu trinken, sondern in den Fünfzigern auch, um Fernsehen zu gucken - zu Hause hatte man höchstens ein Radio. Wenn dann die deutsche Nationalhymne beispielsweise bei Fußballländerspielen übertragen wurde, erhob man sich auch in alkoholisiertem Zustand von den Stühlen - das galt als Ehrensache. Und als die Deutsche Mannschaft 1954 unerwartet das WM-Endspiel mit 3 zu 2 gegen Ungarn für sich entscheiden konnten, wurde fast überall die erste Strophe des Deutschlandliedes angestimmt - nicht nur im Westen übrigens.

Die DDR war 1954 gar nicht mit einer eigenen Auswahl angetreten. In DDR-Zuchthäusern wie Brandenburg und Bautzen, wo viele politische Gefangene eingesperrt waren, hatten die Wärter in einem Anfall klarer ideologischer Fehleinschätzung den Insassen gestattet, das Spiel live im Radio zu verfolgen. Die SED ging davon aus, dass die als Außenseiter gehandelte westdeutsche Elf das Spiel gegen die Favoriten aus Ungarn wie bereits in der Vorrunde haushoch verlieren werde. Nun wollten die Wachmannschaften den Gefangenen live die Überlegenheit der sozialistischen Klassenbrüder aus Ungarn vorführen. "Als es anders kam", erinnert sich der ehemalige Brandenburger Gefangene Oliver Merz "sang man das, was man eben damals sang, wenn man sich freute: die deutsche Nationalhymne."

Auferstanden aus Ruinen

Die West-Hymne war im Osten verpönt. Wenn DDR-Größen wie Parteichef Walter Ulbricht oder Ministerpräsident Otto Grotewohl den großen Bruder in Moskau besuchten, dann wurde die Nationalhymne der DDR gespielt; eine Komposition des Musikers und Brecht-Freundes Hans Eisler. Allein an der Geschichte der west- und der ostdeutschen Hymne lässt sich die Geschichte der deutschen Teilung erzählen. In der DDR hatte Staatspräsident Wilhelm Pieck seinen Genossen Johannes R. Becher mit der Abfassung einer "neuen deutschen Nationalhymne" beauftragt.  Das dreistrophige Werk hatte Becher dann mit Bedacht in die Nachkriegszeit hinein geschrieben:

"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lasst uns Dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint, über Deutschland scheint. ..."

 Die Zeilen waren, was das Versmaß angeht, mit der alten deutschen Hymne von Hoffmann von Fallersleben absolut kompatibel. Wie die Politiker in der Bundesrepublik bekannte sich die Staatsführung der SED zunächst zur deutschen Einheit. Sogar die schwarz-rot-goldene Flagge war in West und Ost noch identisch; das Hammer- und Zirkel-Symbol der DDR wurde erst 1959 eingeführt. Bei genauer Lektüre des DDR-Hymnentextes fällt auf, dass es völlig frei von marxistischem Pathos ist. Kein Wort über Klassenkampf, keine Arbeiter und Bauern, die mit roten Fahnen durch die Fünfzeiler marschieren. Der "Aufbau des Sozialismus" wurde von der SED erst auf ihrer 2. Parteikonferenz im Jahre 1952 beschlossen.

Bechers Bekenntnis zur deutschen Einheit passte der SED in den 50er Jahren noch gut ins Konzept, für die deutsche Teilung wurde stets der imperialistische Westen im Allgemeinen und Konrad Adenauer im Besonderen verantwortlich gemacht. Doch spätestens nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 war der Text ein Klotz am Bein des deutschen Kommunismus.

Melodie geklaut?

Nachdem Erich Honecker 1971 die Macht in der DDR übernommen hatte, wurde bei staatlichen Anlässen nur noch die schöne Melodie gespielt. (Der letzte - und erste frei gewählte - DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere schlug 1990 während der Verhandlungen zur deutschen Einheit vor, Bechers Text zu der von Joseph Haydn komponierten und von Westdeutschland benutzten Hymne zu singen - doch er scheiterte mit seinem Vorschlag an westdeutschen Einwänden.) Vielleicht war das ganz gut so, denn bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, Hanns Eisler hätte die Melodie seiner Hymne geklaut.

Der österreichische Schlagerkomponist Peter Kreuder hatte 1936 einen Song für den Star-Schauspieler Hans Albers geschrieben, der in dem 1936 gedrehten Film "Wasser für Canitoga" ein Lied sang, dessen Melodie zumindest frappant an die von Eisler erinnert. Der Text stammt vom Schlagerdichter Hans Fritz Beckmann: "Good bye Johnny, Good bye Johnny! Warst mein bester Freund. Eines Tages, eines Tages, mag's im Himmel sein, mag's beim Teufel sein, sind wir wieder vereint." Kruder, der in Eislers DDR-Hymne sein geistiges Eigentum erkannte, klagte sich nach dem Krieg durch die Instanzen, trug seinen Fall sogar bei der Urheberrechtskommission der UNO vor - ohne Erfolg.

In den Siebzigern bekam er dann trotzdem Genugtuung - und zwar ausgerechnet in der DDR. Während einer Tournee durch den Arbeiter - und Bauernstaat, als die DDR-Hymne nicht mehr gesungen, sondern nur noch intoniert wurde, stimmte Kreuders Orchester eines Abends "Good bye Johnny" an - und das Publikum erhob sich von den Sitzen. Die ersten zehn Töne der Nationalhymne und des Schlagers sind identisch. Aber vielleicht hatte Eisler gar keine unehrenhaften Absichten, als er sein Werk komponierte. Kreuders Schlager wird er wahrscheinlich gekannt haben, deshalb war sein musikalisches Zitat möglicherweise ein Wink mit dem Zaunpfahl - denn die letzte Zeilen, "mags im Himmel sein, mags beim Teufel sein, sind wir wieder vereint", kann auch ironischer Kommentar auf das geteilte Deutschland gewesen sein.

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